Wer zuerst kommt…
…der malt zuerst. So hat man in den Kindertagen immer wieder gesagt. An einem aktuellen Beispiel soll verdeutlicht werden, wie selektiv und vor allem limitiert im Grunde unsere Wahrnehmung von Informationen im weitesten Sinn, und auf diesen Bericht bezogen, Nachrichten im engeren Sinn sich darstellt. Es ist dies ebenso ein tolles Beispiel für die Möglichkeit des Netzmediums Internet, parallele Universen, verstanden als nebeneinander existente, öffentliche Sphären zu erzeugen. Diese Beschreibung, da sie den Redakteur als Probanden mit einschließt, ist nicht streng wissenschaftlich aufzufassen, macht aber deutlich, wie komplex die mediale Wahrnehmung sich darstellen kann.
Der Leser wird an dieser Stelle gleichzeitig über den Plan Kurt Becks, Ministerpräsident des Bundeslandes Rheinlandpfalz informiert, die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten mittels einer erneuten Erhöhung der GEZ-Gebühren zu Werbefreiheit zu erziehen. Es war kurz nach 22 Uhr am 23. Januar 2006, als ich – man verzeihe mir die personale Schreibperspektive – über den Internetauftritt TVBlogger.de (vgl. Eintrag vom 23.01.2006, 18:26 Uhr) von der Nachricht zuerst erfuhr.
Wie im Titel bereits angedeutet, soll dann inhaltlich der Eintrag auf TVBlogger.de die Grundlage bilden, auf der die Informationen an dieser Stelle aufbereitet werden. Der erste Teil des Eintrags dort beinhaltet die Nachricht, der Rest jedoch ist persönliche Stellungnahme des Redakteurs. Konzentrieren wir uns auf den ersten Abschnitt, der da lautet:
Im Moment ist es noch ganz normal, dass ARD und ZDF in ihrem Vorabendprogramm Werbung ausstrahlen. Geht es nach dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD), dann ist das bald Geschichte. Laut einem Artikel der Netzeitung kann sich dieser nämlich vorstellen, die Werbung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ganz abzuschaffen. Um diesen Einnahmenverlust auszugleichen, müssten die Rundfunkgebühren nur um 1,42 Euro auf 18,45 Euro angehoben werden. Das errechnete die Kommission zur Errechnung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF).
Der Leser erhält an dieser Stelle einen Verweis auf den Ursprung der Nachricht, einen Artikel in der Netzeitung (ebenfalls vom 23.01.2006, jedoch um 16:32 Uhr veröffentlicht). Quo vadis? Nun, man ging also in der Zeit zurück. Man las nach 22 Uhr einen Artikel von 18:26 Uhr, der wiederum auf einem Artikel beruhte, der noch knappe 2 Stunden vor dem zuerst von mir gelesenen Artikel erschien. TVBlogger hatte die Netzeitung als Quelle lediglich namentlich erwähnt und nicht, wie es im Internet eigentlich Gang und Gebe ist, verlinkt. Ich kann wohl zugeben, dass ich die Netzeitung als mediales Angebot kenne und regelmäßig nutze, sie ist sogar als meine Startseite eingetragen. Nun, und wer kriegt jetzt die Blumen? Der zuerst kommt, natürlich!? Aber halt… die Netzeitung berichtete noch vor TVBlogger und dennoch erfuhr ich von der Nachricht zunächst über letzteren Internetauftritt. Die Netzeitung bemühte sich vor gut einem halben Jahr, eine Funktion in ihre eigenen Seiten zu implementieren, die die Suche nach Nachrichten anbot, in über 300 redaktionell betreuten Internetauftritten, zu denen neben Wochenmagazinen und Tageszeitungen noch viele weitere Angebote zu zählen sind. Für unser durchaus nicht repräsentatives Beispiel machte ich jedoch Gebrauch von der Suchfunktion und fand, dass die Netzeitung selbst nicht ein Mal der erste Veröffentlicher dieser Nachricht war. Ganz im Gegenteil. Chronologisch lässt sich das Erscheinen der Nachricht wie folgt zusammenfassen:
