Manipulative Unbewusstheit?!
In einer Einführung in die Philosophie der Gegenwart von Reiner Ruffing findet sich in dem Kapitel “Kulturhistorischer Hintergrund” folgende, unscheinbare Aussage: “Der Dichter Bertolt Brecht (1898-1956) schuf mit dem epischen Theater eine neue Ausdrucksform.” (S. 12) – Es ist erstaunlich, wie an dieser Stelle eine Art manipulative Unbewusstheit vorliegt. Jeder wird bestimmt schon ein Mal Dinge zusammengefasst haben, oder anderen Leuten in seinem Umfeld Vorschläge unterbreitet haben. Die Gehirnforschung, die Psychologie, sie klären uns darüber auf, dass wir geflissentlich Informationsbröckchen über die Zeit synthetisieren, und dabei manche Informationen unter den Tisch fallen.
Ich erinnere mich, dass ich im Grundstudium eine Ausarbeitung über das epische Theater von Brecht schrieb. Weniger die Ausarbeitung, als die ganze Lektüre, die ich auf dem Weg dorthin gelesen habe, hat mir gezeigt, dass nicht Bertolt Brecht derjenige genannt werden kann, der das epische Theater erfunden hat; das Zitat aus der Einführung in die Philosophie der Gegenwart lässt aber einen derartigen Schluss zu. Um ihn herum waren eine Vielzahl anderer, die ebenso dazu beitrugen, wenn nicht gar schon eine Vorreiterrolle übernahmen. Man kann nicht alles wissen, das erwähnte ich bereits an anderer Stelle. Heute weniger denn je. Vielleicht aber war es schon zu Anbeginn der Zeit so, dass man darüber nicht Bescheid wissen konnte. Gleichwie können wir an diesem Punkt merken, wie leicht wir und unsere Auffassung von solchen Aussagen gelenkt werden können. Jemand, der diese Zeilen liest und vorher nicht über Brecht gestolpert ist – man wird ja zum Glück nicht dazu gezwungen -, der wird das Wort so hinnehmen und es an anderer Stelle vielleicht noch weitertragen.
Das Schlimme ist, dass wir so einen Obrigkeitsglauben entwickelt haben, der uns die Arbeit erleichtert. Wir vertrauen auf die Institutionen und vergessen dabei unsere eigene Urteilkraft. In meinem Beispiel handelt es sich um die Institution des Buches. Was in Büchern steht, kann doch nur richtig sein?! Mitnichten. Zwar ist diese Stelle, die ich zitierte, diskussionswürdig da grenzwertig, aber es gibt andere Beispiele, in denen die Manipulation offen zutage tritt und eine Großteil sie überhaupt nicht bemerkt. Das Fernsehen, und noch dazu das öffentlich-rechtliche ist so eine weitere Institution, der wir uns anvertraut haben. Klar ist aber auch, dass wir nicht umhin kommen, Arbeitsteilung zu betreiben. Wenn wir also auf unsere Institutionen vertrauen wollen, müssten diese sich auch vertrauenswürdig zeigen.
Nun könnte man mit ein wenig Phantasie oder Abstraktionsleistung sich eine Vielzahl solcher kleinen, unscheinbaren Aussagen vorstellen. Eine Matrix von – ich nenne sie absichtshalber ein Mal – Falschaussagen. Kleinvieh macht auch Mist, heißt es in einem Sprichtwort zurecht, und so auch hier. Wenn wir uns vorstellen, wie weitreichend man über viele solcher kleinen, unscheinbaren Aussagen von etwas ferngehalten wird, was am Ende die Wahrheit heißen könnte?! Gibt es so etwas wie Wahrheit? Ein Problem, das wir erkennen, zum Beispiel in anderen Kulturkreisen, ist, dass das Vorenthalten von Informationen auch eine Form von Manipulation nach sich zieht. Ich bin der Meinung, dass wir in unserem Kulturkreis zumindest ein größeres Problem erzeugen. Diese Pluralität, der Fakten, die nebeneinander stehen, sie sorgt dafür, dass wir keine davon eindeutig identifizieren können, oder wollen. Es gibt natürlich Akteuer, die sich das zutrauen. Solche, die über genügend Knowhow oder Wissen in einem Bereich verfügen. Aber ich argumentiere hier im Sinne der breiten Masse. Es gibt viele, die mit erhobenem Zeigefinger von Volksverdummung sprechen. Nun, sage ich, gibt es Ursachen dafür. Der lachse Umgang mit Informationen, von denen, die eigentlich verantwortlich damit umgehen sollten ist eine davon.
Hinzufügen zu del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags Bildung, Information, Institution, Manipulation, Philosophie, Psychologie, Wissen, Wissenschaft
Kategorie Media, Science · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
