Argumente (2)
{1}Die Readers Edition veröffentlichte heute ein Interview (der Link wurde nachträglich entfernt, da die Readers Edition keinen Wert auf die Blogosphäre legt) mit dem Aufsichtsratsmitglied des StudiVZ, Martin Weber. Für das Interview verantwortlich zeichnet sich Florian Surek (der Link wurde nachträglich entfernt, da die Readers Edition keinen Wert auf die Blogosphäre legt).
Weber, angesprochen auf die diversen Probleme des StudiVZ spielt rhetorisch klug den Pass immer weiter. Subtil gibt er eine Mitschuld der StudiVZ-Betreiber zu, nimmt aber die Gesellschaft gerne mit in die Verantwortung. Er verhält sich so, wie Politiker sich oft verhalten, wenn sie versuchen, eine ihnen gestellte Frage galant zu umschiffen. In der Argumente-Kolumne möchte ich mich an diversen Stationen des Interviews entlang hangeln.
Angesprochen auf das Problem der “Stalkingjagd” in Mitgliedergruppen des StudiVZ, und was er als Investor darüber denke, gibt Weber zunächst den Hinweis darauf, dass die Studentengemeinschaft sehr groß sei, über 200 000 Gruppen verfüge und die Macher eine Meinungsvielfalt befürworten würden.
“StudiVZ ist in erster Linie eine Kommunikationsplattform. Über eine Million Studenten tauschen sich dort direkt oder in mehr als 200.000 Gruppen aus. Es wird die Meinungsvielfalt gepflegt, aber studivz darf kein rechtsfreier Raum sein. [...]” (RE)
StudiVZ darf also kein “rechtsfreier Raum sein.” Es darf also auch dort nicht jeder tun, was er gerne möchte. Die Überwachung einer so großen Gemeinschaft sei eine “Herausforderung”, meint Weber. In der Tat ist es das. In erster Linie aber für den Menschen und vor allem für die Macher hinter StudiVZ und nicht für die Maschine. Einfache kleine Scripts hätten genügt, um gewisse Inhalte zumindest anzuzeigen. In der Folge hätten die Mitarbeiter des StudiVZ sich Moderatoren gleich in die Gruppen einschalten können, es gibt Beispiele, z. e. die sogenannte Stalker-Gruppe, oder jene mit der angeblich fehlinterpretierten Nazi-Satire. Auch interessant ist in dem Zusammenhang die Nachricht aus der WZ vom 24. November. Ein StudiVZ-Mitglied aus dem Kreis Mettmann hatte sein Studium abgeschlossen und wurde zum Polizeikommisar ernannt, kurze Zeit später jedoch sofort wieder suspendiert. Der Grund: Der frischgebackene Kommisar hatte bei StudiVZ eindeutig rassistische Drohungen formuliert.
“Man könnte das Schaf (gemeint ist die Münsteraner Disco ‘Das Schwarze Schaf’) auch sprengen und vorher Flyer auf türkisch, albanisch und russisch verteilen – nur damit alle Asozialen da sind, wenn die Bombe hoch geht.” Alleine schon die ausländerfeindliche Formulierung machte den Münsteraner Disco-Besitzer Christoph Hartig wütend. (WZ)
Hartig wurde von Gästen darauf angesprochen und wandte sich in der Folge an die Macher von StudiVZ. Was geschah?
“Als mich ein Gast auf diese Seite hingewiesen hat, habe ich sofort den Betreiber der Seite aufgefordert, den Beitrag herunter zu nehmen. Es ist aber nichts geschehen.” (WZ)
Ein ähnliches Szenario also wie im Fall der Stalker-Gruppe. Denn auch in diesem Fall gab es Beschwerden, sogar von NutzerInnen des StudiVZ und wenig bis gar nichts geschah. Erst die Mettmanner Polizeibehörde musste die Löschung des Beitrags veranlassen. Dazu der Polizesprecher Löhe zur WZ:
“Wir werden veranlassen, dass dieser Eintrag gelöscht wird.” (WZ)
Tragikomisch ist, dass die Boulevardpresse an der Aufklärung beteiligt war. Ohne BILD-Zeitung keine Suspendierung und in der Folge auch keine Reaktion seitens der Trias um Ehssan Dariani. Die “Blogger” wurden vor allem von Mitgliedern der sogenannten Stalker-Gruppe in der Blogosphäre immer wieder abwertend als “Gutmenschen” bezeichnet, ein besonders negativer Beigeschmack, da Adolf Hitler diesem Begriff Konnotationen beifügte. Zumindest im Fall der Sexismusvorwürfe ist bekannt, warum nichts geschah, nämlich deshalb, weil einige der Mitbegründer gerne selbst Teil der Gruppe geworden wären. Aber von eben jenen wurde den Bloggern immer wieder auch Nähe zum Boulevard nachgesagt. Wenn die traurige Gemeinsamkeit darin besteht, dass es erst dieser fremden Institution, dieses Drucks von außen bedarf, ehe den Betreibern von StudiVZ ein Unrechtsbewusstsein entsteht, dann ist das offensichtlich der einzig gangbare Weg.
