Ist das Fernsehen für Gewalt an Schulen zuständig?
{1}Die Frauenzeitschrift “Für Sie” veröffentlichte Umfrageergebnisse. Für die Umfrage verantwortlich zeichnet sich die GEWIS. (via Zwischennetzzeitung) Die GEWIS ist indes ein recht angesehenes Institut im Bereich der Sozialwissenschaften, das jedoch seine Kapazitäten auch an Außenstehende veräußert. Dies Verfahren und auch das Stichwort Representativität standen bereits auf dem Prüfstand, damals ging es um eine Umfrage in der Wochenzeitung “Die Welt” zum Thema Sexträume.
Wenig repräsentativ
Wie wenig repräsentativ solch eine Umfrage in der Regel ist, darüber kann man sich von jedem Soziologiestudenten im Grundstudium aufklären lassen. Drum geht es jetzt ans Eingemachte: Die Aussagen, die aus der Umfrage resultieren, geben ein total verzerrtes Bild wieder, das vor allem auch an der Sache vorbei geht.
Eltern schieben Verantwortung von sich
45 Prozent der 1086 Befragten Elternteile mit schulpflichtigen Kindern gaben an, dass “die Medien” Schuld an Mobbing und Gewalt in der Schule sind. Man ist geneigt, zu fragen, wie wenig Ahnung Eltern haben können?! Oder aber, wie wenig Verantwortung sie sich selbst zuschreiben. Immerhin 26 Prozent der Befragten sahen die Schuld bei den Eltern. Angesichts der Tatsache, dass wohl oder übel nur eine Handvoll Fragen an diese 1086 Personen gestellt wurden, ist es nicht erst für die Redakteuer der “Für Sie” schwer, mehr als Kaffeesatzleserei zu betreiben. Ernsthaft wissenschaftlich und fundiert sind die Aussagen auf keinen Fall. Ein Schlag ins Gesicht. Man muss! die Dinge im Zusammenhang betrachten. Fernsehn ist ein mehr oder weniger großer Einflussfaktor, das wird hier keinesfalls bestritten. Mich würde die Zusammensetzung der Versuchspersonen (VPNs) interessieren. Anhand der Antworten kann man sich jedoch beinahe schon ausrechnen, aus welchen gesellschaftlichen Schichten die AntwortgeberInnen stammen.
Einfluss von Eltern ist nicht zu unterschätzen
Eltern vergessen beispielsweise ihren eigenen Einfluss auf ihre Kinder, und zwar ist der recht gewaltig. Über die letzten Jahrzehnte hat sich im akademischen Feld in der Psychologie oder in den Sozialwissenschaften ein Paradigma geprägt, das davon ausgeht, dass es im Wesentlichen drei Stadien der Sozialisation gibt. Im primären Stadium sind ausschließlich die Eltern zuständig und im sekundären und tertiären schwindet zwar ihr Einfluss, jedoch bleiben sie zeitlebens Bezugspersonen, die als Elemente in das Umfeld des sekundären und tertiären Staiums gerechnet werden. Was wenn Eltern fehlen? Nun, dann gibt es Ersatz. Dass Elternteile fehlen, hat jedoch in jedem Fall einen Einfluss, wenngleich dieser nicht klar zu formulieren ist. Wenn Ersatzeltern oder Bezugspersonen die primäre Sozialisation vornehmen, bleibt zumindest das Ausbilden eines sozialen Habitus gewahrt. Wenn beide Elternteile zwar pyhsisch anwesend sind, aber in keinster Weise als Vorbild fungieren, sondern im Hintergrund agieren, oder aber als schlechte Vorbilder sich präsentieren, hat das einen Einfluss auf das Verhalten der Kinder in der Schule.
Ursachenforschung
Wenn Eltern ihren Kindern beispielsweise zu viel Fernsehen gewähren, ist dennoch nicht das TV die erste Stellschraube in der Ursachenkette. Mit derlei Aussagen in den Umfragen schieben Eltern die eigene Verantwortung von sich. Es gibt viele Dinge, die einen Habitus, psychosoziale Muster eben, bei den Jugendlichen sich ausbilden lassen. Eine mögliche Erklärung für ein höheres Gewaltpotenzial liegt ebenso in der Zusammenstellung der Klassen. Kinder mit oder ohne Migrationshintergrund, die vorwiegend aus Orthodoxen Gegenden kommen, und hier vor allem männliche Jugendliche – bei ihnen gilt noch das Faustrecht, weil sie nichts anderes kennen gelernt haben. Wenn man sich nun hinstellt, und das Ganze sich selbst überlässt, dann wird etwas eskalieren und nach der Eskalation setzt ein Prozess ein, der vielleicht wieder zu einem Punkt führt, an dem manche, weniger orthodoxe Gesellschaften schon angekommen sind. Kein Selbstläufer jedenfalls, denn Modernisierungstheorien haben damit zu kämpfen, dass es a) Gesellschaften gibt, die zwar denselben Status erreicht haben, nicht aber unbedingt denselben Weg dorthin gegangen sein müssen, und b) gibt es durchaus auch andere Entwicklungslinien, die nicht das Telos im Blick haben, welches unter dem Begriff der Moderne definiert wurde.
