Warum Kinder?!
In der gleichnamigen Rubrik brennpunkt der Ausgabe 02/2006 des (bis Oktober 2006 noch lediglich parteiinternen) SPD-Magazins, wurde, in meinen Augen, eine streitbare Position in Bezug auf das Thema der stagnierenden, wenn nicht sogar rückläufigen Geburtenziffer, erörtert, die hoffentlich von mehr als nur einer handvoll Parteimitgliedern kritisch begutachtet werden sollte. Gerade der Aufhänger der Artikelserie bietet erste grundlegende Möglichkeiten, Kritik zu äußern – wenn man nicht sogar davon schreiben muss, in dem Fall keine Wahl zu haben.
Kinder geben dem Leben erst richtig einen Sinn. Das ist in Deutschland etwas aus dem Blickfeld geraten. Vor allem gut ausgebildete junge Paare bekommen immer weniger Kinder. Zu lange Ausbildungszeiten, unsichere Arbeitsplätze oder – wenn man es in einen Job geschafft hat – zu wenig Zeit für Familie und Partnerschaft, das sind nur einige der Gründe. Zudem bedeuten Kinder oft Verzicht auf ein Gehalt, weil mangels öffentlicher Betreuung ein Partner zu Hause bleiben muss. Anderer Länder sind da schon weiter. Von ihnen können wir lernen – damit Deutschland das kinderfreundlichste Land Europas wird (ebd., S. 6).
Anhand des Zitates werde ich einige, wie ich finde, sehr offensichtliche Kritikpunkte abarbeiten, von denen ich nicht glaube, dass sie in der Summe vernachlässigbar wären. Kommen wir unmittelbar zum ersten Satz des Zitats – es heißt: “Kinder geben dem Leben erst richtig einen Sinn.” Ich finde es mehr als grob fahrlässig den Sinn des Lebens auf die Verantwortung von anderen abzuwälzen, noch dazu Kindern. Im Geschichts-, aber auch im Sachkunde- oder Sozialkundeunterricht bekommt man schon recht früh, sollte man sich bis dahin nie eigenen Gedanken zu diesem Thema gemacht haben, vor Augen gestellt, wie wenig nachhaltig der Gedanke eigentlich ist, sich in Form von Kindern eine Art Alterssicherung schaffen zu wollen. Sicher, mag man jetzt einwenden wollen, dass die zitierte Stelle nicht so eng an diesen einen Gedanken gebunden ist, sondern darüber hinaus geht. Aber, so muss man doch festhalten, so viel Objektivität man auch walten lassen mag, es steckt auch dieser Aspekt der Funktionalisierung von Kindern darin. Er tut es überdies nämlich noch in verschiedenen Nuancen, die allesamt auf eine Funktionalisierung hinweisen. So kann man sich durchaus auch vorstellen, dass Kinder ein Substitut für Langeweile sind, dass sie einem später Sterbehilfe leisten können, dass sie eine Möglichkeit darstellen, das eigene (wenn auch nicht immer) Gedankengut tradieren helfen, usf. Die Liste ist durchaus noch verlängerbar, wenngleich nicht beliebig. Alle die erwähnten Aspekte sind für mich jedoch nicht vertretbar. Ich muss vehement dagegen sprechen.
