19. December 2006

Le Web (3): Le Meur resümiert

{1}

Le Web 3 LogoEs kommt die Zeit, sangen die Toten Hosen, in der das Wünschen wieder hilft. Mit besten Wünschen, so dachte sich auch Frankreichs (ehemaliger?) Top Blogger, Loic Le Meur, könnte man auf einen Schlag die geballte Kritik der Blogosphäre zu Schall und Rauch verarbeiten. Die Gruppe gruscheln quasi:

“I would first like to thank all the participants who came from all around the world and invested their time and money to join LeWeb3.” (Loic)

So geht das aber nicht, denken sich manche, und finden auch das nicht in Ordnung. Von organisatorischer Seite aus kommt eine Entschuldigung, das kurzfristige Ändern des Programmplans sei nicht okay gewesen, und Loic würde dafür persönlich die Verantwortung übernehmen. Ganz anders in Sachen Politik(er):

“For opening the program beyond bloggers, however, I have no regrets.” (Loic)

Lassen wir uns diesen Satz auf der Zunge zergehen. ‘Dass ich das Programm auch für Nicht-Blogger geöffnet habe, dafür habe ich kein Bedauern.’ Das geht sehr vage am Kern der Sache vorbei. Wir erinnern uns, Le Meur hatte die Veranstaltung auch für politische Redner geöffnet. Nebst Nobelpreisträger Schimon Peres kamen zudem die französischen Wahlkämpfer Bouray und Sarkozy. Letzterer ist nachgewiesen ein Intimfreund von Le Meur. Allerdings musste der andere wohl geladen werden, um für Gleichberechtigung zu sorgen. Ansonsten hätte sich der Veranstalter zu sehr politisch vereinnahmt gezeigt.

Loic ist stolz darauf, die Techies mit den Politikern auf eine gemeinsame Bühne gebracht zu haben:

“I am proud of the team who organized the event. I am proud of the startup room where 50 new European entrepreneurs presented. I am proud to have brought world class non-tech people like Hans Rosling, Nobel laureate Shimon Peres and two French presidential candidates into the same forum as world class tech people like Niklas Zennstrom, danah boyd and David Weinberger.” (Loic)

Die gute Seele kommt in ihm durch, er versucht nicht mit dem Weltfrieder zu argumentieren, aber zumindest mit der Jobmaschine Internet und er nennt Gründe, warum es gut war, die Politiker einzuladen:

“The background is that we in Europe are fighting a battle to raise interest about the Internet and its deeper changes to society. We do not yet have the Silicon Valley ecosystem, but opening an exchange with our politicians is a start. We need to talk to them and they need to understand us.” (Loic)

Grober Schnitzer, Loic. Zunächst ein Mal tut Frankreich sich nicht immer als Europafreund beweisen. Ein Volksentscheid vereitelte die gemeinsame EU-Verfassung. Das ist legitim, das ist demokratisch. Zum anderen haben die Franzosen es nicht unbedingt mit den Angelsachsen und auch nicht mit deren Sprache. Sarkozy hat das glanzvoll unter Beweis gestellt, als er sich 15 Minuten den Frust von der Seele redete und dann kommentarlos die Bühne verließ, ohne für irgendwelche Rückfragen zur Verfügung zu stehen. Du sprichst von “wir” und hast Dir nie die Frage gestellt, wer “wir” eigentlich sind, oder? Ein Land, dass eine Akademie zur Bewahrung der eigenen Sprache bezahlt, und für jedes neumodische Englische Vokabel noch immer sich auf die Suche gemacht hat, eine eigene französische Entsprechung zu finden: Wie soll so ein Land mit den Gegebenheiten des Internets umgehen können? Muss es das überhaupt? Müssen die Europäer es so tun wollen, wie die Amerikaner es vorgemacht haben?

Die New Economy und was daraus geworden ist. Da weiß auch der Don ein Lied drüber zu singen. Es ist nur erstaunlich, dass wir nicht dazu kommen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, Loic, oder? Ich sage wir, weil du auch von uns sprichst. So einfach ist das. Nur ich lass mich nicht mit dir in ein Boot setzen, das nur Du dir ausgesucht hast.

