Der natürlichste Feind des Web 2.0 sind “WIR”!
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Das Time-Magazine wählte uns zum Jahreswechsel zur Person des Jahres, weil wir das Web 2.0 auf die Beine gestellt haben und alle daran teilhaben. Jeder Einzelne zu einem mehr oder weniger großen Teil. Für mich beginnt hier bereits die Krux, bei uns.
Robert Basic nennt es eine Innovationspause, Johnny Häusler argumentiert “es ist vorbei” und auch Don Alphonso schrieb vom Ende des Web 2.0, wie wir es kennen. Tom Alby, der ein Web 2.0 Buch veröffentlichte (vergleiche Rezension von T. Heuer), gibt gar 10 Thesen an, warum es so ist oder kommt, wie alle denken. So ist es denn für alle ein wenig Abnutzung, ein wenig Reiz, der verloren geht und neue Innovationen, die sich an die Stelle der Blase 2.0 stellen werden.
Man muss aber kein Prophet sein, um sich auszumalen, dass natürlich die Beteiligten am Web 2.0 einen großen Einfluss auf des Phänomen ausüben. Jahrtausende der Mediengeschichte haben die Menschheit sozialisiert. Sie haben uns darauf eingestimmt, dass wenige produzieren und die breite Masse konsumiert. Nicht nur nach Marshall McLuhan beeinflussen Medien unseren soziokulturellen Kontext. Dieser Kontext wiederum wirkt auf den gesellschaftlichen Rahmen in dem die Akteure sich bewegen und sozialisiert werden.
Wir sind darauf getrimmt, Nutznießer zu sein. Produzenten sind es gewohnt, für ihren Aufwand entschädigt zu werden. Die Akteure sind prinzipiell alles andere als sozial um den Begriff des Social Web wirklich auszufüllen. Die Idee hat sich meiner Meinung nach nicht überlebt, sie ist noch gar nicht richtig angekommen und angenommen worden von der großen Masse. Ein Teil von uns wollte einfach nur “dabei sein”, ein anderer hat erkannt, dass sich mit dem Phänomen das schnelle Geld machen lässt. Da allerdings die Räder des Fortschritts sich immer schneller drehen, werden sukzessive die Halbwertszeiten für mediale Erscheinungen kürzer. Dass Social Web, wie einige von uns es kennen gelernt haben, es hatte gar nicht die Zeit, die Gesellschaft wirklich zu durchdringen. Was wir derzeit erleben sind Oberflächenerscheinungen. Manch einer, der den Hang zur Selbstdarstellung liebt, wird einen eigenen Beweggrund gehabt haben, um sich eingehender auf das Web 2.0 einzulassen.
Alle anderen sind gar nicht so sehr von den Prinzipien der Partizipation überzeugt, sie verweilen gerne im Status von (passiver) Konsumption. Es lässt sich an allen Ecken und Ende dessen erkennen, was lediglich als für die Teilnehmer zuvor unbekannter Hype Abnutzungserscheinungen zeigt. Schauen wir uns ein paar Projekte des Web 2.0 etwas genauer an und erkennen, wie weit her es mit der Rolle des aktiven Konsumenten wirklich ist. Das Bild, das ich für diesen Artikel verwendet habe, es stammt von PixelQuelle. 1137 Mal wurde es heruntergeladen, allerdings nur 22 Mal bewertet und erhielt zudem nicht mehr als 13 Kommentare von insgesamt lediglich 12 verschiedenen Personen (bei über 3000 Sichtungen).
