23. November 2006

Von Sexträumen… über Repräsentativität und ihre Mechanismen.

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Die Wochenzeitung Die Welt berichtet in ihrer Onlineausgabe über eine Umfrage der Zeitschrift Petra zum Thema Sexträume. Nicht so sehr die Tatsache, “dass” es die Zeitschrift Petra war, die eine repräsentative Umfrage über das Thema Sexträume in Auftrag gab, sondern viel eher der leidige Gemeinplatz, wie man mit 1.072 Befragten von Repräsentativität sprechen kann, kann einen immer wieder die Stirn in arge Falten werfen lassen. Immerhin?! zeichnete sich die GEWIS für die Umfrage verantwortlich.
Die GEWIS führt regelmäßig Umfragen durch, bei denen es Außenstehenden (z. B. Medienschaffenden) möglich wird, eigene Fragen in die veranstalteten Umfragen integrieren zu können. Die GEWIS bietet ihre Dienste bereits für 600 Euro an, wie man auf deren Website einsehen kann. “Eine” Frage mit acht Antwortmöglichkeiten kriegt man für diesen Betrag. Die Ergebnisse werden aufbereitet. Die zweite, dritte und weitere Fragen kosten jeweils nur noch 400 Euro. Individuelle Wünsche sind nach Absprache ebenfalls möglich. Die Frage ist, wieviel gibt, wieviel kann eine Zeitschrift wie die PETRA für eine Umfrage ausgeben? Und “wieviel” Wert haben die Ergebnisse? Auch ohne Interview mit den Verantwortlichen lassen sich schlagkräftige Indizien sammeln, wenn man anhand der Antworten die möglichen gestellten Fragen rekonstruiert.
Wenn man den Ergebnissen der Umfrage trauen möchte, kann man zum Beispiel folgendes Faktum festhalten: Frauen träumen circa fünf Mal im Monat erotisch, Männer circa drei Mal so oft. Wenn ein Monat 30 Tage hat, müssten Männer jeden zweiten Tag einen erotischen Traum haben. Jeder männliche Leser kann für sich selbst entscheiden, ob er demzufolge das richtige Geschlecht trägt, oder nicht. Die Frage zu dieser potenziellen Antwort kann man sich leicht dazudenken. Die Antwort weist aber durchaus auf Ungereimtheiten hin. Anderen, und durchaus repräsentativeren Umfragen zufolge leiden in Deutschland unheimlich viele Leute unter Schlafstörungen. Zum entspannten und auch erotischen Träumen ist ein gesunder Schlaf jedoch eine notwendige Voraussetzung.

Im Grundstudium Sozialwissenschaften wird bereits darüber aufgeklärt, wie wichtig die Art der Fragestellung ist, in Kombination mit den vorhandenen Antworten. Wenn Kategorien angegeben werden mit einer Häufigkeit “bis”, dann bleibt den Betreffenden nichts anderes übrig, als manches Mal eine Milchmädchenrechnung als ihre eigene Antwort gelten zu lassen. Zudem gibt es Studien, die gerade in diesem Bereich, der erotischen Themen von Befragungen einen Unterschied im Antwortverhalten von Männlein und Weiblein festgestellt haben. Männer schneiden häufiger auf, sie neigen zu Übertreibungen. Resultieren tut das, zumindest den Erklärungen nach, aus den Anforderungen an männliches Rollenverhalten. Mann muss seiner Rolle gerecht werden, wie Frau aber auch.

Sexträume von Frauen seien subtiler, heißt es der Umfrage zufolge. Wie interpretiert man das Wort “subtil”? Es bedeutet feinsinniger. Laut den Befragten – und hier kommt ein weiteres Fragezeichen hinzu – sind Frauen schon durch Eindrücke wie Farben, Töne, Stimmungen oder Gesten erregt. Damit eine Umfrage ausgewogen ist, sollten gut 50% Männer und 50% Frauen daran teilnehmen. Dass die GEWIS derlei Rahmenbedingungen sicherstellt, sollte in ihrem eigenen Erkenntnisinteresse liegen. 1072 Frauen zwischen 29 und 35 Jahren habe die GEWIS ausgefragt. Eine sehr enge Gruppe von Befragten, offensichtlich eine, die der Zielgruppe der Leserschaft von Petra entsprechen soll.
Zu beliebten Motiven der erotischen Träume von den befragten Frauen zählen z. B.:

der geheimnisvolle Fremde im Taxi oder Sex vor Zuschauern. Auch erotische Abenteuer mit Geschlechtsgenossinnen, Kollegen oder Ex-Freunden zählen zu den „Sextraum-Klassikern“. (Die Welt)

Bei der Berichterstattung der Wochenzeitung Die Welt bleibt unklar, ob auch Männer befragt wurden, und so stellt sich jedes Mal die Frage, wie die entsprechenden Antworten oder Aussagen über die Sexträume von Männern zustande kamen. Eine entsprechende Anfrage ist noch nicht beantwortet worden. Eine Ausgabe der Illustrierten liegt nicht vor. — Weiterhin heißt es, dass sich jeder vierten Frau aus dem Kreis der Befragten schon einmal in der Realität erfüllte. Ganz allgemein empfinden die Befragten Frauen Sexträume als wichtig. 86% sehen geheime Botschaften darin verschlüsselt.

Überschlägt man die bei Die Welt angegeben Themen, kommt man insgesamt auf 5 Fragen, die die Zeitschrift Petra in Auftrag gegeben haben könnte. Vielleicht hat diese Umfrage das Budget der Illustrierten um ca. 2500 Euro erleichtert. Verglichen mit den Kosten für wissenschaftlich fundierte Empirie ein Klacks. Die Aussagekraft der Ergebnisse wirkt zweifelhaft.

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Kategorie Media, Science · Autor · 2 Kommentare


2 Kommentare

  1. Pingback von Argumente (10): Ist das Fernsehen für Gewalt an Schulen zuständig? - Sajonara.de - Internetmagazin
    February 9, 2007 · 1:46 pm

    [...] veräußert. Dies Verfahren und auch das Stichwort Representativität standen bereits auf dem Prüfstand, damals ging es um eine Umfrage in der Wochenzeitung “Die Welt” zum Thema [...]

  2. Pingback von Der gemeine Computerspieler - Sajonara.de - Internetmagazin
    November 21, 2007 · 10:37 am

    [...] können. Nur, über das Problem der Repräsentativität hatte ich in der Vergangenheit bereits einige Male [...]

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