5. December 2006

Argumente (3)

Don Alphonso im Interview. Florian Surek schickt sich an, bei der Readers Edition den Schritt zu tun, den andere Medien bereits gegangen sind — über das Berliner Start-Up StudiVZ zu berichten. Doch Surek tut dies nicht unbedingt so, wie andere es zuhauf getan haben. Er lässt die Beteiligten zu Wort kommen. Erst vor kurzem führte er ein Interview (der Link wurde nachträglich entfernt, da die Readers Edition keinen Wert auf die Blogosphäre legt) mit dem Aufsichtsratmitglied des StudiVZ Martin Weber. Weber gehört zum Investorteam der Holtzbrinck-Gruppe, die sich bei dem Berliner Start-Up eingekauft hat.

Jetzt hat Surek ein neues Interview (der Link wurde nachträglich entfernt, da die Readers Edition keinen Wert auf die Blogosphäre legt) in der RE mit Skandal-Blogger Don Alphonso veröffentlicht. Der Don heißt eigentlich Rainer Meyer und hat ein sehr dickes Fell. Der Bayer hat sich das Stänkern und das Meckern selbst auf die Fahnen geschrieben. Auf die Frage hin, was er denn dachte, als er das erste Mal von StudiVZ gehört hätte, antwortet Alphonso zunächst generalisierend:

“Ich habe in den letzten Jahren viele sogenannte “Communities” gesehen, sie kommen und gehen. [...]” (RE)

In manchen Punkten, ich erwähnte es bereits, bin ich mit der Position Rainer Meyers einverstanden. Andere Ansichten des Skandal-Bloggers lehne ich hingegen ab. So auch in diesem Fall. Man merkt an dieser Aussage genau, dass sie pauschalisiert. Sie tut dies, weil sie ein subjektives Werturteil ist, gefällt anhand von Erkenntnissen, die man gemeinhin als Lebenserfahrung bezeichnet. Im Umgang mit Menschen mag einem Lebenserfahrung sehr wichtig werden, in der Analyse von Szenarien ist sie nicht immer hilfreich. Vielmehr verschließt die Erfahrung, verengt zunehmend die Perspektive.

Worauf ich hinaus will: Ich bin in diesem Punkt der Ansicht, dass gerade sogenannte “Communities” eben nicht kommen und gehen. Angetrieben durch den Impuls des Kapitalismus, entwickelt sich unsere Gesellschaft mehr und mehr zu einer Entfremdungsblase. Erst kürzlich unterhielt ich mich mit Kommilitonen über dieses Thema. Es geht eben nicht darum, dass die 1 Million Mitglieder von StudiVZ eben alles Outsider wären, nur irgendwelche Randfiguren. Sie sind ein Beleg für das Bedürfnis, dass die sukzessive Entfremdung erzeugt. Konkurrenz ist das Prinzip der Stunde, der Status Quo. Ob in der Schule, im Studium, im Beruf, und so weit muss man nicht gehen, es begegnet einem im täglichen Leben. Im Zuge zweier Studienarbeiten über Bildung und Soziale Ungleichheit, die ich im Bereich der Soziologie schrieb — aber schon in diversen soziologischen Gesellschaftsdiagnosen, die man während des Grundstudiums vermittelt bekam, klingt an, dass das Gegeneinander so etwas wie der Primat dominant-kapitalistischer Gesellschaften ist.

Das Miteinander hingegen tritt in den Hintergrund. Soziale Beziehungen sind vor allem daran geknüpft, ob man sie sich leisten kann. Indirekt eine Frage des Geldes, des ökonomischen Kapitals. Denn nur wer Geld hat, ist unter den gegeben Rahmenbedingungen in der Lage, sie in Zeit als nutzbringenden Faktor umzusetzen. Für jene, die von unten kommen, und nicht über die ökonomischen Mittel verfügen, ist gerade das Bildungskapital der Strohhalm, den sie nicht aus den Augen verlieren dürfen. Wer, aus jenen kapitalfernen Schichten stammend, sich im akademischen Feld nicht der Bildung, sondern der Freizeitgestaltung widmet, verliert subjektiv wie objektiv sehr viel mehr, als jemand, der dank einer guten Ausstattung mit ökonomischem Kapital eine Alternative zum Bildungskapital hat.

Es gibt also ein starkes Konkurrenzprinzip, das in unserer Gesellschaft vorherrscht und so entsteht ein ebenso großes Loch. Von Deutschland als einer Singlegesellschaft wurde schon geschrieben, ebenso von der kinderlosen Gesellschaft. In diesem Kontext finden sich noch mehr Indizien. Ein sich verfestigendes zwischenmenschliches Vakuum, das auf solche virtuellen Community-Angebote sehr gerne reagiert und sie annimmt. So zumindest meine Hypothese. Mit empirischen Daten aus Erhebungen könnte man dem Thema nachgehen. Einen Eindruck bieten zum Beispiel die vielen Kommentarbeiträge aus dem StudiVZ-Blog. Ein Blog-Eintrag sticht hier hervor, da er eine mehrtägige Pause des Blogs ankündigt. In den Kommentaren finden sich in der Folge viele Sehnsuchtsäußerungen und beinahe schon Suchteingeständnisse von Nutzern und Nutzerinnen des StudiVZ. Dies ist natürlich nicht repräsentativ, wegen der relativen Häufung solcher Aussagen jedoch durchaus als Indikator nicht zu unterschätzen.

Doch zurück zum Interview: Don Alphonso hatte in seiner ersten Antwort also direkt für argumentativen Zündstoff gesorgt. In der Folge habe ich seinen Aussagen allerdings wenig entgegen zu setzen. So beurteilt er beispielsweise die Geschehnisse als vom von Realitätsverlust auf Seiten der Macher, aber auch Investoren. Quo vadis, StudiVZ? — Der Weg wird weitergehen. Selbst wenn man die Spitze nicht auswechselt, wie Don Alphonso es fordert, und wie ich es zumindest für wünschenstwert erachte. Eine öffentliche Entschuldigung für einige Vorfälle steht in meinen Augen allerdings noch aus. Ein Eintrag im davor nur wenig frequentierten Firmenblog empfinde ich nicht als öffentliche Entschuldigung.

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Kategorie Media, Science · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare


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