12. May 2007

Holtzbrinck verzerrt die Wahrheit

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Früher hätte ich geschrieben: StudiVZ verzerrt die Wahrheit. Doch mittlerweile sollte man davon ausgehen, dass Holtzbrinck nicht nur Millionen an Euronen verpulverte, um einen Fuß in die Internetz-Tür zu kriegen, nein, vielmehr muss man das SPD-nahe Unternehmen in die Verantwortung nehmen. Via Jörg-Olaf Schäfers und seinen del.icio.us-Lesezeichen bin ich auf folgende Bauernfänger-/AAL-Aktion von StudiVZ aufmerksam geworden: Headlines statt Wälzer.

Was hat es damit auf sich? Nun, zuerst: Jemand, der Flash oder Javascript nicht per se freigegeben hat, wird in seinem Browser erst ein Mal nichts angezeigt bekommen. Dann jedoch tut sich Volksverdummung hoch drei auf. Screenshot von der Werbeaktion

Und was hat es nun damit auf sich? Nun, es ist eine Form von Gewinnspiel, die im AAL endet. StudiVZs Werbeagentur verlost für diejenigen, die die coolsten Sprüche bereitstellen, die hinterher auf Shirts, Tassen, und was nicht sonst noch verscherbelt werden – man verlost also IPods, Reisen, usf. Wie schon Jörg-Olaf Schäfers schrieb, so bindet man die Leute an sich. In der Box auf der rechten Seite steht jedoch der größte Stuss. Von “ihrer” Zielgruppe wird gesprochen, und was macht die aus?

2 Millionen Studenten sind eine mächtige Zielgruppe, die über StudiVZ direkt angesprochen werden kann. Sie ist homogen, konsumorientiert, markenaffin, und medientechnisch auf dem neusten Stand. Gleichzeitig sind Studenten die Meinungsführer von Morgen. (Headlines statt Wälzer)

In der Tat kann man von einer umfangreichen Zielgruppe sprechen. Sie wird indes nicht “direkt” angesprochen. Sei’s drum. Das studentische Feld ist also homogen?! Das allerdings, Konstantin Urban und Konsorten, ist der größte Schwachsinn, den selbst eine wenig repräsentative Umfrage in ihrem Wahrheitsgehalt zu kippen droht. Ich finde es ehrlich gesagt unverantwortlich, den Leuten so einen Bären aufzubinden. Studierende sind nicht homogen. Man frage z. B. diejenigen, die sich hochschulpolitisch engagieren und in RCDS, FZS und anderen Organisation bald schon parteipolitisch aufspalten.

Ich habe zwei wissenschaftliche Seminararbeiten über das Bildungssystem verfasst, während meiner Zeit als Magisterstudent im Nebenfach Soziologie (die sich dem Ende zuneigt – die schriftliche Abschlussprüfung ist bereits geschrieben). Insgesamt kamen über 60 Seiten zusammen und die Intensivseminararbeit hatte gerade das “heterogene” studentische Feld im Blick. Es ist unter Studierenden nicht grundlegend anders als in der soziokulturellen Sphäre, die man gemeinhin als Gesellschaft bezeichnet. Es gibt welche, die von oben kommen, andere, die von unten kommen. Welche von links und andere von rechts. Die Milieuforschung gibt hier mehr als nur einen Überblick. Wer sich speziell mit Studierendenmilieus auseinandersetzen möchte, könnte z. B. an dieser Stelle beginnend nachsehen:

  • Lange-Vester, Andrea und Christel Teiwes-Kügler, 2004: Soziale Ungleichheiten und Konfliktlinien im studentischen Feld. Empirische Ergebnisse zu Studierendenmilieus in den Sozialwissenschaften. S. 159-187 in: Steffani Engler und Beate Krais (Hrsg.): Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen. Sozialstrukturelle Verschiebungen und Wandlungsprozesse des Habitus. Weinheim u. München: Juventa

