4. April 2007

Von Blogs, Geschwindigkeit und Medienwissenschaften

Herbert Marshall McLuhan war es, der die Rede vom globalen Dorf initiierte. Wir stehen heute schon vor diesem Phänomen und klatschen Beifall, dass jemand diese grundlegende mediale Veränderung, obgleich er nicht mal einen Kontakt mit richtigen Computer haben konnte, zu antizipieren wusste. Seine Prognose zeigt von viel Empathie.

Neben McLuhan gab es Harold Adams Innis. Ebenfalls, wenn man so will, einen Medienwissenschaftler aus der kanadischen Schule. Eigentlich sogar McLuhans Lehrmeister, wie manche behaupten. McLuhan und Innis hatten zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Welt. Für Innis war klar, dass es irgendwann kein positives Erwachen mehr gibt, wenn uns die Medien die Waagschalen zu sehr durcheinander würfeln. McLuhan indes glaubte immer noch daran, dass der Mensch in der Lage sei, sich an den technischen Fortschritt zu gewöhnen, komme, was wolle.

Blogs sind in gewisser Weise noch eine spezielle Ausformung dieser Formel des “globalen Dorfes”. Für den Sprachraum, in dem die Texte verfasst sind, kommen Leute beisammen und diskutieren. Allerdings hätte Harold Innis Blogs als Teufelswerkzeug abgetan, zumindest aber auf jene Seite der Rechnung verbucht, die es den Menschen immer mehr unmöglich macht, das Gleichgewicht wieder einzustellen. McLuhan konnte so positiv auf die Dinge blicken, weil für ihn gar kein Gleichgewicht notwendig war, sondern eine Richtung durchaus nichts Negatives hatte. Innis kann man in diesem Punkt wahrlich etwas konservativer nennen.

Bin ich nun etwas konservativer, wenn ich den Gedanken formuliere, dass ein Attribut von Blogs, nämlich ihre strenge Fixierung auf die Zeit gerade so etwas wie einen zusätzlichen Druck erzeugt?! Irgendwie muss man das Gefühl kriegen, oder die Befürchtung, dass Blogs ständig auf dem Laufenden gehalten werden müssen, um überhaupt Blogs sein zu dürfen. Das, was wir Blogosphäre nennen, ist ständig in Bewegung. Und wenn jemand, wie zuletzt, sozialen Netzwerken zuspricht, sie würden die Aufmerksamkeit von so viele Leuten bündeln, dann trifft das auf Blogs ebenfalls zu. Ein Blog ist im Prinzip doch auch nur eine Webseite, und deshalb werden ihre Ergebnisse in Suchmaschinen wie Google eingetragen. Wo geht der Weg hin, wenn Schreibende, wie Lesende, nicht mehr die Ruhe finden, sondern, um im Prinzip oben mitzuspielen, ständig sich auf dem Laufenden halten müssen.

Dann kippt irgendwann etwas um, und beginnt Anforderungen zu stellen. Leser aktualisieren ihren Feedreader und Blogbesucher surfen ihre Blog-Lesezeichen ab, um sich auf dem Laufenden zu halten. Und doch bietet ein Blog, z. B. über die intere Suchfunktion oder Archivseiten verfügbar, Inhalte, die jenseits von aktuellem Zeitgeschehen eine Bedeutung haben, und die auch für einen Diskurs gut geeignet sind. Alle Nase lang ereilt mich eine Email-Benachrichtigung darüber, dass Leute einen Beitrag kommentieren, der schon lange lange vorher veröffentlicht wurde. Heute war wieder so ein Tag. In meinem Privatblog wurde ein Praktikumsbericht von mir kommentiert.

Auf der Startseite eines Blogs, so ist es konzipiert, erscheinen die aktuellsten Artikel zuerst. Andere geraten in Vergessenheit. Im Kleinen Maßstab ist ein Blog ein Exempel dafür, wie Geschichte funktioniert (und doch auch wieder nicht, Suchmaschinen sei Dank). Generell ist aber die Medienkompetenz von Bloglesern so getrimmt, dass sie eben nur das wahrnehmen, was auf der Startseite ihnen angeboten wird. Wenn man als Autor nicht selbst immer mal wieder Rückverweise auf ältere Artikel einstreut, so werden diese von vielen Lesern wohl nicht mehr wahrgenommen. Der polnische Autor Andrzej Stasiuk bemühte in einem seiner Romane einen tollen Vergleich: Zeit, schrieb er, sei wie ein Vorhang, der sich vor die Dinge schiebt. Alles was hinter dem Vorhang ist, können wir nur noch über unsere Erinnerung abrufen. Während die Erinnerung allerdings etwas Gemütliches an sich hat, scheint das Streben von Blogs und Blogosphäre zumindest in Teilen die Schlagzahl zu erhöhen. Blogs produzieren in Teilen Information auf Teufel komm raus. Wenn jemand ein Blog regelmäßig liest, dann wird er sich wohl darin auskennen, und auch wissen, welche Gedanken der Blogger oder die Bloggerin sich über die Zeit gemacht haben.

