StudiVZ: Sind sie schon drin, Herr Urban?
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Gestern veröffentlichte das Manager Magazin (MM) ein Interview, das durchaus auch andernorts abgelichtet wurde. Interviewpartner des Redakteurs war Konstantin Urban, seines Zeichens Geschäftsführer der Holtzbrinck Networks, die sich für den Kauf des StudiVZ zum Jahreswechsel verantwortlich zeichnet.
Urban spuckte nicht nur laut Don Alphonso große Töne. Jeder der sich das Interview durchliest, wird an manchen Stellen Ungereimtheiten feststellen, oder zumindest auf ausweichende Antworten stoßen. Auf die Frage, ob der Kaufpreis pro Nutzer gerechtfertigt sei, wollte Urban derzeit noch keine Antwort geben:
Urban: Diese Frage kann ich erst in zwei Jahren beantworten. Ich gehe aber davon aus, dass die Höhe des Kaufpreises gerechtfertigt ist. [...] (MM)
Warum gerade in zwei Jahren? Und jemand, der von einer Sache überzeugt ist, hört sich wohl anders an. Doch auch auf die Frage nach den Umsätzen von StudiVZ bleibt Urban eine Antwort schuldig:
Urban: Das kann ich Ihnen nicht sagen, Zahlen zum Geschäftsverlauf geben wir nicht heraus. Bisher macht StudiVZ jedenfalls noch keinen Umsatz. [...] (MM)
Bereits ein frei angestellter Journalist beim ZEIT-Blog, Onkel Brumm mit Spitznamen, meinte im Kontext von StudiVZ Wittgenstein zitieren zu müssen. Das Zitat würde auch in diesem Fall wie die Faust auf’s Auge passen. “Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.” (Wittgenstein) — Besonders viele PRler da draußen halten sich jedoch nicht an diese Maxime, und eben lange nicht alle Journalisten. Der gute Herr Urban vergisst, dass StudiVZ eine Ltd. ist, eine nach britischem Gesellschaftsrecht eingetragene Beteiligungsgesellschaft. Zumindest in Großbritannien muss Holtzbrinck ein Mal im Jahr die Hose runterlassen, respektive die Fakten auf den Tisch legen. Der Transparenz läuft es zuwider, aus seinen Zahlen Geheimnisse machen zu wollen.
Urban deutet gesponserte Gruppen in StudiVZ an, spricht offen über Werbung, die jedoch bereits vor der Übernahme zur Sprache gekommen war. Und Urban glänzt gar mit Selbstüberschätzung:
[...] So lange man keine entscheidenden Fehler macht, gibt es für den einzelnen User keinen Grund für einen Wechsel. [...] (MM)
Urban vergisst an dieser Stelle eindeutig zu erwähnen, dass es durchaus nicht nur an den eigenen Fehlern liegen kann, wenn ein Konkurrent punkte sammelt. Ein wenig also, wie sich die Situation derzeit im Freistaat Bayern mit ihrem Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ausnimmt und der werten Herrn Söder, der nicht müde wird, damit zu kolportieren, dass die einzige Partei, die der CSU in Bayern gefährlich werden könne, die CSU selbst sei. Bestimmt sogar warten dort draußen ein paar findige Geister, die im Bereich Social Networks mit einem grundlegend anderen Prinzip an das Verhältnis von Inhabern und Nutzern herantreten. Ein derartiges Projekt ist mir sogar bekannt und wird vermutlich noch im ersten Quartal 2007 den Kampf mit dem StudiVZ aufnehmen. Da man sonst immer von ungleichen Waffen spricht, muss man hier das Prinzip als Waffe verstehen. Nur das Prinzip des “heuschrecken”-Entrepreneurships, wie Holtzbrinck, Dariani und Co es praktizieren ist kein besonders großes Plus.