PixelQuelle bietet eine eigene Statistikseite an, die stündlich aktualisiert wird. Für den Monat Dezember findet man, dass knapp 7500 neue Bilder hochgeladen wurden. Es wurden allerdings weniger als 7000 Kommentare in dem Monat abgegeben und noch geringer fällt die Anzahl der Bewertungen aus: Nicht ein Mal 4500 Bewertungen wurden abgegeben. Heruntergeladen wurden die Bilder aus dem Portfolio jedoch etwas über 230 000 Mal. Erstaunlich? Eine Ausnahme? Mitnichten. Denn die Gesamtwerte zeichnen ein ebenso düsteres Bild von der Partizipationsfähigkeit der Nutzer. Derzeit gibt es etwas über 100 000 Bilder bei PixelQuelle bei guten 110 000 registrierten Benutzern. Pi Mal Daumen müsste also nicht mal jeder Nutzer ein Bild eingestellt haben. Das reale Verhältnis stellt sich noch anders dar. Während manche Nutzer 40, 50 und mehr Bilder eingestellt haben und manche sogar über 100 Fotos veröffentlichten, müssen entsprechend viele andere Nutzer gar kein Bild hochgeladen haben. Bald 5 Millionen Mal sind die Bilder heruntergeladen worden. Kommentiert wurde dagegen bescheiden. Nicht mal 90 000 Kommentare finden sich bei PixelQuelle, noch dazu reduziert sich wahrscheinlich die Zahl der Personen hinter den Kommentaren drastisch. An die 130 000 Bewertungen wurden abgegeben. Das allerdings liegt nicht an PixelQuelle sondern an uns. Ja, denn wir sind es nicht gewohnt zu geben und stattdessen geübt im Nehmen.
Vielleicht habe ich aber das falsche Projekt in Augenschein genommen? — Kein Problem. Wechseln wir zu YouTube und machen dort eine etwas ausgiebigere Stichprobe. Die Probe auf’s Exempel ergibt kein anderes Bild von der Blase 2.0. Ein aktuelles Video, das heute auf der Startseite prangt, es wurde bald 50 000 Mal angesehen, allerdings hinterließen die Nutzer nur 219 Kommentare und bislange wurden keine 1000 Bewertungen abgegeben. Beim heute am häufigsten gesehenen Video, einer Satire auf Apples neues Iphone, zeigt der Zähler bald 350 000 Sichtungen an. Trotzdem wurden bloß 565 Kommentare abgegeben und lediglich etwas über 1800 Bewertungen vorgenommen. Wenn man in die Kategorie der am häufigsten bewerteten Videos von heute wechselt, ist das bereits erwähnte schon das Ende der Fahnenstange. Und auch YouTube bietet uns eine Möglichkeit die “alltime”-Favoriten anzusehen. Das Verhältnis zwischen reinen Konsumenten und Partizipanten verändert sich zwar ein wenig, doch gilt das lediglich für einen kleinen “Haufen” von Ikonen. Ein Video (siehe unten), das in einem Dreiviertel Jahr gute 38 Millionen Mal angesehen wurde, das mit die lustigsten 6 Minuten, die man je zu Gesicht kriegen wird, angekündigt wird, ist mit der Anzahl der Sichtungen Spitze. Es wurde etwa 15 000 kommentiert und über 66 000 Mal bewertet. Eine wahnsinnige Diskrepanz.
Link: www.youtube.com
Ich könnte viele weitere Web 2.0-Projekte unter die Lupe nehmen und würde dieselben Verhältnisse in Sachen aktiver Teilhabe und passivem Schmarotzerdasein feststellen. Bei äußerst “sozialen” Projekten wie der Wikipedia ist zwar quantitativ mehr Partizipation festzustellen, aber eben auch eine umso höhere passive Verwertung der Inhalte. Ich selbst habe wohl viel öfter zu Artikeln verlinkt, als selbst aktiv an ihnen mitgewirkt. Ich bin der Überzeugung: Das, was Social Web eigentlich bedeutet, ist noch gar nicht ins Bewusstsein der Leute gedrungen. Noch dazu, da das Phänomen nicht mal ein globales ist. Die Grenzen des Internet (Finanzierbarkeit, Know-How, Sprachbarrieren, Zensurmaßnahmen, u.a.m.) verhindern außerdem ein wirkliches Ausbreiten auf dem ganzen Globus. Ob es jemals dazu kommen wird, kann man bezweifeln, aber ich möchte lieber darauf hoffen, dass in der Nachfolge noch mehr Anwendungen erzeugt werden, die das soziale Prinzip befördern und Zeiträume schaffen, in denen es den Akteuren möglich gemacht werden wird, sich an ihre neue Rolle zu gewöhnen.
