StudiVZ ist nicht alles Schuld
{1}Während in diversen Blogs über die Rechtswirksamkeit der neuen AGBs des StudiVZ diskutiert und geschrieben wird, hat sich der Blogbetreiber von smartNUTS gedacht, er könnte einen Faden Abseits der Diskussion spannen. Obgleich ich aus einigen Gründen kein StudiVZ-Verfechter bin – eher das Gegenteil ist der Fall -, muss ich doch Einspruch gegen “ein” Argument auf dem smartNUTS-Blog erheben.
Oder zumindest muss ich formulieren, dass mir das Argument zu wenig differenziert daher kommt. Ist jetzt StudiVZ ein Aufmerksamkeits-Killer? Soll ich das “auch” aus dem Artikel heraus lesen? Steht es in Konkurrenz zur Lehre, und nimmt die Aufmerksamkeit der Lernenden gegenüber dem Lernstoff ab? Ich würde sagen, ja. Die Frage nach dem “warum” jedoch anders beantworten wollen. Nicht jedoch wegen der grundlegenden Interaktivität eines Social Networks, sondern wegen der Hintergründe.
Ein Professor der Sprachwissenschaft an meiner Hochschule hat in vielen seiner Einführungsvorlesungen immer kolportiert, dass Studierende ja vieles nicht mehr wüssten, sie sich aber keine Sorgen machen müssten, weil das Bildungssystem selbst zu ihrer Verdummung geführt hat. Ich würde den Kreis gerne noch weiter ziehen: Die Gesellschaft ist der Hort in der ein jeder Verantwortung übernehmen “könnte”. Wir drehen uns munter und lustig in einer Abwärtsspirale, weil selbst die Lehrenden egal ob in Schule, im Kontext der Berufsausbildung oder der Hochschule sich dezent zurückhalten. Natürlich ist das “viel” zu einfach formuliert; wer polarisiert, der will aufrütteln.
Gleichzeitig jedoch erodiert der Common Sense. Man gibt den Menschen keine Gelegenheit mehr, ein Fundament zu schaffen. Der kanadische Kultur- und Medienwissenschaftler Harold Innis hat das als den Flug der Eule von Minerva interpretiert und hatte, wie mir bei der Betrachtung der jetztigen Industrienationen scheint, damit auch Recht. Kreativität und Intellekt werden nach Innis zu einem Zenit geführt, der von dort aus prinzipiell wieder in eine Abwärtsspirale mündet. Wie bereits an anderer Stelle angedeutet, werden wir von China und/oder Indien überholt, wie auch eine dreiteilige Dokumentation im ZDF “Deutschland Global” sehr schön vor Augen geführt hat. Das ist in der Tat nichts Schlimmes, gleichwie würde ich mir wünschen, dass diese aufstrebenden Nationen nicht dieselben Fehler machen, die wir immer noch nicht gelernt haben, abzustellen. Ich unterhielt mich einstens mit einem chinesischen Studenten der Rechtswissenschaft über eben mein Bedauern, dass gerade in seinem Heimatland so etwas wie ein Fetisch für die kapitalistischen Strukturen entsteht, die in unseren Sphären mehr und mehr an ihre Grenzen stoßen.
Es gibt nicht mehr für alles einen Markt, und doch gibt es Dinge, die nachgefragt werden. Solche Ressourcen fallen einfach unter den Tisch, und müssen dann freilich von woanders her importiert werden. Denkt man zumindest, oder wird glauben gemacht. Nur liegt die Krux nicht darin, dass es sie vielleicht nicht mehr gäbe, sondern lediglich in der Tatsache begründet, dass die marktwirtschaftlichen Mechanismen sukzessive dazu geführt haben, dass für derlei Dinge der Markt keine Aufmerksamkeit mehr erhält. Mit zunehmender Verweildauer auf dem Aufmerksamkeits-Abstellgleis wird manches vielleicht irgendwann “neu” entdeckt, anders kommt nie wieder zum Vorschein. Dann allerdings erinnert man sich nicht mehr der Dinge, sondern wird aus anderen Orten darauf gestoßen. So importieren wir dann. Auch damit habe ich kein Problem. Schwierig, eigentlicht unerträglich wird es für mich, wenn sich Leute dann einen Sündenbock suchen. WIR sind diejenigen, die Schuld daran haben, dass bei uns die Dinge in Vergessenheit geraten, stiefmütterlich behandelt werden und eben dann, wenn wir sie brauchen, von woanders hergeholt werden.