Wir hätten dem werten Herrn Urban gerne die Frage gestellt, ob er denn schon drin ist? Es wundert mich ehrlich gesagt, dass die Hamburger AOL-America-Tochtergesellschaft nicht Wind davon bekommen hat, wie dieser Slogan ihrer einstigen Werbekampagne auf der Eingangsseite von StudiVZ für halbseidene Geschäftspraktiken zweckentfremdet wird. Gleichwie kann Herr Urban sich seit dem gestrigen Donnerstag freuen, da er mit einem weiteren Statement die Hackerszene dazu einlud, sich im StudiVZ-Blog breit zu machen (siehe Screenshot). Ein sehr herzhaftes Augenzwinkern bereitete mir auch Andreas Dittes’ Aussage, es handele sich hierbei um eine erste “öffentliche Reaktion” auf das Interview von Herrn Urban, zwar äußerst unfreiwillig auf dem StudiVZ-Blog platziert, aber immerhin.
Dieser ist bislang noch immer nicht wieder in Betrieb genommen.
Stattdessen traten die Verantwortlichen unter anderem über Heise Online mit einem Teil ihrer Nutzer in einen Dialog und informierten darüber, dass keine Nutzerdaten in Gefahr gewesen seien, da von dem Hack ausschließlich der Blog betroffen gewesen sei. Und alles bloß, weil Herr Urban sich, wie Don Alphonso es treffend charakterisierte, unbedingt zu weit aus dem Fenster lehnen musste, und zwar mit folgender Aussage:
[...] Selbstverständlich musste man nachrüsten, und das hat StudiVZ getan. Die Datensicherheit ist jetzt gegeben. Unlängst hat der Chaos Computer Club vergebens versucht, sich ins System zu hacken. Auch die Seite ist jetzt stabil. [...] (MM)
Derselbe Chaos Computer Club dementierte umgehend, etwas mit den Geschehnissen (Defacement) zu tun gehabt zu haben. Frank Rosengart, C3-Sprecher, äußerte sich gegenüber Heise wie folgt:
Wir sind nicht besonders überrascht von der Sicherheitsschwankung bei StudiVZ, möchten das aber nicht weiter kommentieren. Herr Urban sollte sich in Zukunft etwas zurückhaltender hinsichtlich der Systemsicherheit äußern. (Heise Online)
Der Geschäftsführer von Holtzbrinck Ventures hat allerdings noch mehr im redseligen Ärmel stecken. Auf die perspektivische Frage nach langfristigen Zielen und einem etwaigen Börsengang von StudiVZ antwortet Urban so, wie man es schon ein Mal von den Gründern hörte, als sie einen Verkauf dementierten:
Wir sind keine Händler. Es geht uns also nicht darum, StudiVZ weiterzuverkaufen – weder komplett noch in Teilen. Wir haben StudiVZ erworben, weil es sehr gut zu uns passt. Wir freuen uns auf die nächsten Jahre, denn wir wollen die Seite behalten und zum betriebswirtschaftlichen Erfolg führen. Es gibt keine Pläne, an die Börse zu gehen. (MM)
Anders als bei Ehssan Dariani, auf den mittlerweile die Campus Captains nicht mehr allzugut zu sprechen sind, könnte man Konstantin Urban glauben, wenn er behauptet, StudiVZ passe gut zu Holtzbrinck. Ähnlich wie der in meinen Augen finanziell unnötige und übertriebene Kraftakt von Arena im Kampf gegen Premiere bei der Vergabe der Bundesligarechte, könnte man annehmen, es handle sich hierbei lediglich um eine Art politischer Investition, um ein Bein in die Tür des Web 2.0-Business gestellt zu bekommen quasi. So lassen sich auch Rupert Murdochs Einstieg in die Web 2.0-Welt und weitere Transaktionen aus der Sphäre klassischer Medien in diese neue Blase interpretieren.
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Tags Bayern, Campus-Captains, Holtzbrinck, Interview, Konstantin-Urban, Rupert-Murdoch, Stoiber, StudiVZ, Söder, Web-2.0
Kategorie Media, Politics · Autor Alexander Trust · 1 Kommentar

July 31, 2007 · 11:54 am
[...] in der Vergangenheit, so wird es auch in der Zukunft sein, oder?! – Konstantin Urban hat damals im Interview gezeigt, wieviel er über das Geschäftsfeld und die Technik wusste. Nun ist allerdings jeder in [...]