Bruchstelle in der Vermittlung?!
Ich saß heute in einem Seminar der Literaturwissenschaft, und eigentlich beschäftigten wir uns nach und nach mit der poetischen Denk- und Produktionsweise von T. S. Eliot, H. M. Enzensberger und Paul Valéry. Irgendwann klinkte ich mich in die Diskussion ein, nicht wissend, wo sie eigentlich enden würde. Es ging um das Handwerk, oder doch um die Kunst? E. A. Poe war jemand, der dem Handwerk Kunst öffentlichkeitswirksam sehr viel Bedeutung zugesprochen hatte. Es ging in der Folge auch um den “goldenen Boden” der Literaturproduktion. Formuliert hatte das wohl Paul Celan und noch dazu ironisch.
Wie es bei mir oft geht, von Stöckchen auf Steinchen: Ich wollte naiverweise nur angeben, dass man Kulturkapital vermitteln müsste, zum Beispiel in Form kultureller Codes, damit man Kunst überhaupt als solche wahrnehmen kann. Das ist ja kein Geheimnis, aber, um den goldenen Boden für Belletristik zu erreichen, sprich, sie lukrativ zu machen, und einer großen Leserschaft anzubieten, müsste man den Leuten den Schlüssel an die Hand geben. Möchte denn Kunst immer nur Nischenphänomen bleiben?! Ist es gerade das Besondere, das nicht alle damit auskommen und es nicht entziffern können?! Wäre es nicht genauso besonders, wie auch Robbie Williams einige Hunderttausend Zuschauer fesselt und trotz allem für diese seinen Reiz nicht verliert?!
Gleichwie: Es legte mir jemand folgende Erklärung in den Mund, um meine Gedanken zu umschreiben – ein Autor soll also seine eigenen Werke kommentieren. Und ja, in gewissem Grad soll er das meiner Meinung nach tun. Am Nachmittag sprach ich noch mit jemandem darüber, und der Gedanke verfestigte sich, entwickelte sich aber weiter. Es ist tatsächlich so, dass es gut wäre, den Code zu vermitteln, um ein Werk zu entschlüsseln. Das würde nicht die Literaturwissenschaft arbeitslos machen, vielmehr würde es ihr unter die Arme greifen. Ich lese derzeit über den Geburtenrückgang in der EU und speziell im Land der Dichter und Denker. Nach Franz-Xaver Kaufmann schrumpft unsere Gesellschaft nachhaltig, weil die Alten zwar länger leben, die Jungen jedoch seit Jahrezehnten weniger werden. Wenn man an Humankapital denkt, weiß man, dass zunächst, durch das zunehmende Altern, noch eine Weile zumindest, ein Wissensreservoir vorhanden ist, auf das wir zurückgreifen können. Viele Dinge, die für uns heute noch selbstverständlich sind, so scheint es, sind einer Auflösung begriffen. Wir verlernen die Bewegung, wir verlernen das Essen und das Zubereiten von Essen, wir verlernen außerdem viele andere Dinge. Die mediale Berichterstattung klärt uns in schöner Regelmäßigkeit über den Verlust von so vielen Fertigkeiten auf.
Schon ich habe die Schule verändert erlebt. Sie war kein Ort der Bildung, vielmehr ein Hort der Geselligkeit und/oder Einsamkeit. Die Institution Schule schafft es heutzutage nicht mehr, unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Lehre als ihren Zweck zu verkaufen. Man geht zwar zur Schule, viele Jahre, doch was bleibt am Ende davon übrig?! Diese Frage stellen sich viele. Vielleicht gar nicht Mal umsonst. – Allgemeinbildung? Bei einigen wenigen, ja, die für sich selbst den Zweck erkannt hatten. Praktisches Wissen? Wahrscheinlich bei noch viel weniger Leuten. Das ist kein Phänomen gewisser Schulformen, sondern durch die Bank vorhanden. Man hat Abitur gemacht, und eigentlich was dabei gelernt?! Am Ende einer Schulkarriere wird eine Rechnung aufgemacht und das Zertifikat, das man erhalten hat, hat zwar eine gesellschaftliche Legitimation, doch ist kein Gradmesser für Bildung. Denn Bildung ist nicht das, was Schule im Hier und Jetzt in ihren Fokus setzt. Es gibt Lehrpläne und doch wird man aus dem Bildungszirkus entlassen und würde man über all das abgefragt, was man einstens vermittelt bekommen haben “müsste”, so sähen alle Beteiligten in die Röhre. Eine ernüchternde Erfahrung.
Der Ort an dem Lehre vonstatten geht wandelt sich, so könnte man als erste These formulieren. Doch was hat das mit der Bruchstelle zu tun, von der ich in der Überschrift berichte? Wenn der demographische Wandel uns schneller einholen wird, als uns lieb ist, und gleichzeitig wir nicht merken, wie eigentlich Lernen in dieser Welt nur noch Häppchenweise und implizit stattfindet, nicht aber mehr institutionell vermittelt auftritt, dann werden viele Dinge in Vergessenheit geraten, und wir werden sie “neu” Lernen müssen. Dafür allerdings werden wir sie zuvor neu entdecken müssen. Diese Bruchstelle geht nicht nur die Literatur an, wie oben bereits angemerkt. Die Arbeitsteilung wird mit Sicherheit viel spezifischer, und nicht jeder kann alles wissen und können. Doch der Punkt, an dem die Wege zwischen den Sphären sehr weit werden, kann über bloße Kommunikation kein Phänomen, kann keine Fertigkeit wirklich überzeugend vermittelt werden. Natürlich ist das alles nur unter der Perspektive bedenkenswert, wenn man meint, dass die Fertigkeiten notwendig seien. Ich bin der Überzeugung, dass es durchaus solche gibt. Dinge, die einem in unserer hochgradig arbeitsteiligen Welt abgenommen werden, vermisst man so schnell nicht. Doch man wird dann wieder auf sie stoßen, wenn sie wichtig werden. Das geht im Übrigen nicht nur mit Fertigkeiten so, sondern auch mit Wissen. Wissen, das in Büchern steht, ist theoretischer Natur. Wenn im Bereich der Wissensvermittlung der Zeitpunkt auch in “Nischen” gekommen sein wird, da aber der Weg zurück zur Praxis nicht mehr gefunden wird, und zumindest im Rahmen einer Volkswirtschaft, einer Soziosphäre gleicher Sprache, niemand da ist, der einem zeigt, wie man von der Theorie zur Praxis kommt, legen wir uns selbst Steine in den Weg. Denn dann müssten wir erst wieder selbst erkennen, und könnten nicht so ohne Weiteres auf das Wissen anderer Vertrauen. Wir dürfen diese Nahtstellen nicht aus dem Auge verlieren, sonst könnten wir langfristig vor immense Schwierigkeiten gestellt werden.
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Tags Arbeitsteilung, Belletristik, Code, Kommunikation, Kultur, Literatur, Produktion, Soziologie, Vermittlung, Wissen, Wissenschaft
Kategorie Media, Science · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