Zurück zur Politik: Ich persönlich habe nichts gegen Politik, auch nicht auf so einer Konferenz. Der Gedanke, dass die Politik sieht, welches Potenzial in der neuen Technik steckt, ihn finde ich mehr als nützlich. Doch die Art und Weise, wie man Politik dann mit der Konferenz verknüpft ist wiederum eine andere. Französischer Präsidentschaftswahlkampf gehört nicht auf so eine Konferenz, finde ich und fanden offenbar auch etliche der Teilnehmer, die ihrem Unmut in der Blogosphäre Luft gemacht haben. Politiker, die sich Gedanken darüber machen, wie man zum Beispiel demokratische Strukturen im Internet aufbauen kann, oder aber Demokratisierungsprozesse mithilfe des Internets anfeuern kann, sind gerne willkommen. Auch jene, die über die Rolle des Internets sprechen, wie Schimon Peres es tat. Loics Argumentation an dieser Stelle zeigt enorme Schwächen, vor allem wirft er vieles in “einen” Topf, was nicht in einen Topf gehört. Ich erinnere mich, Einträge von Teilnehmern gelesen zu haben, dass sie den Auftritt Schimon Peres’ gut fanden. Das deckt sich mit dem Bild der stehenden Ovationen für ihn:

Medium: www.youtube.com
Link: www.youtube.com
Das bedeutet doch aber nicht, Loic, dass du wegen diesem Bild darauf schließen könntest, sie wären alle damit einverstanden gewesen, wie vor allem dein Busenfreund Nicolas Sarkozy sich gebährt hat. Mit Francois Bayrou saßt ihr euch gegenüber und habt euch auf Englisch unterhalten, jedenfalls die meiste Zeit. Ganz anders Sarkozy. Er hat für Europa die Werbetrommel gerührt — war doch so, oder? Man hat ihm die Bühne geboten, die er braucht. Vor dem Katheder stehend, trug er seine Rede vor, in der Weltsprache Französisch, die den eitlen Angelsachsen aus Übersee so sehr viel bedeutet. Die Lemminge, die dem Internet fröhnen, als sei es eine heilsbringende Erfindung, sie waren verstört. Hatten sie sich doch auf die Sprache der Macher (Englisch) eingeschworen, nicht wissend, was sie erwartete. Es wirkt ein wenig zynisch, dass all diese Verweise auf die Videobeiträge, die ich hier zitiere, gerade von Loic stammen. So unterschiedlich kann man sie also als Indizien für seine Argumentation verwenden. Aber, wir wollen nicht verschweigen, dass die weitaus meisten Kritiker auch Sarkozy zu sehr auf die Form festgenagelt haben. Denn inhaltlich hat er durchaus das getan, was ich oben bereits in den Kontext so einer Konferenz rückte. Allerdings hätte Sarkozy sich einige seiner “Versprechungen” sparen können. Die Wichtigkeit des Internet zu betonen kann wohl jeder. Den Ausländern auf der Konferenz war Bayrou wahrscheinlich sympathischer.

Und dann zieht Loic den Strohhalm heraus, an den er sich klammern mag. Knapp 50 Verweise auf positives Feedback, dafür dass insgesamt 1000 Teilnehmer für die Konferenz namentlich ausgewiesen sind, ist ein bisschen mau. Ebenso das Feedback im Kommentarstrang unter dem Artikel. 41 Kommentare unter einem Artikel, der vor zwei Tagen veröffentlicht wurde. So wie Loic den Artikel überschrieben hatte, leutet er das Ende von “Blogger”-Konferenzen ein. Vielleicht auch, weil er gesehen hat, dass er mit anderer Klientel besser zurecht kommt und diese ihm nicht so viele Widerworte geben, sondern froh darüber sind, dass sie von ihm ins rechte Licht gerückt werden. Es stellt sich für mich zudem die Frage, ob diejenigen, die dieses Jahr so getan haben, als könnte man sich kein Urteil drüber erlauben, nicht nächstes Jahr genauso mit Argusaugen auf die Konferenz gucken werden. Nichts für Ungut, aber ich werde solch doppelmoralische, selbsternannte “Professionals” im Auge behalten.

Hinzufügen zu Technorati, del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags , , , , , ,
Kategorie Media, Politics · Autor Alexander Trust · 1 Kommentar


Ein Kommentar

  1. Trackback von Ringfahndung Journal
    January 19, 2007 · 12:03 am

    Me, myself an my eye…

    Ist schon eine Weile her, als ich dieses Feature von Youtube ausprobierte:……

Schreibe einen Kommentar


Top