Justitia will blind sein und die Moralapostel schwingen mit ein
Souvenir-Fotos mit knöchernen Leichenteilen gingen vor kurzem durch die Welt. Die Entrüstung war groß. Man wollte Investigation betreiben, alles lückenlos aufklären. Man wollte denjenigen, die sich vor zwei, drei Jahren in Afghanistan an bislang unbekannten Leichenteilen Erinnerungsbilder schossen, zur Rechenschaft ziehen. Die Halbwertszeit von öffentlicher Echauffiertheit ist erschreckend gering geworden. Die deutschen Bundeswehr geriet ins Fadenkreuz der Ermittlungen. Man sprach von einzelnen Soldaten, die die ganze Truppe in den Dreck gezogen hätten.
Nun, Soldaten sind ein eigener Schlag Menschen. Besonders jene, die Dienst an der Waffe tun, auch und vor allem über die Zeit des Grundwehrdienstes hinaus. Unterstellen wir jenen ein gewisses Gewalt- und Masochismuspotenzial. Stecken wir sie in eine Schublade. Ausnahmen bestätigen die Regel. Doch bei den vielen Ausnahmen, die alleine meine Person in den letzten zehn Jahren medial vermittelt miterlebt hat, wird die Regel ad absurdum geführt. Schickanei in der eigenen Truppe, Aufnahmeprüfungen mit Opferritualen, Pisaken von jungen gefreiten, immer wieder obszäne und gewaltverherrlichende Momente. Skandale, die kurz aufscheinen und dann in Vergessenheit geraten, weil Gras darüber gewachsen ist. Selbst ein nicht zu unterschätzendes Potenzial an brauner, an rechtsradikaler Gewalt dümpelt im Morast von uniformierten Gefreiten.
Bis in die oberen Dienstränge jedenfalls soll nie etwas durchgesickert sein, immer waren es nur die niederen Ränge, die sich daneben benommen haben. Dass Aufklärungsarbeit nicht in den oberen Etagen betrieben wird – der Impuls wird oft im Keim erstickt, weil die Schande einfach zu groß wäre. Es kleben Leute an ihren Positionen, die zudem gut besoldet werden, und da möchte man nur ungerne sein gesichertes Auskommen wegen irgendwelcher persönlichen Fehltritte aufs Spiel setzen. Solange die Fetternwirtschaft gut geht, solange geht sie eben gut. Mafiöse Strukturen, eine Ethik in der immer zuerst die kleine Nummer für den großen Boss den Kopf hinhält, womöglich ein stilles Schweigegelübde – all das und noch viel mehr könnte es in vielen Militärorganisationen und/oder Bundesbehörden in Deutschland und anderswo geben.
Bis zu Sechs Leute hatte man im neusten Fall zumindest identifiziert, Pech nur, dass einige schon aus der Bundeswehr ausgeschieden waren. Was mit jenen geschieht?! Nun, sie werden ungeschoren davon kommen. Doch auch jene beiden verbliebenen Soldaten haben nichts zu befürchten. Justitia wird sich die Finger nicht schmutzig machen wollen können.
Nach deutschem Recht seien keine Ermittlungen möglich.
Warum sollte außerdem etwas aufbrechen, wenn doch ein Schmutzfink dem anderen kein Auge auspickt?! – Die evangelische Kirche – dieses Mal die evangelische! – nimmt die Truppen in Schutz. In Personalunion bedeutet das: Nicht Bischof Huber, sondern ein evangelischer Ratsvorsitzender namens Christof Kähler erhebt das Wort. Ein Wort des Widerspruchs. Diejenigen, die apodiktisch Moral predigen, sie möchten nun ein Auge zudrücken. Die Anonymität der Leichenteile schließt eine derartige Aufregung um diese Sache aus, wird da argumentiert. Nun, in gewisser Weise nicht ganz zu Unrecht. Es gab schon Naturvölker, die ihre Toten weitaus weniger liebevoll behandelt haben, und deren Gebeine nicht zu irgendetwas stilisierten. Ganz im Gegenteil machten sie Asche aus ihnen und gingen recht pragmatisch damit um. Wenig hilfreich ist jedoch dieser Finger, der sich jetzt erhebt und die Fürsprache einleiten möchte – sollte er sich viel eher an die eigene Nase packen.
Es ist grotesk und geradezu absurd, wenn Leute sich derart widersinnig verhalten. Auf der einen Seite den Moralapostel spielen und auf der anderen Seite ihre Doppelmoral medial prostituieren. Wie naiv muss man sein, damit man den Worten solcher Kuttenträger überhaupt noch Glauben schenken mag?!
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Tags Bundeswehr, Fotos, Kirche, Moral, Schändung, Skandal, Soldaten
Kategorie Glocal, Politics · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