- Artikel (2 Seiten) auf Handelsblatt.com, 23.01.2006, 15:30 Uhr
- Artikel (s. o.) der Netzeitung, 23.01.2006, 16:32 Uhr
- Kurzer Bericht in der Frankfurter Rundschau, 23.01.2006, 16:48 Uhr
- Artikel in der Financial Times Deutschland, 23.01.2006, 16:54 Uhr
- Eintrag (s. o.) auf TVBlogger.de, 23.01.2006, 18:26 Uhr
Diese Liste ist partiell und unvollständig, mit dem Erscheinen der Nachricht ist sie prinzipiell auch endlos. Mit Sicherheit wird es noch eine Weile Trittbrettfahrer wie TVBlogger.de oder in diesem Fall ebenfalls Sajonara.de geben, die auf solche Nachrichten angewiesen sind, um selbst Stellung nehmen zu können. Es ist erstaunlich, dass mich die Nachricht über ein mediales Angebot erreichte, dass am Ende der Kette stand, und somit das Sprichwort von den Füßen auf den Kopf stellt. Geht man davon aus, dass jedes mediale Angebot über Stammleser verfügt, die, wenn sie eine Nachricht erhalten, sie prinzipiell nicht noch von einer anderen Quelle beziehen, lässt sich im Gedankenexperiment recht gut nachvollziehen, wie viele öffentliche Sphären dadurch erzeugt werden können. Nun ist dieser Aspekt bei anderen Medien ebenso ein funktionaler Aspekt derselben, und es wäre grob fahrlässig, wollte man dem Internet allein die Separation öffentlicher Sphären angedeihen lassen, doch gibt es eine Besonderheit, nämlich die, dass prinzipiell jeder Akteur im Internet, selbst zur Informationsquelle werden kann, die aus der – im ausklingenden Zeitalter der Gutenberg-Galaxie – überschaubaren Vielfalt von Öffentlichkeiten einen Wust von nicht enden wollenden Instanzen von Öffentlichkeit schafft. Das Internet bietet einen Rahmen, der , wenn man vom technischen Hilfsmittel ein Mal absehen mag, in Analogie zur Face-to-Face-Kommunikation, ebendiesen Kommunikationsprozess zu neuem Glanz verhilft, der ihn adelt, der diesem Prozess – würde man ihn in einer mathematischen Funktion ausdrücken, die den Grenzwert gegen unendlich anstrebt – ein neues Gesicht verleiht.
Selbst wenn jeder Akteur im Internet über mehr als einen Aufenthaltsort verfügt, so ist dies in der Summe doch weithin überschaubar. Eine Funktion mit zwei Variablen müsste gedacht werden, die, wenn man die sich reziprok zueinander verhielten. Erhöhte man den einen, ginge der andere automatisch in den Keller, und umgekehrt. Das Verhalten von Internetnutzern ist ein anderes, als das von Fernsehzuschauern oder Zeitungslesern, es ist selektiver. Dadurch, dass das Angebot unbezwingbar scheint, wird der Anwender in die Rolle gedrängt, sich seine Informationen zu suchen.
Ich gebe zu, dass dem Text eine grundlegende Struktur fehlt – aber ging es mir doch vor allem darum, einige wichtige Beobachtungen beim Namen zu nennen, so das sie für weitergehende und vor allem auch ernsthafte Forschungsvorhaben so etwas wie ein erstes Brainstorming darstellen können.
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Tags Berichterstattung, Blog, GEZ, Internet, Kommunikation, Kurt-Beck, Medien, SPD, TVBlogger, Wissenschaft, Zeit, Öffentlichkeit
Kategorie Media, Politics, Science · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
