14. November 2006

Maoris leiden an Mellitus

Das Artensterben geht weiter, und wir sind es Schuld. Genauer gesagt, die Neuseeländer. – Es gibt Tierschützer, es gibt Umweltschützer und es gibt auch Leute, die sich um Vertreter der eigenen Spezies sorgen. In ihrer Begründung sind letztere jedoch kaum objektiv ernst zu nehmen.

Fettes Essen der Neuseeländer, so warnen Wissenschaftler nun, führt bei den Eingeborenen auf der Insel, den Maoris, vermehrt zu Diabetes mellitus. Damit wird deren Volk, ihre Kultur, wird dezimiert und ist über Kurz oder Lang vom Aussterben bedroht. So zumindest die Prognose. Die Evolution könnte uns “noch” Lügen strafen. Doch viel wichtiger: Während man bei Tieren argumentiert, sie würden das Ökosystem kräftig durcheinanderwirbeln, wären sie fortan nicht mehr existent, so fällt diese Begründung im Kontext von Ausprägungen der Rasse homo sapiens sapiens flach. Wir sind selbst diejenigen, die an oberster Stelle der Nahrungskette stehen. Wir tun kurzfristig gedacht auch vieles, dass das so bleibt.

Auch “uns” Deutschen – denn, wenn ich so schreibe, merke ich, dass ich ja auch einer bin – stellen die Sozialwissenschaftler ebenfalls in Aussicht, wir würden aussterben. Die Prognosen in Abhängigkeit der Geburtenentwicklung sind nachvollziehbar. Es wird nur etliche hundert Jahre dauern und in der Zwischenzeit könnten wir den Trend aufhalten und sogar umkehren. Natürlich dann erst wieder für etliche hundert Jahre weiter gedacht. Was ist aber so schlimm daran, den Genpool mit Nicht-Deutschen zu mischen?! Versetzen wir uns also in die Lage – nein, tun wir so, als säßen wir mit den Maoris in einem Boot. Die Maoris haben bestimmt hübsche Frauen, und für alle deutschen Frauen gibt es bestimmt auch knackige Maori-Männer.
Die Frage, ob wir fortbestehen oder nicht – sie stellt sich. In was für eine Bewertungskategorie fällt jedoch das Problem, um das es dabei geht? Wenn wir aussterben, dann ist das ein kultureller Verlust. Es ist grob formuliert ein ästhetisches Problem, wenn es Maoris, wenn es uns nicht mehr geben würde. Ihre und unsere Sprache, ihre und unsere Kultur. Sie stehen auf dem Spiel. Mit dem Kapitalismus haben wir ein Konzept salonfähig gemacht, das die Konkurrenz befördert. Gleichzeitig stellen wir fest, dass die zunehmende Arbeitsteilung und die Globalisierung dazu führen, dass wir in der Sphäre des Wissens oder der Kultur, genauso wie in den Sphären der Biologie oder Physiognomie zwei Mechanismen erleben. Zum einen die fortwährende Spezialisierung, zum anderen die tiefgreifende Vermischung. Wir mischen unser Wissen, wir mischen unsere Gene. Wir sind froh darüber, das damit Progression geschieht. Es gibt Neues.

Gerade aber, wenn wir versuchen wollten, das Wissen anders als in Form von Büchern (u. a. Medien) zu konservieren, würden wir die Situation noch konfuser, noch chaotischer gestalten, als sie jetzt schon ist. Die Welt trennt sich notgedrungen von den Dingen, die überflüssig geworden sind. Wenn die Deutschen irgendwann aussterben – Günter Grass hat dies Szenario schon in seiner Prosaschrift Kopfgeburten Ende der 1970er vorweg genommen -, dann haben wir es offensichtlich falsch angestellt. Natürlich können die Maori am Ende weitaus weniger dazu. Doch wird es außer um ihre ästhetischen Beiträge für diese Welt sonst an nichts mangeln. Verglichen mit den Problemen, die das biologische Überleben unserer Spezies im Allgemeinen, “als” Menschheit anbetrifft, sind das Peanuts. Es kann nicht darum gehen, sich um den Verbleib der Maoris oder anderer Volksstämme nur deswegen zu sorgen, weil man in der Folge ein ästhetisches Potenzial vermisst. Es muss viel eher darum gehen, die Maoris, uns Deutsche, oder wen auch immer, als Teil der Menschheit aufzufassen, und uns muss daran gelegen sein, den Verbleib der Art zu sichern.

Das allerdings ist – bislang jedenfalls – recht gut sichergestellt. Die Erdbevölkerung wächst “trotz” der Schrumpfung der deutschen Gesellschaft (Peanuts again) um den Faktor 1,5. Die angesprochene und kritisierte Begründung, sie liefert einem elitären Gedanken Vorschub. Dann nämlich, wenn die Situation prekär werden würde – z. B. der Planet Erde in Gefahr wäre, und es um den Erhalt der Spezies Mensch ginge. Wen würden die Damen und Herren in das einzige Raumschiff setzen? Dann nämlich würden sie sich nicht als ästhetische Welterhalter aufspielen, sondern Kategorien des “Abendlandes” als Maßstab anlegen, und glauben, das eine wäre besser als dann andere. Unsere Kunst, unsere Sprache… usf. – all das würden sie sagen, sei besser als die der Maoris, und deshalb sollte man die klugen, die denkenden, die philosophierenden Geschöpfe auf den Mond schießen. Die Welt wird überzogen mit Kriegen, und Leute haben Zeit, Däumchen zu drehen; ein ästhetisches Daumenkino.

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