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Tags Barrieren, Don-Alphonso, Grenzen, Internet, Johnny-Häusler, Pixelquelle, Robert-Basic, Tom-Alby, Web-2.0, Wikipedia, YouTube
Kategorie Media, Science · Autor Alexander Trust · 6 Kommentare

January 15, 2007 · 8:38 pm
Warum ist Konsumieren gleich “passivem Schmarotzerdasein”?
Das immer mehr passiv konsumiert als akitv teilgenommen wird, ist doch normal und liegt in der Natur der Sache ab einem bestimmten Verbreitungsgrad. Das negativ zu sehen, geht imho an der Sache an sich völlig vorbei.
Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten, dass ich automatisch SChmarotzer bin, wenn ich ein Video, ein Bild, ein Lied oder einen Text nur konsumiere, aber nicht bewerte, nicht kommentiere oder sonstwie weiterverarbeite.
Das ist doch eine überspitzte Betrachtungsweise des normalen Konsumverhaltens.
Unterschiedliche Level der Partizipation- für mich nichts Schlimmes. Und schon gar nicht der Untergang des Aben- Web2.0..
P.S.: Long term wird das Internet überall sein, und wir werden es noch erleben.
January 15, 2007 · 10:07 pm
@Marcel: Du hast es ja richtig erfasst: überspitzt dargestellt.
Das ist so mein Metier. Ich habe keine wissenschaftlichen Ausführungen gemacht, und vor allem, es geht ums Web 2.0 = Social Web. Das, was daran als “social” interpretiert wird, ist eben die Partizipation, und die Rede ist davon, dass ALLE vom passiven Konsumenten zum aktiven Produzenten werden. Das Wort Schmarotzer ist, nun ja, sicherlich nicht in jedem Falle zutreffend. Aber für das Gebilde eines Social Web, in dem jeder für alle irgendwas herstellt, ist es eben so. Rein von der Sache her betrachtet. Ich erwarte nicht von jedem, dass er irgendwas beiträgt. Aber wenn man eben Social Web so sieht und die Medien den Leuten weismachen, dass jeder teilhat, dann muss man das auch aus medienwissenschaftlichen Gesichtspunkten heraus dementieren. So wie es dargestellt wird ist es nicht. Quantitativ gibt es jetzt mehr Produzenten, sicherlich. Aber das Verhältnis zwischen denen, die konsumieren hat sich nicht vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Masse konsumiert, ein kleiner Teil produziert. Das sind medienwissenschaftliche Paradigmen, die so schnell auch nicht überholt sein werden. Alle Welt sieht in dem Internet einen Heilsbringer, aber sie vergisst, dass wir uns zu sehr durch den Gebrauch von Medien davor in der Rolle des Konsumenten eingefunden haben. Aus der muss man auch erst Mal wieder heraus.
Nur damit wir uns nicht falsch verstehen. ICH denke nicht, dass es schlimm ist, bzw. ich finde es nicht schlimm, wenn es nicht so ist, wie es allen erzählt wird. Und für mich sind all diejenigen, die nur konsumieren auch keine wirklichen Schmarotzer.
Ich denke nicht, dass WIR es noch erleben werden. Alleine der Aspekt der sprachlichen Barriere wird sich nicht von hier auf jetzt und auch nicht in 100 Jahren übergehen lassen. Mediengeschichte zeigt, dass vieles schneller wird. Aber Sprachgeschichte zeigt, dass die Auswirkungen auf diesen Bereich sich sehr in Grenzen gehalten haben.
January 15, 2007 · 10:59 pm
Also kritisierst Du mehr die Darstellung in “den Medien”, dass behauptet, wird alle beteiligen sich jetzt? (Wird es das? ich glaube nicht)
Die Tatsache, dass es nicht so ist, ist klar. Und ja auch nciht schlimm, wie Du schon sagst. Ich denke auch, das das ‘social web’ mehr dafür steht, dass jeder mitmachen _kann_, nicht muss. Es bedeutet (für mich), dass man sich so weit einbringen kann, wie man möchte ohne dass man durch künstliche Barrieren abgehalten wird. So weit, wie man möchte- das ist der Punkt.