Kommen indes neue Leser hinzu kommt es sofort zu Missverständnissen, weil diese “den” einen Beitrag als das Credo des Bloggers interpretieren wollen. Gibt es eine Möglichkeit, Missverständnissen vorzubeugen? Offensichtlich nicht. Wir sollten uns dennoch die Frage stellen, ob es gut ist, dass wir manchmal nicht zur Ruhe kommen, und stattdessen aber auf beiden Seiten, bei dieser Informationshatz mitmachen. Blogs werden ungemütlich, wenn die “Pace” (engl. für Geschwindigkeit) in der vermittelten Medienkompetenz größer wird. Leser wollen neuen Input und Schreiberlinge fühlen sich ihren Lesern verpflichtet. Das trifft natürlich nicht auf alle zu. Das trifft aber vielleicht auf zukünftig immer mehr Menschen zu.

McLuhan hat für unheimlich viele verschiedene Medien eine Analyse betrieben, ob sie “heiße” oder “kalte” Medien seien. Die Differenzierung ist “leider” nicht eindeutig, aber zumindest grob durchführbar. Blogs wären kalte Medien, weil sie vermittels der vielen Texte wenig Raum für eigene Gedanken lassen. Comic-Blogs oder dergleichen ein Mal außen vorgelassen. Und doch stellen Blogs Anforderungen an die Leserschaft.

Zusammen mit der vagen Dichotomie McLuhans und ein wenig Perspektivität von Harold Adams Innis, müsste respektive könnte man weitere Pole für Medien ausbilden, um sie einzuordnen. Orientierend an der Geschwindigkeit. Es gibt verlangsamende und beschleunigende Medien. Denn für Innis sind gerade diejenigen, die nicht nur den Informationsfluss, sondern unser aller Leben beschleunigen, dieselben, die dazu führen, dass die Kulturgesellschaft, die sich dahinter verbirgt nicht mehr auf die Beine kommen wird, weil sie von den Anforderungen überfordert scheint. Im Spiel um diese Medien, gab es früher auch nationalstaatliche Grenzen, heute gibt es sie nicht mehr so sehr. Medien sind beinahe überall; selbst das Internet ist nicht ohne Grenzen. Nur, wo führt das hin? Noch haben wir, dank des Verlustest von nationalstaatlichen Grenzen so eine Art Puffer. Denn es gibt eben “genug” Menschen, die sich mit der nötigen Schlagzahl bewegen, so dass es ihnen nicht auffällt, dass es eigentlich immer weniger werden. Warum es immer weniger werden? Nun, weil die Voraussetzungen oftmals fehlen, dieses Tempo mitzugehen, gleichzeitig aber die Komplexität an medialen Kanälen schon vor einiger Zeit unüberschaubar geworden ist.

Als Mensch hinkte man schon lange Zeit dem technischen Fortschritt hinterher, doch dieser bekommt mit dem Internet ein neues Gesicht in globalem Maßstab. McLuhan würde sagen, man muss Medienkompetenz vermitteln, um den Menschen vor Augen zu führen, welche Veränderungen die Medien, speziell das Internet, oder eben hier angesprochen, die Blogs zeitigen. Das Problem bei der Vermittlung dieser Kompetenz ist jedoch der Faktor Zeit. Man muss nämlich am lebenden Patienten Medium zeigen, worum es sich gerade dreht, damit die Mediennutzer es in der Breite verstehen. Die Halbwertszeit von modernen Medien, ist je nach Gattung allerdings recht kurz. In ihrer Funktionalität werden Mobiltelefone beispielsweise von Generation zu Generation immer mehr aufgemotzt. Die integrierte Kamera hat am Ende genauso viele Belichtungseinstellungsmöglichkeiten wie die erworbene Digital Kamera, für die man sich erst kürzlich an der Volkshochschule zu einem Kurs in digitaler Fotografie angemeldet hat. Immer gesetzt den Fall, man weiß, was eine Volkshochschule ist und hat das nötige Kleingeld.

Information rund um Medien tut Not. Anleitungen sind keine kleinen Beipackzettel, und selbst die verstehen unheimlich viele Leute nicht mehr. Es wird, wieder nach Innis, der Punkt kommen, man könnte sagen, er ist bereits gekommen, an dem wir hoffnungslos überfordert sind. Beide, McLuhan und Innis sprachen über gesellschaftliche Veränderungen, die Medien zeitigen. Sie meinten je unterschiedliche. Wenn man den McLuhanschen Puffer also noch einbaut, wird es trotzdem irgendwann eng werden. Dann nämlich, wenn die Avantgarde derjenigen, die sich – um mit Lev Manovich zu sprechen – als Player (Spieler) gegenüber den Usern (Nutzer) abzeichnen, immer geringer werden wird. Da waren wir doch auch schon ein Mal dabei, zu sagen, dass der Common Sense erodiert. Bedeutung ist darauf angewiesen, dass ein Sprachspiel sie erzeugt. Doch die Kreise, werden immer kleiner und die Chancen immer größer, dass sich einst die Wege zwischen den Bedeutungsvermittlern nicht mehr kitten lassen.

Medien haben einen enormen Einfluss darauf, wohin der Weg gehen wird. Schauen wir nicht nur dabei zu, sondern nehmen Stellung und hinterfragen, was die Dinge mit uns anstellen. Es obliegt nicht der Verantwortung der Medien, egal ob als Konglomerat lauter Medientreibender in Print und TV, oder eben an den Apparaturen, wie dem TV oder dem Computer. Selbst-Bewusstsein und Bewusstheit im Umgang mit den Medien wird die Schlagzahl in eine Richtung treiben, die uns nicht etwas suggeriert, von dem wir am Ende gar nicht mehr mitbekommen, wenn es nicht mehr den Tatsachen entspricht.

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Kategorie Media, Science · Autor · Keine Kommentare


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