Es ist daher auch unklar, warum der Holtzbrinck Vorstand Weber derart offensichtlich über diese Sachverhalte hinwegsieht. Wir alle sind in der Pflicht, denn wir seien die Gesellschaft und vor allem die Nutzer des StudiVZ geht es ja an. Was aber, wenn diese sich bemerkbar gemacht haben, und von Seiten der Betreiber nicht reagiert wird? Diese Antwort blieb Weber im Interview schuldig. Wohl auch, weil es ein unschönes Thema ist, mit dem man nur Glanz vom schillernden Lack abträgt. Es geht Weber indirekt ja um sein Produkt, und das schlecht zu reden wäre keine gute Firmenpolitik. Immerhin nahm Weber allerdings einige der Macher in die Verantwortung. Namentlich wurde der Mit-Macher nicht genannt, welcher sich in die Stalker-Gruppe Einlass erbat. Der Blogosphäre ist er ohnehin grob bekannt.
“Man hat die Gruppe aufgefordert, Inhalte zu löschen und sich den AGB entsprechend zu verhalten. Der Mitarbeiter, der angeblich um die Aufnahme gebeten hatte, war in den Vorgang am Rande involviert und hätte die Gruppe selbst prüfen müssen, bevor er über einen Dritten einen angeblichen Beitrittswunsch ausspricht.” (RE)
Die Aufforderung, zumindest ein — vielleicht gab es ja noch eine weitere, der Öffentlichkeit nicht bekannte — ist allen LeserInnen der blogbar bekannt. Auf den entsprechenden Artikel bezüglich der Stalker-Gruppe wurde oben bereits verwiesen. Die Devise lautet also: Das Produkt schön reden, und die ungeliebten Macher durchaus nicht ungeschoren davon kommen lassen. Immerhin haben sie sich in der Öffentlichkeit und im Umgang mit der Verantwortung für StudiVZ dilletantisch verhalten. Nicht nur von Investoren wird das nicht gerne gesehen. Weber, näher auf die Person Darianis angesprochen, gab Folgendes zum Besten:
“Ohne Zweifel hat Herr Dariani hier signifikante Fehler gemacht, sowohl was die erstellte und als Satire gemeinte Einladung als auch einige Videos angeht. Er hat sich dafür öffentlich entschuldigt. Über Geschmack lässt sich streiten, aber wir dulden keine rassistischen oder diskriminierenden Verhaltensweisen.” (RE)
Und obgleich Weber gerade die Medien benutzte, um dieses Interview zu geben, spricht er diesen jedoch jedwede Entscheidungskraft ab, darüber (mit) zu entscheiden, wohin der Weg von StudiVZ gehen wird. Er wehrt sich damit u. a. gegen die Einschätzung der Wochenzeitung Die Welt, die bereits titelte, StudiVZ sei vor die Wand gefahren.
“Ob das StudiVZ ein Erfolg bleibt oder nicht, entscheiden nicht die Medien, sondern nur die Studenten selbst. Wir werden uns gemeinsam mit dem Team bemühen, den Anforderungen der Nutzer gerecht zu werden. Es wurde viel erreicht, vielleicht zu schnell. StudiVZ wird als Plattform ständig schneller und sicherer. Wir glauben an die Gesellschaft und das Konzept.” (RE)
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Tags Dariani, Hitler, Holtzbrinck, Interview, Kommisar, Mettmann, Nazi, Readers-Edition, Satire, StudiVZ, Suspendierung, Vorwürfe
Kategorie Media · Autor Alexander Trust · 1 Kommentar

December 11, 2006 · 9:08 am
[...] Schröder kann nur wirsch mit dem Kopf schütteln, vielleicht wollte er sich vor die Stirn hauen. Ganz sicher aber kann er in seinem Artikel sehr schön begründen, warum die Ergebnisse aus der Co-Produktion Edelman und Technorati ein falsches Bild der Blogosphäre abbilden. Man merkt auch hier wieder, wie nicht Expertise sondern Dilletantismus das Prinzip dieser Garde von Entrepreneurs zu sein scheint. Da war doch was? Richtig, schon bei StudiVZ fand sich in der Führungsriege nicht unbedingt wenig davon. No Comments Leave a Commenttrackback addressThere was an error with your comment, please try again. name (required)email (will not be published) (required)url [...]