Le Web (3): Das politische Skandalon – Teil 1
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In einem kurzen, einleitenden Artikel verwies ich bereits auf den letzjährigen “Skandal” des von Loic Le Meur initiierten Kongresses in Paris. Der diesjährige Event, Le Web (3), er ist vorbei. In der Folge schwappt eine Unmutswelle durch die Blogosphäre. Hatte man doch pro Kopf 300 Euro ausgegeben, um sich in Paris mit der Expertise um das Web-Zeitgeschehen berieseln zu lassen. Es sollte anders kommen. Doch ehe ich den Kritikern ein wenig Raum zur Darstellung gebe, soll nicht unerwähnt bleiben, dass es durchaus auch andere Stimmen dazu gibt.
Shel Israel, u. a. Gastredner auf dem letztjährigen Kongress gibt seinem Bekannten Ian Delaney in einem Blogeintrag (engl.) einen guten Rat. Zwar habe er mitbekommen, dass dort der Politik Raum geboten wurde, vor vorwiegend Technikinteressierten zu reden, Israel fände das allerdings weitaus weniger schlimm als Delaney, der in diesem Jahr vor Ort weile. Er solle doch, wenn er die politischen Beiträge sterbenslangweilig fände, in der Zwischenzeit sich auf dem Gelände des Kongresses umtun und das weitaus wichtigere Kapital, das soziale nämlich, zu vermehren suchen, anstatt auf Informationen zu warten, die man zur Not auch aus anderen Quellen beziehen könnte. Israel allerdings verknüpft mit dem Nobelpreisträger Schimon Peres einen Funken Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten. Aus diesem Grund hätte er, an Delaneys Stelle, liebend gerne gehört, was Peres vorgetragen hat.
Anders lauten da die Worte von Nicole Simon, einer deutschen Besucherin der Veranstaltung in diesem und letztem Jahr. In ihrem Blog (engl.) skizziert sie zunächst ein Mal ihre Erwartungen an das diesjährige Le Web. Im letzten Jahr sei man — sie schreibt offensichtlich im Namen mehrerer — enttäuscht darüber gewesen, welche Klientel sich eingefunden hatte. Vorwiegend Geeks seien auf hauptsächlich “normale” Leute getroffen. Professionals, von denen sie zumindest andeutet eine zu sein, hatten sich das Ganze etwas anders vorgestellt.
Bereits an der Organisation des Events, dem Programm, mäkelt Simon rum. Es sei klar, wenn man derart viele Leute erwarte, dass man auch genügend Zeit investieren müsse, um ein vernünftiges Programm auf die Beine zu stellen. Aus ihrer Sicht jedenfalls sei das Programm nicht gut genug organisiert gewesen, um die Bedürfnisse zu befriedigen. So hat offenkundig jeder seine Meinung. Wer allerdings kann anhand eines Ergebnisses aus der Ferne beurteilen, wieviel Zeit wirklich in die Ausarbeitung des Programms geflossen ist? Sicher kann man es abtun und als nicht gut befinden. Doch das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass Loic nicht eventuell genug Zeit, vor allem in seinen Augen, darauf verwandt hat. Frau Simon tut uns dann den Gefallen, dass sie eine Brücke schlägt, zwischen einem Argument Iraels, das wir bereits zu Beginn erwähnten und ihr nun ebenfalls entgegnen können. Denn sie schreibt:
“[...] Which is why i have an amount of political content i never wanted to see nor wanted to attend and everything else got pushed aside because of that – without me having really a choice through this. [...]” (Nicole Simon)
Natürlich hat sie Geld bezahlt, wenngleich sie den Eintritt frei hatte, so kostete sie die Reise Geld, und natürlich hat sie eine Erwartung gehabt. Die wurde offenkundig nicht erfüllt. Gleichwie hatte sie eben doch eine Möglichkeit sich der politischen Pamphlete zu entziehen. Wie Israel bereits anmerkte, herumstreunen und soziales Kapital vermehren wäre für solche wie Simon die bessere Wahl gewesen. Vielleicht trug sie einen Hemmschuh. Weiß man’s? Sie schreibt davon, “man” habe sich wie eine Geisel gefühlt in dem Augenblick, zu Beginn sei man sogar von Sicherheitsleuten kontrolliert worden, und alles nur wegen der geladenen Staatsgäste. Sowas, sowas.
