Maybritt Illner, wenn der Kontext fehlt
Gestern diskutierten die “wachen” und die Opfer, die Anwälte der Täter und jene, die noch wussten, wer oder was die 1968er sind. Roland Koch platzte der Kragen, als er Scheriff geschimpft wurde. Besonders fiel auf: Zunächst baten die meisten der geladenen Gäste immer darum, doch ausreden mögen zu können. Sehr viel Metakommunikation, um den Gegenüber Vice Versa an Diskussionskultur und Benimm zu erinnern. Wenig Argumente. Bei Spiegel Online heißt es über die Talkrunde von Illner, sie sei gestern ein Schmierentheater gewesen.
Roland Koch versprach, wenn seine Kinder Steine werfen würden, sie eigenhändig zu verstoßen, und formulierte die konservativen Grenzen ohne wenn und aber. Das ist okay, wenn nur seine Kinder nicht einstens Amok laufen werden; er selbst würde leugnen, und das Berliner Ensemble würde ihm bestimmt anbieten Buße zu tun. Aber immerhin ist Roland Koch wichtig, weil mir sein Name noch immer bekannt ist. Offen gestanden, war es neben dem der Moderatorin der einzige Name, der mir wirklich bekannt war.
Der CDU-Ministerpräsident aus dem Hessen-Ländle vertrat seine Meinung, und das tat er konsequent. Davon abgesehen gab es neben den diversen Hahnenkämpfen noch eine besonders interessante Frage. Die zu klären hätte man jedoch den Kontext schafen müssen, um sie zu beantworten. Die Klientel, die dort auf den Stühlen saß, sie war nicht geeignet, um diese Frage wirklich ernsthaft zu beantworten. Ihre Antworten verklärten, was vielleicht doch nicht so unwahrscheinlich ist. Die Frau eines Opfers, Ina Beckurts, der RAF äußerte die Befürchtung, dass es zu neuen Gruppierungen wie der RAF kommen könnte. Vielleicht würden diese anders heißen, vielleicht auch nicht. Die Herren schwiegen oder wollten ihrer Meinung Geltung verschaffen, dass es nicht zu einer neuen, radikalen Linken Bewegung kommen könnte.
Hätten die Damen und Herren zumindest daran gedacht ein Sprachrohr der “nicht” rechtslastigen Jugend einzuladen, hätten sie den Kontext gehabt, der gereicht hätte, die Frage zu beantworten. Es sind nicht “die anderen”, die für jemanden das Wort ergreifen können, wenn es wirklich wasserdicht werden soll, sondern diejenigen, die dorther kommen, wo man neues Potenzial vermutet. Im Jahr 2001 brachte der Deutschrapper Sammy Deluxe den Song “Weck mich auf” heraus. Wenn jemand sich den Liedtext ansehen möchte, gerne. Darin finden sich subjektive Beschreibungen einer eigens empfundenen Welt. Diese Welt ist dort draußen, und wird von einer ganzen Generation und den ihr nachfolgenden Kohorten zumeist so empfunden. Mich würde es überhaupt nicht wundern, wenn die radikale Linke sich über kurz oder lang wieder firmiert, wenn die reichen Geizigen und die unheimlich Wichtigen nicht von ihrem Tripp herunter kommen, der den Sozialneid wachsen und gedeihen lässt.
Eines hat die Diskussion, so wie sie Spiegel Online interpretiert, übrigens gezeigt. Wir müssen uns nicht wundern, wenn fundamentale Islamisten den Holocaust in Frage stellen, wenn wir selbst uns schwer tun festzustellen, dass Geschichte irgendwann nur noch aus Fakten rekonstruiert werden kann. Da das Medium die Botschaft ist, hat jeder, der Geschichte (auf)schreibt, sie subjektiv manipuliert. Wir greifen zu Büchern in denen jede Zeile und jedes Bild was zeigt? Einen subjektiven Kontext, der etwas plausibel darstellt. Wahrheit wird daraus, weil es den Common Sense gibt. Der, so trällern es die neuen akademischen Befunde, erodiert. Irgendwann werden die Falten in der Stirn mehr werden und die Skepsis an den Lettern und der Druckerschwärze zunehmen. Vor allem, wenn wir jetzt schon leicht verwirrt erahnen, dass uns eigentlich immer ein X für ein U vorgemacht wird.
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Kategorie Media, Politics · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare

