Unglückliche Umstände, die man nicht inszenieren kann
Erst ging es irgendwie um Saddam, seine Hinrichtung. Ein Video ging um die Welt, das Berichten zufolge nicht nur ein Mal respektive in einer Fassung veröffentlicht wurde, sondern mindestens drei Mal. Diese Nachricht von Spiegel Online allerdings ist nicht der Rede wert. Immerhin wird in dem Artikel darauf verwiesen, dass wohl 2 von 3 Versionen “identisch” sind und eine von der Nachrichtenagentur AP lediglich eine gekürzte Fassung darstelle.
Doch so kam es denn, dass diese Videoclips sich dank der “Seuche” Internet viral ausbreiteten. Diese Lesart formuliert hatte der Journalist Stefan Kornelius in einem Artikel in der Süddeutschen. Damit zog er sich den Unmut einiger Blogger auf sich, die das Medium Internet nicht unter Generalverdacht gestellt wissen wollten. Jörg-Olaf hingegen insistierte in Funktion eines quasi Dagegenschlumpfes, man möge doch von einer bloggischen Rudelbildung absehen und auch andere Konnotationen dieser Thematik nicht einfach so ausblenden. Richtig ist (nicht nur nach dem Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan), dass ein Medium Einfluss nimmt auf die transportierten Inhalte, ebenso allerdings auf die mit ihm interagierende soziokulturelle Umwelt.
Als Blogger sind wir Opfer unseres eigenen Prinzips?! Also halten wir kurz inne, und schauen, was dran ist, am Fall Kornelius. Sehr viel sogar, denn Niggemeyer und Cornelius tauschten fleißig Emails miteinander aus, die (Niggemeier an Kornelius, Kornelius an Niggemeyer) durchaus einen Erkenntnisgewinn bereiten. Ich wies bereits daraufhin, dass Kornelius ein konservativer Kader ist, der sich eben in die Blognesseln gesetzt hat. Richtig gesetzt hat er sich ja nicht. Vielmehr wurde er gesetzt. Dann gibt es Schuldzuweisungen, die diskutiert wurden, ob und inwiefern das Internet für etwas verantwortlich gemacht werden kann. Geht es nach Kornelius erhält Hussein nachträglich einen Kultstatus verliehen, weil er damit die YouTube-Generation erreicht. War allerdings zu erst die Internet-Henne oder das Fernseh-Ei? Mercedes-Bunz versuchte ein bisschen Aufklärung zu leisten.
Doch trotzdem bleibt der Gedanke von Jörg-Olaf an der Sache haften. Wie man das Attribut “viral” interpretiert, es steht einem frei. PRlogger oder andere sehen darin ein euphemistisches Behelf zu Werbezwecken, sprechen von viral marketing. Grup Tekan waren bestimmt ebenso froh über den Plattenvertrag, einige Fernsehauftritte und alles bloß, weil das Internet sein virales (und/oder rudelbildendes?) Prinzip zur Geltung brachte. Abmahnungen und Rudelbildung sind ebenso ein meist positives Beispiel für die viralen Effekte des Netzmediums, wenngleich nicht jeder Hilfe in Anspruch nehmen möchte (siehe Saftblog) und manche sehr eigenmächtig zu handeln beginnen. Aber heute dann eine Meldung, die zynischer nicht sein könnte und nun ein ganz neues, eher fahles Licht auf alles Geschehene wirft: Ein 10-jähriger Junge erhängt sich beim Nachstellen der Hinrichtungsszene von Hussein, die er wohl im Beisein seines Onkels zu Gesicht bekam.
Tragik, Zynik, uvm. zeigen sich hier. Denn: Der kleine Sergio stammt aus Houston Texas, USA, also dem Heimatstaat George W. Bushs. Und: Die Bilder, die Sergio sah, er bekam sie via dem klassischen TV-Medium vermittelt. Ist damit die Internet-Kuh vom Kornelius-Eis? Lohnt es überhaupt noch Schuldzuweisungen zu diskutieren. Gibt es in diesem Stück nur eine, oder ganz viele Dramatis Personae?! Noch diese Anmerkung sei mir erlaubt: Eine Art Killerspieldebatte über das virale Prinzip des Internet in Gang zu setzen halte ich für wenig hilfreich. Diskurs ja, aber keine einseitige Stigmatisierung und keinen Lobbyismus.
Hinzufügen zu Technorati, del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags Hinrichtung, Houston, Hussein, Kornelius, Niggemeyer, Saddam, Sergio, Süddeutsche, Texas
Kategorie Glocal, Media, Politics · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