Einige ihrer Bekannten, die dorthin gekommen waren, um 20-minütige Vorträge zu halten, sie wurden vor Ort kurzfristig darüber informiert, sie mögen ihre Vorträge doch bittesehr auf gut die Hälfte der Zeit verknappen. Es hätten sich kurzfristige Veränderungen ergeben. Diese Änderungen, wir wissen es bereits, sie haben mit Vertretern der Politik zu tun. Präsidentschaftskandidat Sarkozy, der in eine Affäre verstrickt ist, und der noch in einem Gerichtsverfahren eingespannt ist, um Klarheit über seine Unschuld zu erzeugen, er machte Wahlkampf. Auf einem Kongress für Geeks und Professionals aus dem IT-Sektor. Man sei, so Simon, auf einer “europäischen” Konferenz und da wäre es ein Unding, wenn man sich nicht nur politische Parolen anhören müsse, sie zudem aber auch nicht verstünde. Nun, warum fährt jemand nach Frankreich, auf einen Kongress, wenn er nicht mal in der Lage ist, Französisch zu verstehen?!
In Sachen Politik kann man geteilter Meinung sein, für den Anlass finde ich die politischen Redner allerdings auch eher ungeeignet. Sich jedoch wie Simon hinzustellen und unbedingt alle Vorträge in englischer Sprache zu wünschen, ist, gerade in Frankreich, irgendwie naiv. Die Franzosen sind stolz auf ihre Sprache und versuchen, wo es nur eben geht, sich gerade vom Englischen zu unterscheiden. Nun hat man gesehen, dass Loic Le Meur auch ein politischer Mensch ist. Nun, so sei es. Er hat sich geoutet. Viele Künstler haben sich vor und während des Irakkrieges geoutet, entweder für oder gegen George W. zu sein. Die Besitzer von Google haben dieses Jahr auch den Schritt getan, öffentlich ihre Sympathie für die Republikaner und George W. zu bekunden.
Beinahe jeder, mit dem sich Frau Simon unterhalten hat, war ebenso enttäuscht über die politische Infiltrierung dieses Events. Nun, mit wievielen von 1000 Besuchern hat sich Frau Simon denn unterhalten?! Ich möchte gar nicht bezweifeln, dass ein Großteil irritiert gewesen sein muss. Was wohl die Sponsoren der Veranstaltung dazu sagen würden, stellt Frau Simon die Frage in den Raum, nicht um noch auf einen Bekannten zu verweisen, der in seinem Blog dieselbe Frage zu stellen scheint. Abschließend will Frau Simon diese Konferenz noch als Paradebeispiel angesehen wissen, dafür, wie man derartige Events nicht veranstalten sollte. Loic Le Meur habe sehr viel, wenn nicht gar alles Vertrauen verspielt. Er habe sich nicht in den Fuß, sondern sogar in den Kopf geschossen, zieht sie metaphorisch eine Analogie. Mehr zum Thema Le Web (3) an anderer Stelle.
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Tags Le-Web, Loic, Nicole-Simon, Sarkozy, Schimon-Peres
Kategorie Media, Politics · Autor Alexander Trust · 8 Kommentare

December 14, 2006 · 5:20 pm
Frau Simon hat mit ihrer Peergroup geredet, Blogeinträge verfolgt und auch mit Sponsoren “off the record” geredet.
Und sie ist auf eine Konferenz nach Frankreich gefahren und hat erwartet das alles in Englisch stattfindet, weil die beiden Vorgänger genau das auch waren, das gesamte Programm dieser Konferenz ebenfalls und es absolut klar war, daß dieses die Konferenzsprache ist.
Außer das auf einmal die Politiker anrollten. Man sollte schon etwas mehr wissen über die Historie dieser Konferenz und anderer im Europäischen Sprachraum. Diese Art von Konferenz findet zumeist ausschließlich in Englisch statt, sowohl Programm als auch die Gespräche in der Runde. Ich weiß, sowas ist schwer zu recherchieren.
Wie ich auch schrieb waren wir im letzten Jahr überrascht das mehr ‘normale’ Leute anwesend waren, darauf waren beide Seiten nicht sehr vorbereitet, was zu Spannnungen geführt hat. Dieses Jahr war die Publikumsverteilung klar.
Nicht Geeks und Early-Adopter unter sich, sondern in der Mischung mit normalen Menschen die diese Technologien anwenden will.
Über die Erfahrung mit der Planung – schön das Sie mehr wissen als ich. Ich weiß das Loic stolz verkündet nur 10 Wochen aufgewendet zu haben, ich habe die Rückmeldungen von diversen Rednern aus erster Hand wie die Planung hierzu erfolgt bzw. die Änderungen im Vorfeld und am eigentlichen Tage als auch selber Kontakt rund um die Organisation.
Auf der Konferenz selber habe ich mit Menschen gesprochen als das diese auch auf mich zugekommen sind, man hat Blicke ausgetauscht und am Abend sich ausgetauscht.
Und Sie?
Shel’ Kommentar ist die Zusammenfassung der bisherigen Abläufe aus auswärtiger Sicht. Wenn ich schon als Beispiel für Kritik herhalten sollte hätte man sich ja auch mit dem speziellen Artikel “was ich gut fand” beschäftigen können.
Aber ich vermute, daß ist zuviel verlangt bzw. paßt nichts ins Bild.
December 14, 2006 · 7:06 pm
Ob das zuviel verlangt ist, aber man wird nicht jeden Blogeintrag lesen, den jemand geschrieben hat, sie kennen wahrscheinlich auch nicht alle bald 300 von dieser Stelle, oder? Ist aber auch gar nicht notwendig, finde ich. Sonst hat man nichts anderes mehr zu tun, als Blogs von irgendwelchen Leuten zu lesen.
Folgendes: Wenn Sie nicht nur alles madig gemacht haben, hätten Sie das in Ihrem Artikel auch erwähnen können und unmittelbar darauf verweisen. So wie ich zu Beginn auf eine Einleitung zum Skandal letztes Jahr verwies, und: Dies ist Teil 1. Zu früh gefreut, also?! Es werden noch andere Blogeinträge vorkommen, die ich reflektiere und so wird am Ende hoffentlich ein passendes Bild entstehen.
Ich persönlich finde, ob etwas so war oder nicht, es ist eine grundsätzliche Haltung, ob man Englisch nun gut findet oder nicht. Englisch ist nicht die Weltsprache schlechthin. Ich argumentiere immer eher von einem persönlich-ideologischen Standpunkt aus und weniger von dem, was manche vielleicht gerne hätten. Nun, Shel ist Auswärtiger, trotzdem kann man eine Meinung haben. Das ist eine philosophische Debatte, deren Ursprung schon lange, lange zurückliegt. Ob man sich, wenn man nicht dabei war, keine Meinung erlauben könnte. Sortieren Sie sich ein, oder, Sie haben es bereits getan, zu denjenigen, die das glauben, oder zu den anderen.
Sie müssen den Artikel zudem auch ein wenig auf Ironie hin lesen. Ich hatte in der Schreibe sogar noch ein paar mehr Spitzen drin, habe sie aber vor der Veröffentlichung entfernt. Ich werde in der nächsten Zeit etwas aufarbeiten und mir dann “selbst” die Einschätzung erlauben, ob der Skandal wirklich so groß ist, wie er im Moment erscheint. Im Text schrieb ich ja bereits, dass ich mich mit der Politik dort nicht identifiziere, aber das alleine ist kein Grund, das Ganze so zu beurteilen, finde ich. Wenn man, um nochmal darauf zurück zu kommen, so einen Artikel verfasst wie Sie, und Leute den lesen, dann glauben die wenigsten, es gäbe aus Ihrer Feder auch etwas Gutes zum Event. Das ist im normalen Miteinander ähnlich. Da muss man dann Geduld haben, mh?
Nun, offensichtlich waren 10 Wochen nicht genug? Vielleicht hätten 20 Wochen es auch nicht getan? Vielleicht haben sich aber auch erst kurzfristig Dinge ergeben, die alles umgeschmissen haben. Das ist für mich kein Argument. Wenn Sie selbst Loic oder irgendwem anderes nicht mal eingestehen wollen, dass etwas Unvorhergesehenes dazu geführt haben könnte. Bis auf die Zusammensetzung: Wie hat Ihnen denn das Programm die Jahre davor gefallen? Und wieviel “mehr” Zeit hat der gute Loic darauf verwendet? Und wenn er ein halbes Jahr geplant hätte, meinen Sie es wäre ein anderes Ergebnis dabei heraus gekommen? Vor allem, wenn dann kurzfristig ein Nobelpreisträger und hohe Politik sich anmeldet, Gastreden halten zu wollen?! Loic wollte sich dazu noch äußern. Deshalb kann man solange ja noch warten, bis er sich erklärt hat, bevor man ihm irgendein Versagen vorwirft.
Wie gesagt, das sind bei mir eher grundsätzliche Faktoren. Ist das Glas halb leer oder halb voll.
