29. December 2006

StudiVZ zum Angeben und nur nicht nachgeben

StudiVZ LogoVor einigen Tagen erschien im Mannheimer Morgen ein Artikel “Hemmungslos unterwegs im Studiverzeichnis” von Johanna Lücke, in dem die Autorin noch ein Mal ein paar besondere Brennpunkte des “Sozialen” in Deutschlands studentischem Social Network StudiVZ anspricht. Mit von der Partie sind einige Figuren aus dem richtigen Leben, die als Einzelfälle den Analogieschluss erlauben, aber manchmal als Ausnahme auch die Regel bestätigen helfen.

Zur Einstimmung vielleicht dies:

Man stelle sich vor, da läuft jemand über den Campus der Universität, der um den Hals ein Schild trägt. Darauf steht sein Name, was er studiert und wo er jobbt, seine Hobbys und die Titel seiner Lieblingsbücher. Auf den Rücken hat er sich seine Urlaubsfotos geheftet: man (sic!) sieht ihn sonnenbadend am Strand, angetrunken an der Bar; außerdem den Schnappschuss eines flüchtigen Bekannten, welcher von seinem Glück dieser Veröffentlichung gar nichts ahnt – was im wirklichen Leben einige ungläubige Blicke auf sich ziehen würde, ist Normalzustand im world wide web. (Johanna Lücke)

So weit, so gut. Dann allerdings kommt das Thema wieder auf die Misswahlen der 700 Glieder und das Recht des Stärkeren zu sprechen, das ich an anderer Stelle bereits als fragwürdig und wenig gesellschaftsfähig anprangerte (oder auch in Kommentaren in der blogbar), ein solches Verhalten, gerade wenn man sich in der Situation als der Stärkere weiß, ist in meinen Augen schlichtweg asozial. Nicht pejorativ gemeint, sondern vom Umstand her, man lese es als Vokabel im Soziologenjargon. So kommt denn jetzt Julia S. zum Zug. Sie wird von Johanna Lücke ins Spiel gebracht:

Weniger reizend fanden diese Anonymität einige Frauen, die auf Grund ihrer Fotos kürzlich von einer Gruppe männlicher User zu den ‘Miss Studiverzeichnis’ gekürt wurden. Ihre Prämie bestand aus mehreren hundert, zum Teil unmissverständlichen Nachrichten und Angeboten. Zwar gibt es die Möglichkeit, seine Seite vor Fremden zu verbergen, aber nur wenige halten den dann folgenden Spießrutenlauf durch: ‘Spielverderber’ war noch die harmloseste Bezeichnung, die Julia S. von ihr unbekannten Menschen an den Kopf geworfen wurde, als sie ihre personenbezogenen Daten versteckte. Ende vom Lied war, dass sie alles Persönliche löschte, sich aber wieder für jeden sichtbar machte. (Johanna Lücke)

Foto von Maren PietschnerIst diese Skizze von Julia S. nun eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, oder nicht? Wer will das beurteilen? Jeder der angeblich bald 1,1 Millionen StudiVZ-Nutzer könnte in dieser Sache Position beziehen und sich entscheiden, ob er dieses Prinzip “survival of the fittest” in machiavellistischer Tradition immer und zu jeder Zeit bestätigen würde, weil er denkt, der (egoistische) Zweck heilige die Mittel.

