23. December 2006

Soziale Netzwerke und Beerholms Kommunionsunterricht

Buchdeckel, Daniel Kehlmann 'Beerholms Vorstellung'Was die Wissenschaft interessant macht, sind unter anderem interdisziplinäre Verweise. Was das Schreiben interessant macht, sind spontane Eingebungen. Gut ist, wenn beides, wie in diesem Fall zusammen kommt. Zwar als fiktives, da literarisches Beispiel vorgegeben, kann man es nicht als empirisch ansehen, gleichwie werden doch die einen oder anderen die Situation aus dem wirklichen Leben wieder erkennen.

Das literarische Beispiel, es ist die Figur des Zauberers Beerholm, entworfen von Daniel Kehlmann. Es geht um eine Schilderung aus der Jugendzeit dieser Figur:

Mehrere Monate lang hatte ich bei ihm Unterricht für meine erste Kommunion. Wir saßen in der Kirche, er ging auf und ab und stellte bedeutungsschwere Fragen. (>> Wenn du damals dabei gewesen wärst bei den Fischern, was hättest du denn gesagt zum Jesus? Nein, komm einfach raus und spiel es uns vor! Nicht nachdenken! Ganz spontan!<<) Einmal (>>Jetzt machen wir ein Soziogramm, ja?<<) stellte er eine Wandtafel vor uns hin und schrieb unsere Namen darauf. >>Und jetzt macht jeder einen Pfeil von sich zu seinen drei besten Freunden!<< Ich erinnere mich noch an die drei dünnen Linien, die auf mich wiesen, bloß drei, während andere ein Dutzend hatten. Und eine davon war auch noch gnadenhalber gezogen worden, von einem älteren Jungen, den ich kaum kannte. [...] (S. 25 in Beerholms Vorstellung)

Was hat es mit dieser Stelle auf sich, vor allem jener, die ich noch hervorgehoben habe? Das Soziogramm, das der Pfarrer mit seinen Kommunionschülern zeichnete, es bildet ein soziales Netzwerk ab. Eine Darstellungsform, wie sie in den Sozialwissenschaften oder der Psychologie und anderen mehr oft zur Veranschaulichung sozialer Netzwerke gebraucht wird, und mitunter auch zur Auswertung von Gruppen und deren Dynamiken herangezogen wird. Wir erinnern uns, dass im Kontext von StudiVZ auch der Hinweis auf derlei Programme gefallen war, die Freundschaftsbeziehungsdaten aus dem Netzwerk auslesen und diese in Form von Graphen darstellen können.

Die geschilderte Deprivation, sprich Zurückweisung, oder auch Scham, die der junge Beerholm (der in Wirklichkeit nur adoptiert ist und gar nicht Beerholm heißt), in dem Augenblick empfindet, sie deutet auf einen Punkt hin, der sowohl auf einen Nutzen solch elektronischer sozialer Netzwerke wie StudiVZ, OpenBC/Xing u. a. m. hinweist, als auch einen Schwachpunkt anzeigt. Der Teil der Nutzer solcher Web 2.0-Formate, die in hoher Regelmäßigkeit partizipieren, von ihm ist hierbei nicht die Rede. Allerdings ist nicht gesagt, dass diejenigen, die auch im wirklichen Leben zu sozialen Randgruppen gehören, sich vollends aus der virtuellen Umgebung heraus halten.

Ich schreibe hier von gesellschaftlichen Nischenbewohnern. Solche die, polemisch formuliert, im Sportunterricht ständig als letzte Wahl zum Bankdrücker in ein Team geholt werden, und dann — angenommen solche erfahren in der virtuellen Umgebung erneut eine Zurückweisung, es könnte doppelt schlimm sein. Die virtuelle Netzidentität bietet mitunter Chancen, sie birgt allerdings auch Risiken. Ermöglicht sie dem Einzelnen zum Beispiel die Kompensation, kann sie Dinge korrigieren, die in der Realität deprimieren. Führt sie jedoch zu einem neuerlichen Niederschlag, könnte das doppelt schlimm werden. Es gibt jedoch noch zu wenig psychologische Untersuchungen, die überhaupt erst verstehen lernen helfen, welchen Stellenwert eine virtuelle Identität neben einer richtigen Existenz hat.

Diejenigen, die sich darüber freuen, wie viele Freunde sie im StudiVZ angezeigt bekommen, sollten ein Mal darüber nachdenken, wie sich diejenigen fühlen, die das sehen, selbst aber nur eine Handvoll Freundschaftsbeziehungen in dem Netzwerk haben. Natürlich ist das nur ein Spiegel der wirklichen Verhältnisse. Ist es das aber wirklich?! Diejenigen mit Einhundert und einem Freund im StudiVZ oder Neunhundertneunundneunzig Geschäftsbeziehungen in OpenBC, sie wirken ein wenig, als würden sie damit angeben wollen. Natürlich nicht auf jeden, aber für manche muss es so wirken. Wozu diese Rede? Nur, um das Bewusstsein für diese Nuance ein wenig zu stärken. So schön es ist, sich und anderen vor Augen zu führen, wie “toll” man doch sei, so wenig rücksichtsvoll ist diese Form der medialen Prostitution gegenüber denjenigen, die dadurch nicht profitieren werden. Was tun?! Ehrlich gesagt: Nichts. Einfach Mal drüber nachdenken. Die Ursachen solcher Ungleichgewichte finden sich nicht im StudiVZ oder anderswo, sondern in der richtigen Welt und nur die Ursachen kann man, sollte man verändern, damit am Ende alle etwas mehr davon haben. Und auf diese Weise hab ich gleichzeitig noch publik gemacht, welche Lektüre ich gerade lese.

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Kategorie Media, Science · Autor · Keine Kommentare


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