13. January 2007

Wozu auf die Straße gehen?!

Wenn man mittels weniger Mausklicks in einer virtuellen 3D-Umgebung seinen Protest auszudrücken vermag. In Online-Live-Rollenspiel Second Life geschah dies vor kurzem.

Im Internet-Spiel “Second Life” haben Teilnehmer gegen eine virtuelle Niederlassung der rechtsextremen französischen Partei Front National (FN) demonstriert. Wie die zur französischen Tageszeitung “Libération” gehörende Computer-Website “Ecrans” berichtet, versammelten mehrere Spieler ihre virtuellen Figuren vor dem FN-Gebäude in der Simulation. (Onlinekosten)

Es findet also eine zunehmende Entfremdung statt. Tut sie es wirklich? Zumindest für einige von uns, vor allem all jene, die dort besonders intensiv zu Werke gehen, wird sich ein “neues”, anderes Lebensgefühl einstellen. Vielleicht ist diese Form von medial vermitteltem Konflikt eine Möglichkeit realen Gewaltpotenzialen zu entgehen. Wie oft sind Demonstrationen schon eskaliert? Wissenschaftlich höchst interessant sind die Entwicklungen, die sich dort unter mittlerweile 2,5 Millionen Figuren in Second Life abspielen.

Führen wir irgendwann auf diese Weise Kriege, weil der Mensch sich daran gewöhnt hat? Oder bilden sich Kasten heraus, die als Computerfutter verkauft werden, und werden unterschieden von jenen, die ein richtiges Leben haben? Vielleicht entwickelt sich so etwas wie eine Sphäre der bewussten Virtualität, und wir entsagen dem Körper und fokussieren unser Leben lediglich auf den Geist. Alles um uns herum, so haben wir zumindest derzeit das Gefühl, oder kriegen es suggeriert, wird beweglich, wird mobil. Das ist ein Trugschluss. Denn die Dinge, die wir erleben, wir erfahren sie alle nur medial vermittelt. Doch, wenn dieser Weg irgendwann platt getreten sein wird, vielleicht beginnt dann die Phase, in der der Mensch endlich fähig sein wird, sich selbst durch die Welt zu bewegen. Auf eine Weise, wie wir sie heute als Transportmittel vielleicht noch nicht vorgesehen haben.

Dieser gedankliche Impuls lässt sich ein wenig in Szenarien wie der Zeitmaschine von H. G. Wells oder aber dem Judge Dredd-Universum verorten. In beiden Welten gibt es einen Fokus auf das Gedachte, auf den Geist, selbst wenn in der Verfilmung mit Stallone viel geschossen wird. Die zentrale Machtinstanz ist auf den Geist fixiert und sei er eben elektronischen Ursprung. In der einen Science-Fiction-Welt wird dieser Fokus also etwas latenter als in der anderen gesetzt. Wenn man versuchte, mit McLuhanschen Thesen zu interpretieren, könnte man das virtuelle Medium als Erweiterung von Körperfunktionen interpretieren. In der Tat denken wir nicht mehr selbst, sondern wir lassen denken. Wir wissen nicht mehr, sondern wir wissen, wo wir Wissen finden müssen. Lediglich besonders empathische Menschen, wie vielleicht Jules Verne einer gewesen ist, haben die Möglichkeit, bei all dieser zunehmenden Transzendenz immer noch einen roten Faden zu finden.

Wäre ich ein Anhänger von Harold Adams Innis’ Thesen, könnte ich das Ziel, das am Ende eines McLuhanschen Weges liegt, Schwarz malen wollen. Ein Tunnel ohne Licht, in dem die Empathie ihren Geist aufgibt. Entfremdung ist dann notwendig gewähltes Resultat. Auch Innis’ Ansichten haben ihre guten Seiten. An dieser Stelle jedoch möchte ich lieber den perspektivischen Blick McLuhans schweifen lassen, der die Möglichkeit noch zulässt, Akteuere mit Medienkompetenz auszustatten um sie vor dem drohenden Unheil zu bewahren.

Hinzufügen zu del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags , , , , , , , , ,
Kategorie Glocal, Media, Science · Autor · Keine Kommentare


Schreibe einen Kommentar


Top