Was Prominente von Otto-Normal-Bürgern unterscheidet
Wir haben es mitbekommen, zumindest einige von uns, einige wenige wohl. Die Mitteilung stand nicht im Zenit der Blogosphäre. Ich habe es nur am Rande in einer Schlagzeile erhascht und ein Mal kurz auf einem Artikel in der Netzeitung verweilt, der es mir erklärte. “Tempo” wird 30 Jahre alt. Tempo, was ist das? Nun, es ist unter anderem die Markenbezeichnung für besonders robuste und zugleich samte Schnieftücher. Der Marktführer unter den Taschentüchern quasi. Unsere Augenwinkel werden nicht nass, und wir sind nicht erkältet, demnach kann es sich im Folgenden also doch nur um Tempo, das Magazin handeln.
Zur Geburtstagsausgabe hatte man sich etwas Besonderes ausgedacht, einen Schabernack, mit üblem Beigeschmack?! Denn jetzt lesen wir mit Bestürzung “Prominente gehen falscher Nazi-Akademie auf den braunen Leim“. Ein Artikel aus der Prollpresse. Ein Artikel in der BZ. Die Tempo hat Einhundert Prominente angeschrieben, erfahren wir dort. Man erfand eine “Deutsche Nationalakademie” und bot der Elite einigen Elitären aus Sport, Kultur, Musik und Wirtschaft die Ehrendoktorwürde an. Alles war natürlich nur Spaß, oder, wie es Neudeutsch heißt, gefaked. Gespickt mit Zitaten aus Hitlers Mein Kampf und anderem Pamphlet aus der Nazizeit buhlte das artifizielle Anschreiben um die Gunst der Eitlen. Zumindest die BZ vergibt für die 100 Angeschriebenen dieses Etikett. Man fragt: “Macht Eitelkeit blind für politischen Mist?” ? Immerhin 30 von 100 prominenten Versuchskaninchen gingen der Tempo auf den Leim.
Ich frage: Wo bitteschön geht’s hier zum Strand? — Nein, mal ehrlich… Mit Stefan Raab in der Sonne liegen und eine Idee austüfteln, um unbescholtene Bürger in TV-Total bloßzustellen. Ob sie Gerhard Schröder für Joschka Fischer halten oder die Umrisse Spaniens als Deutschland erkennen, ist in erster Linie ein Fettnäpchen, in das wer tritt? Nun, die, die absichtlich dazu verführt werden, hinein zu treten. Ich behaupte: Es gibt keinen Unterschied zwischen jenen, die die Tempo aufs Korn nahm, auch wenn dieses Presse-Prollorgan es noch so sehr vermutet. Hinz und Kunz, behaupte ich, hätten sich genauso leimen lassen. Umgekehrt hätten jedoch nicht alle Promis die TV-Total-Schikane ganz ohne Blessuren verlassen. Bekanntheit in der Öffentlichkeit ist kein Gradmesser für Bildungskapital, über das der oder die Einzelne jeweils verfügt. Diese Eitelkeit, von der die BZ schreibt, davor ist der Otto-Normalbürger im Wesentlichen eben auch nicht gefeit. Wir sind… richtig: alle nur Menschen. Mit Fehl und manchmal eben ohne Tadel, andere wieder mit Schimpf und Schande.
Dieter Bohlen jedenfalls muss sich jetzt eben anhören, dass er einer derjenigen war, die ohne mit der Wimper zu zucken, auf das Angebot der Tempo hereingefallen ist. Hätte es Britney Spears besser gemacht? Ich zweifle stark, dass überhaupt irgendjemand Zitate aus Mein Kampf im Kopf hat. Besonders hierzulande, da der Umgang mit dieser Lektüre nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist. Eigentlich müsste doch Konfutius bestimmt einen schlauen Spruch zu derlei wenig bedeutsamem Alltagsboulevard übrig haben, allein, mir fällt er nicht ein. Damit das Ganze hier nicht umsonst war: Jetzt ist immerhin deutlich geworden, was Prominente nicht von Otto-Normal-Bürgern unterscheidet.
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Kategorie Media, Science · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