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Mit Internet überall meinte ich den technischen Zugang, nicht Sprachbarrieren. In einem Jahrzehnt, maximal in wenigen Jahrzehnten, wird flächendeckend der Zugang per Wlan zur Verfügung stehen. Mit niedriger Durchsatzrate kostenfrei. Und weil das infrastrukturtechnisch einfahc und günstig zu machen sein wird, werden zynischerweise auch die Teile in Afrika mit Wlan abgedeckt sein, in denen noch Menschen verhungern werden. Davon bin ich überzeugt.
Wir reden hier aber von Jahrzehnten.
January 15, 2007 · 11:11 pm
Ich glaube nicht, dass das so schnell gehen wird. Da stecken geopolitische und wirtschaftliche Zwänge dahinter, die das zu verhindern wissen. Erst wenn der Markt hierzulande ausgeschöpft ist, wird man sich öffnen. Ganz zu schweigen von Zensurmaßnahmen. Zuletzt wurden auch große Teile ganzer Länder komplett vom Internet abgeschnitten. Und für mich ist das Internet nur Internet, wenn die Leute es auch so benutzen. Ein halbtoter Hungerknochen aus Afrika, der nicht mal einen 100Dollar-Laptop hat, der geht aus der globalen Netzgemeinschaft für mich flöten. Wlan über den Globus verteilt bedeutet ja nicht, dass es alle nutzen können, z. B. weil sie nicht das Geld dafür haben. Ich bin da jedenfalls sehr skeptisch.
Und doch, einige Medien haben es euphemistisch so dargestellt, als wären wir jetzt in einem Zeitalter, da JEDER zum Produzenten würde. Nimm das Beispiel Pixelquelle, es gibt andere. 100 Tausend Bilder bei 111 Tausend Nutzern… d. h. nicht mal ein Bild pro Nutzer… wie ich oben erklärte, gibt es Nutzer mit 50 und mehr Bildern… d. h. du kannst noch Mal 49 Nutzer aufaddieren für jeden solcher, die eben 0 Bilder hochgeladen haben. Ich bin einer davon.
So ein Schmarotzer.
Ich reibe mich auch an dem Begriff der Globalität, weil es diverse Faktoren gibt, die das globale, allumfassende einschränken. Sprachen, wie erwähnt, Geld ein anderer Grund. Oder die IP Verteilung… ich hab da auch einen Artikel zu verfasst. Bei IP4… gab es etliche Länder auf der Erde, bei denen nur auf jeden Tausendsten Nutzer eine IP Nummer kam. D. h. es ist effektiv so, dass NICHT jeder könnte, wenn er denn könnte. *G* IP6 ist nur ne Schönheitskorrektur, die quantitativ mehr bringt, aber die politischen Verteilungsmechanismen nicht umgeworfen hat. Alle (westliche) Welt redet aber ja davon, dass das Internet uns ALLE verbindet. Sie meinen sich selbst damit, und nicht UNS alle. Ist ein sehr weitreichendes und interessantes Diskussionsthema.
January 15, 2007 · 11:14 pm
A pro pos. Ich finde die Idee vom Social Web wie ich sie implizit dargestellt habe besser als nur “die Möglichkeit” zu haben. Ich finde den Gedanken gut, wenn eben viele/alle was für den anderen tun. Das steht dem grundlegenden Denken von Kapitalismus und Copyright etc. entgegen.
Das Web wird über die Jahre auch andere Geschäftsformen entwickeln. Es wird sich vielleicht bisweile so eine Art Spendenkultur entwickeln.
February 2, 2007 · 8:29 am
[...] Beispiel von PixelQuelle aber auch YouTube versucht darzustellen, und sagte damals, wir seien der natürlichste Feind des Web 2.0. Sind wird auch, ich bleibe dabei. Selbst wenn wir uns die schiere Quantität bei StudiVZ angucken, [...]