Diejenigen, für die Bildung eine Ressource darstellt, mit der man Chancen ergreift, und sei es nur latent im Unterbewusstsein über die Sozialisation angelegt, die werden wenig Gewaltpotenzial an den Tag legen. Für alle anderen, für die Bildung keine echte Alternative (Chance) darstellt, finden sich Mittel und Wege. Sie setzen ihre eigenen Lösungsstrategien ein.
Wann Fernsehen Einfluss ausübt
Nur dann, wenn das Fernsehen zu einem Großteil die sozialisatorische Instanz ersetzt, kann es überhaupt prägend wirken. Kinder, die vor dem TV alleine gelassen werden und einige Stunden am Tag damit verbringen, werden von der Flimmerkiste in gewissem Maße sozialisiert. DAS allerdings bedeutet noch lange nicht, dass der Konsum zu mehr Gewaltpotenzial führt. Dazu müsste man analysieren, was denn die Filii sich so im TV eigentlich angucken. Es gibt interessante Untersuchunge im Bereich von Spielzeug, die man mit Sicherheit auf Fernsehsendungen, Inhalte, übertragen kann. Trotz unterschiedlichen Aussehens (Holzpuppe – Actionfigur) erfüllt Spielzeug nachwievor dieselbe Funktion wie noch zu Zeiten, da die Parentalgeneration “gespielt” hat. Pokemon und Co sind also prinzipiell gleichwertig. Wenn Kinder allerdings mit dem Fernsehen oder der Konsole allein gelassen werden, trägt dann das Medium Schuld? Psychologische und kulturwissenschaftliche Studien, z. B. aus dem Bereich der Cultural Studies-Forschung, zeigen außerdem, wie Konsumenten von Fernsehsendungen mit den vermittelten Inhalten umgehen. Lediglich dann, wenn bestimmte Muster oder Situation einen (Wieder-)Erkennungswert haben, stellt sich eine Adaptionsleistung überhaupt erst ein. Und dann ist interessant, wie die Leute mit dem Vermittelten umgehen. Klar ist: Der Weg von A nach B, so wie er in der “Für Sie” gezeichnet wird, ihn gibt es nicht.
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Tags Fernsehen, Habitus, Soziologie, Spielzeug, TV, Umfrage
Kategorie Media, Politics, Science · Autor Alexander Trust · 1 Kommentar

February 9, 2007 · 6:14 pm
Medienforschung und Medienwirkung: was für ein weites Feld. Mit einem Schmunzeln denke ich immer noch an einen mehrere 100 Jahre alten Aufsatz, in dem vor dem Bücherlesen gewarnt wird. These des Verfassers: Wenn Bücher die Leserinnen und Leser fesseln, ziehen sie sich immer mehr von der Umwelt zurück und verlieren eines Tages ihre Kommunikationsfähigkeit…
Als Publizistik-Student habe ich drei Thesen zu Medien und Gewaltdarstellung kennengelernt. Die 1.: Konsumieren Kinder und junge Leute Sendungen mit Gewaltdarstellungen, werden sie gewalttätiger als sie es bisher waren. Bewiesen wurde das mit einer Untersuchung an einem Internat. 2. Konsumieren Kinder und junge Leute Sendungen mit Gewaltdarstellungen, dann leben sie dabei ihr Gewaltpotenzial aus und werden im Alltag friedlicher als sie es bisher waren. Bewiesen wurde das bei einer Untersuchung außerhalb eines Internats. 3. Konsumieren Kinder und junge Leute Sendungen mit Gewaltdarstellungen, hat das keine Wirkung. Andere Faktoren sind wesentlich wichtiger.
Und die Moral von der Wissenschafts-Geschicht? Im Elternhaus und in den Schulen sollte mehr Wert darauf gelegt werden, dass die Kinder Medienkompetenz entwickeln. Das allerdings könnte für viele gefährlich werden…Wenn die Leserinnen und Leser eines Tages fragen würden, wie Meldungen entstehen, für die Medienmacher nicht auszudenken!
Fernsehen sollte keine Ersatzfunktion haben. Viel zu oft ist es Kindermädchen und Abschiebebahnhof für den Nachwuchs, weil Eltern sich keine Zeit nehmen wollen oder können für ihre Sprößlinge.
Allerdings: Erziehung ist kein Nürnberger Trichter. Oben was reinschütten, damit unten etwas Bestimmtes herauskommt, das funktioniert (zum Glück) nicht! Denn dann hätten es Diktatoren im wahrsten Sinne des Wortes “kinderleicht”!