December 14, 2006 · 7:12 pm
Nebenbei bemerkt, ist das etwas, das man überall antrifft. Stellen Sie sich vor, jemand verfasst eine Studienarbeit, liest 20 oder 30 Bücher. Dann kommt aber jemand und sagt, tja, Sie hätten aber noch mind. dieses und jenes Lesen müssen, damit Sie das richtig einschätzen hätten können. Das ist sehr willkürlich. Je mehr man liest, desto mehr Redundanz entsteht eigentlich, weil Meinungen sich überschneiden. Es ist also keineswegs sicher, dass die Lektüre immer davor bewahrt, nicht alles mit in den Blick nehmen zu können. Und am Ende kann es immer noch jemanden geben, der sich hinstellt und moniert. Quasi ein Teufelskreis. Pragmatisch ist, wenn man sich abarbeitet. Wenn jemand eine Rezension zu einem Buch verfasst, dann wird nicht unbedingt erwartet, dass er alle anderen Bücher desselben Autoren auch kennt. Zumal, es entstehen völlig unterschiedliche Urteile. Aber so ist das im Leben, Erfahrung hat zwei Seiten. Zum einen erweitert sie den Horizont, in eine andere Richtung verengt sie jedoch auch den Blick. Man kann eben nicht alles haben.
December 15, 2006 · 12:52 am
Och wie segensreich das ich lerne was ich alles nicht weiß.
Bleiben wir bei simplen Dingen: Es war keine Frage ob ich Englisch dort haben möchte oder nicht. Englisch ist und war die Sprache diese Konferenz. Man werfe einen Blick auf das Programm wenn man mir nicht glaubt.
Alleine die Tatsache das Sie meinen mir vorwerfen zu können ich hätte eine unrealistische Erwartung dabei finde ich schon amüsant.
Es war offensichtlich einfacher einen Vorfall von letztem Jahr zu “recherchieren” als in der jetzigen Menge der Postings im kurzen Überblick die häufig zitierten zu finden und den Spuren zu folgen. (für mich besteht kein weiterer Gesprächsbedarf mehr an dieser Stelle.)
December 15, 2006 · 1:14 am
So so, “einfacher” war es. Es war weniger zeitaufwändig, das stimmt, da ich für den anderen Beitrag schon ein paar mehr Artikel gelesen hatte. Sie sind sehr prädestiniert mit ihrem Beitrag gewesen, die negative Kritik darzustellen, ein anderer wird folgen, der vor allem die technischen Defizite bei der WiFi-Versorgung angesprochen hat, und auf die Personen zu verweisen, die durchaus auch positive Aspekte anbringen – nun, da Sie schon angekündigt hatten, keinen Gesprächsbedarf mehr zu haben, werde ich davon absehen, Sie noch mal zu zitieren. Immerhin bin ich hier auf der Suche nach Diskursen. Das kann einem nicht gelingen, wenn man nicht auch unangenehme Dinge mit kühlem Kopf ausdiskutieren kann.
December 15, 2006 · 1:19 am
Es ist nicht gesichert, dass Etwas, das ein Mal funktioniert, auch beim nächsten Mal so sein muss. Offensichtlich können einige der Besucher sich nicht mit derartigen Veränderungen abfinden. Das ist diskutabel.
Ich habe nicht anderes getan, als Ihre Meinung wiederzugeben und sie zu kommentieren. Man kann durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Wir werden beide damit leben können. Sie noch besser als ich. Denn für mich ist das kein Automatismus.
December 15, 2006 · 4:42 am
[...] Dec 15, 2006 in Media, Asides Die Headline spricht für sich. Das nur als Randnotiz. Die Meldung (via Tom Raftery), damit es nicht untergeht. Ein Fetzen mehr, der das Event immer mehr wie eine Farce aussehen lässt. Würde ich Schadenfreude empfinden, was ich nicht tue — in Zeiten wie diesen wäre sie wohl extrem angebracht. “Professionals”, wie wir gelernt haben, die wie Lemminge ihrer Ikone hinterher strebten und nun den Salat haben. No Comments Leave a Commenttrackback addressThere was an error with your comment, please try again. name (required)email (will not be published) (required)url [...]
December 15, 2006 · 4:54 am
[...] Rappold, wie auch Frau Simon, sprechen sich entschieden gegen den Auftritt der Politiker auf dem Event aus. Der Vorwurf der Korruption allerdings gibt der ganzen Angelegenheit einen völlig neuen Anstrich. Ich hatte bereits geschrieben, dass es nun wohl so sei, dass Loic Le Meur sich in der Öffentlichkeit durch diese Aktion indirekt politisch positioniert hat. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das nicht verboten ist. [...]