Zwar empirisch durchaus belegbar, aber dennoch zwiespältig zu betrachen ist Verweis auf die Demographie. Dabei bedeutet Demographie nicht nur einen Unterschied im Alter der gesellschaftlichen Akteure. Einige Politiker hatten sich in der Vergangenheit bereits den Mund in der Öffentlichkeit mit ihren sehr oberflächlichen Parolen verbrannt, als sie darauf hinwiesen, dass Akademikerfamilien wenig Kinder gebieren. Das alleine ist für mich kein Grund, die Sache madig machen zu wollen. Würde man derart elitäres Denken auf die Spitze treiben, käme man nirgendwohin, außer in die Benachteiligung unterer Bildungsschichten. Redet man solchen Gedanken Tür und Tor offen, dann lehnt man sich zurück und hofft, dass die Elite sich doch bitte reproduzieren möchte. Bereits heute, Jahrzehnte nach der so genannten Bildungsexpansion, sind die statistischen Werte der Partizipanten aus den unteren Bildungsschichten am höheren Bildungsbetrieb, damals wie heute, erschreckend niedrig. Anstatt zu hoffen, dass die Eliten sich nicht auf ihrem Wohlstand ausruhen, sollte man daran gehen, der Masse die Ausbildung ihrer Fähigkeiten zu ermöglichen. Dazu müssten jedoch gerade die oberen Zehntausend mit gutem Beispiel voran gehen und sich am Ende nicht damit rausreden, 3 Studiengänge begonnen zu haben, jedoch keinen davon abzuschließen, weil man ja in der Lage sei, sich in anderer Form nach unten abzugrenzen, nämlich indem man anstatt einer Jeans zum ottonormalen Verkaufspreis, eine noble Modemarke an den O-Beinen trägt, die Siebenhundert €uro und mehr kosten. So wie damals der Pomp den Aristokraten kein wirklich ernsthaftes Argument gegen die Moral der Bürgerlichkeit war, so ist auch heute die Erhabenheit kein Mittel gegen die enttäuschten Tugenden der Unterschichten, die man nur vor den Kopf stößt, anstatt sie in den Entwicklungsprozess miteinzubeziehen.
Zu wenig Zeit für Familie und Job mag mit Sicherheit als Argument in eine moralische Kerbe schlagen wollen. Immerhin liegt es an einem selbst, ob man sich die Zeit nimmt, oder aber nicht. Doch das ist in jedem Fall so und nicht nur bezogen auf das Kinderkriegen. In meinen Augen wirkt daher dieses Argument etwas scheinheilig. Gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle einwerfen, dass wir immer von Arbeitsteilung sprechen, und fordern, gemeinsam auf dieser Welt zu leben. Nun, so wie jemand sich im Laufe seines Lebens entscheidet, Kinder zu kriegen, oder ein anderer Leistungssportler zu werden und dafür andere Dinge zu vernachlässigen, so darf man nicht außer Acht lassen, dass eben nicht jeder Leistungssportler wird, aber auch nicht jeder Kinder kriegen muss, damit der Fortbestand der Menschheit gesichert bleibt. Wenn man nun zu sehr auf Deutschland pocht, wird man sich in 100 Jahren wundern, wie der Zeitgeist sich dieser Sache angenommen haben wird. Der Nationalstaat, und so weit sind doch die Damen und Herren Sozialwissenschaftler, Volksökonomen, Anthropologen, Kulturwissenschaftler, etc., pp. doch bereits in ihren Analysen gekommen, erlebt, wenn nicht gewaltsam herbeigeführt, mit Sicherheit keine Renaisssance mehr. Wo ist das Problem, frage ich, wenn anderswo auf der Welt jemand ein Kind kriegt, das ich nicht zeugen werde wollen?! Wo, bitteschön liegt das Empfinden für den globalen Maßstab vergraben, damit wir es aus seinem Grabe wecken können?! Und wenn wir auch nur den europäischen Maßstab ansetzen, dann lassen wir die Franzosen und Skandinavier mehr Kinder kriegen, als die Deutschen und Italiener und seihen, um Himmels willen, doch damit zufrieden! Ich habe kein Problem kein Kind zu kriegen, ich hätte aber auch kein Problem eine Französin zu ehelichen und mir ihr glücklich zu werden. Die Beschränktheit im Denken, hält das Gelingen unserer Aufgabe nur auf. Wir können ewig Angst haben, und eifersüchtig sein auf das, was der andere hat, nur um selbst zu versuchen etwas zu bekommen. Wir können uns aber auch daran freuen, wenn der andere etwas erreicht und am Ende bereit ist uns etwas davon abzugeben. Jeder, der jetzt intervenieren möchte, dass aber die wenigsten etwas abgeben, der sollte seine eigenen Ängste befragen und so ehrlich zu sich selbst sein, dass man immer die Schuld bei sich und nicht beim anderen suchen sollte. Wie oft mag man behaupten, man hätte ALLES menschenmögliche versucht, es sei aber nicht gelungen. Wie oft, frage ich, hat man es wirklich versucht?! Den Weg zu gehen ist wertvoller, als auf dem Ziel zu bestehen. Wenn ich am Ende nichts anderes hatte, als eine menschliche Existenz, dann darf ich mich trotzdem glücklich schätzen, oder sollte es zumindest.
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Tags Geburtenrate, Kinder, SPD
Kategorie Politics · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