Altruismus ist in Zeiten der Konkurrenz nicht an der Tagesordnung, und doch schimmert am Horizont der Pol, der gerade ihn anzuziehen scheint, wie das Licht die Motten. Es ist ein Pol, um den sich derzeit manches dreht: Web 2.0, Social Web. Copyright-Debatten werden losgetreten, seit jeder Konsument zum Produzenten geworden ist. Einer der wichtigsten Sprecher in den Diskursen ist derzeit Lawrence Lessig. In welche Richtung die Dinge sich entwickeln, das wird sich zeigen. Es zeigt sich aber sehr wohl, dass ein Druck auf die Akteure ausgeübt wird. Während Lessig allerdings im Hier und Jetzt debattiert, blicke ich ähnlich Jules Vernes viel zu sehr in die Zukunft. Entweder werden sich die Akteure verschließen, weil sie dauerhaft keine Lust haben, kostenfrei ausgenutzt zu werden und sich in ihrer Kreativität ausgebeutet zu sehen, oder aber sie erkennen das Potenzial in der gemeinschaftlichen Zusammenarbeit als einzigen Ausweg aus ihrer Misere. Richtiger: Zunächst durchleben wir den einen Zustand, und folgen wird der andere.

Foto von Michael RiesEin guter Freund von mir, der mit der heutigen Zeit bald genauso wenig anzufangen weiß wie ich, er formuliert den Wunsch nach einem “modernen Dorfleben”. Ich predige ihm, dass es wohl so kommen wird. Auch wenn er noch nicht so Recht daran glauben kann. Marshall McLuhan visionierte vom Global Village, und die Vernetzung der medialen Sphären, sie vollzieht sich mehr und mehr. Es wird der Break-even eines Tages eintreten. McLuhan ist bereits gestorben, mein guter Freund und ich werden bis dahin vielleicht ebenso nicht mehr sein. Doch meiner bescheidenen Auffassung nach wird ein Mal die Zeit kommen, in der ein modernes Dorfleben herrscht, ein global vernetztes Miteinander, das nicht unbedingt im Reichtum und in Gesundheit vonstatten geht, aber im Kontext einer Post-Technokultur immer wieder “eventhafte” Gemeinschaftserlebnisse produzieren wird. Lehnen wir uns zurück und haben Geduld, beobachten wir unsere Zeit und nehmen an ihr Teil so viel oder so wenig wie nötig. Nun aber zurück zu Fräulein Lückes Text. Erneut geht es um Druck und Widerstände:

[D]as Portal (StudiVZ, Anm. d. Red.) hat sich derart schnell verbreitet, dass es nahezu unmöglich ist, niemanden persönlich zu kennen, der sich dort herumtreibt. Frischluft ist out, die ‘dotNET-Generation’ (Jahrgang 77-86) verlagert ihr soziales Leben auf das Internet. Gleichzeitig steigt der Druck auf Verweigerer: ‘Es hat mich irgendwann einfach genervt, dass mich jeder fragte, ob ich denn nicht im Studiverzeichnis sei’, berichtet Benjamin Rebenich, der sich schlussendlich doch anmeldete. Wer konsequent bleiben will, muss mit Widerstand rechnen. (Johanna Lücke)

Ich verweigere mich, und ich kann damit gut leben, denn ich habe mit meiner Konsequenz genug erreicht. Man muss nicht alles mitmachen, und es wird der Punkt kommen, an dem unsere Welt so vielschichtig geworden sein wird, dass ihre Anforderungen unsere Anpassungsfähigkeit übersteigen. Wir erleben es heute schon, dass einige diesem Druck nicht standhalten, sich in alle Rollen zu zwängen, und sie zu leben, die von der Gesellschaft vorgegeben werden. Wenn wir nicht im Depressions-Elysium der Neuzeit enden wollen, wird sich uns die Lösung des Problems zwangsläufig aufdrängen. Die Technik und der Fortschritt werden sich immer schneller drehen, aber der Mensch wird entweder irgendwann aufhören zu funktionieren, oder aber sich selbst (wieder)erkennen. Diese vielschichtige Welt, das Patchwork von Akteuren für Akteure es wird so fragil werden, dass wir ganz automatisch nach Synergien suchen werden müssen, um nicht hoffnungslos verloren zu sein. Wir werden umdenken müssen und uns selbst neu erziehen. Mein Dank geht an Johanna Lücke für den Torf, den sie mit ihrem Text für meine, zugegeben ein wenig visionären, Argumente bereitet hat.

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