Kommen wir zurück zum Argument des smartNUTS-Blogs. In diesem Fall finde ich es nicht grad sinnvoll StudiVZ oder einem anderen Social Network die Verantwortung zuzuschieben, ein Aufmerksamkeits-Aufsauger zu werden. Die BILD-Zeitung wird auch gelesen. Alles was ich feststelle ist, dass Studierende jenseits der Naturwissenschaften kaum noch in der Lage sind im Kopf zu rechnen, und Naturwissenschaftler sich bald grad gar nicht mehr in ihrer Muttersprache auskennen, um es mal “sehr” überspitzt zu formulieren. Ich finde, das geht uns alle an. Wenn selbst das höchste Bildungsniveau nur noch durchschnittliches Wissenspotenzial erzeugt, dann wird, wenn eines Tages die Information tradiert werden soll die Meßlatte (leider) ganz natürlich nach unten geschoben. Die Schüler, die eines Tages selbst zu Lehrern werden haben eben nicht mehr so viel auf dem Kasten, wie noch ihre Vorgänger.
Wir reden uns meines Erachtens raus, wenn wir “andere” Qualifikationen in den Blick nehmen. Die Akademik selbst liefert sehr plausible Erklärungen dafür, warum gewisse Kompetenzen zur Ausbildung aller anderen Kompetenzen notwendig sind. Doch ach, die Welt geht gar so schnell, dass wir uns gerade auf eine Sphäre einzustellen vermochten und nicht mitkriegen, wie diese bereits zum alten Eisen gehört. Ein Beispiel aus der eigenen Beobachtung soll die einfache Spitze eines immensen Eisbergs verdeutlichen. Auf einem Flughafengelände fand sich ein Getränkeautomat, und eine weibliche Person mittleren Alters, die ich dabei beobachtete, wie sie gerne dem Automaten im Tausch für ihr Silbergeld ein kühles Nass entlockt hätte. Der Automat hatte das Programm: Bitte erst Taste drücken, dann Geld einwerfen. Doch die Dame probierte es mehrere Male vergeblich anders herum, bis sie entnervt aufgab.
Bestimmt war das Getränk nicht lebensnotwendig und die Dame hielt sich in einer Urlaubsumgebung auf, doch gibt es genug andere Beispiele, die anzeigen, wie der hyperaktive Turnus des Fortschritts unheimlich viele von “uns” schlichtweg überfordert oder ausgrenzt. Das endet in einem, wie es scheint, unaufhaltsamen Differenzierungsprozess, in dem es immer mehr Außenseiter gibt, die nicht mehr mitreden können und auch untereinander nicht mehr in der Lage sind zu kommunizieren, wie Jörg Jost es im letzten Semester an der RWTH-Aachen mit der Fragilität von Bedeutung schön zur Schau gestellt hat. Meines Erachtens müssten wir diese Spirale mit Aufwand wieder in eine andere Richtung bewegen, anstatt die “Inhalte” als mögliche Wege zur Ausflucht zu betrachten. Die Wissensgesellschaft ist in großen Teilen eher eine Unterhaltungsgesellschaft, vor allem da auch Teile des Wissens als Unterhaltung angesehen werden. Pragmatisch gedacht und zugespitzt formuliert, zum Überleben unserer Rasse bedarf es keiner individualisierten Singleplayer, die am Ende nicht vielmehr als ein Abfallprodukt gewesen sein werden. Zumindest sehe ich diese Gefahr, wenn wir die Schlagzahl nicht verringern. Denn Individualisierung erfordert Zeit. Nicht zu wissen, wer oder was man ist, wird in unserer Episode besonder leicht gemacht, in der sogar schon Haustiere ihren Psychologen haben.
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Tags Fortschritt, Innis, Jörg-Jost, Kultur, RWTH, Social-Networks, Sprachwissenschaft, StudiVZ, Wissenschaft
Kategorie Glocal, Media, Politics, Science · Autor Alexander Trust · 1 Kommentar

March 31, 2007 · 12:23 am
[...] ist Schuld am Aufmerksamkeits-Defizit” in seinen PC-Kursen. Und der (imho berechtigte) Hinweis von Alexander Trust, dass man Studivz nicht für alles die Schuld geben [...]