Studierende sind überdies konsumorientiert?! Das mag auf gewisse Gruppen von Studierenden zutreffen. Beispielsweise die 5 bis 8 Prozent am unteren Ende, die sich aus der Arbeiterschicht rekrutieren, wenig am studentischen Partyleben teilhaben können, nebenher Arbeiten gehen müssen, und sowieso wenig Ressourcen an Geld und Zeit zur Verfügung haben. Diese kann man sicherlich nicht zu den konsumorientierten Studierenden zählen. Doch auch andere Teile der Studierendenmilieus sind durchaus alles andere als konsumorientiert, sondern eher konservativ eingestellt, was das Geldausgeben anbetrifft. Studierende sind markenaffin? Man sage das dem männlichen Überhang von Studierenden in technischen Studiengängen. Modeartikel sind eher Nischenprodukte und bei Technik kommt es vielen wohl eher auf die verbürgte Qualität an. Es scheint, als würde man das Prekariat, was von findigen Heuschrecken in die Schuldenfalle gelockt wird, mit den Studierenden landauf landab gleichsetzen. Grober Schnitzer. Da hat jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht. Man ist medientechnisch auf dem neusten Stand? I doubt. Wenn man Geeks und Nerds ein Mal außen vor lässt, und die “technisch” Interessierten außen vor lässt, gibt es eine Vielzahl von Studierenden, die sich nicht nur nicht mit der neusten Technik abgeben, sondern mit derjenigen, mit der sie sich abgeben bisweilen sogar auf Kriegsfuß stehen. Da gibt es welche, die keine Inhaltsverzeichnisse oder Indexe anlegen können, von X(HT)ML noch nie was gehört haben, und die mit der Funktionsvielfalt ihrer mobilen Begleiter hoffnungslos überfordert sind. Medienkompetenz im rein technischen Sinn ist in Deutschland nicht derart ausgeprägt, wie man sich das vielleicht wünscht. Viele begehen indes den Fehler, dass sie ihre eigene Perspektive zugrunde legen und dann davon ausgehen, dass Hinz und Kunz das auch könnten. Dem ist nicht so, und das ließe sich recht schnell nachweisen. Die “Akzeptanz” von gewissen “neumodischen” technischen Diensten, hat nicht immer nur etwas mit dem Preis zu tun, sondern auch mit der Fähigkeit der gesellschaftlichen Akteure, diese zu nutzen. Die technische Entwicklung geht sehr schnell, und nicht nur nach Lev Manovich gibt es weitaus weniger Player als User. Doch die bloßen Nutzer geraten immer wieder und vor allem immer schneller an einen Punkt, an dem sie nicht mehr mithalten können. Das soziokulturelle Umfeld allerdings lässt sie damit alleine. So etwas wie eine medienaffine Ausbildung und Sozialisation ist eher die Ausnahme. Überspitzt formuliert: Selbst das Playstation daddelnde Prekariat ist irgendwann mit seinem Latein am Ende, wenn die modernen Anwendungen zu komplex werden.

Warum also wird den Leuten hier von Holtzbrinck ein X für ein U vorgemacht?! Unverantwortlich. Vor allem für die Glaubwürdigkeit der Sozialdemokratie ein Schlag ins Gesicht. Der für Hamburg kandidierende SPD-Spitzenkandidat, Dr. Michael Naumann, sollte über die Vereinbarkeit seiner Kandidatur für die Sozialdemokratie und die gleichzeitige Partizipation an einem mittlerweile derart neoliberal ausgerichteten Konzern wie Holtzbrinck nachdenken. Allen Angestellten sei ans Herz gelegt, doch ein Mal in sich zu gehen, und darüber nachzusinnen, wie ihre eigene Aufgabe aber auch ihr eigenes Verständnis als gesellschaftliche Akteur gegenüber anderen mit dem Geschäftsgebahren von Holtzbrinck noch zusammen zu bringen ist.

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Kategorie Media, Politics · Autor · 7 Kommentare


7 Kommentare

  1. Kommentar von Stimme
    May 12, 2007 · 6:48 pm

    Klarer Fall von “An der Zielgruppe vorbeigeschissen^^geschossen”.

    Das ist halt der BWL-er und Marketing-blick. Da werden die anderen Gruppen ignoriert. Und grad bei Studis kann das kräftig ins Auge gehen.

  2. Kommentar von Leidartikler
    May 14, 2007 · 5:14 pm

    Darf man mal fragen, warum du eigentlich so einen Hass auf StudiVZ hast? Was ist daran eigentlich so viel schlimmer als an Xing, Friendster, MySpace oder anderen?

    Der Marketing-Spruch mag ein wenig zu euphemistisch sein, aber es ist eben nur ein Marketing-Spruch. Gehst du grundsätzlich nicht auf Seiten von Communities, die Werbung schalten? Deine Seite enthält auch Werbung.

    Ich will mich hier nicht auf die Seite von StudiVZ schlagen, weiß ja selber, dass die auch viel Mist gemacht haben. Aber alles was sie machen schlecht zu reden, was soll das?

  3. Kommentar von Alexander Trust
    May 14, 2007 · 7:16 pm

    Die Frage, finde ich, erübrigt sich. Man fragt einen Gamestarredakteur auch nicht, warum er jetzt zum 127ten Mal über Fifa Soccer schreibt, wenn er sich eben in dieser Angelegenheit sonst auch immer dafür verantwortlich zeichnete. Zudem ich oben formuliert hatte, dass es Holtzbrinck heißen muss. Denn die sind dafür verantwortlich, was dort passiert. Ihr seht das Ding viel zu “klein” – du zu sagen, wäre nämlich zu kurz gegriffen.

    Die Klitsche könnte auch Xing heißen, wenn sie sich mit für mich relevanten Themen auseinandersetzte, würde ich darüber schreiben. Ich haben auch über open People geschrieben und hatte sogar einen Artikel über ErotikSpam, in der ein vager Zusammenhang zwischen dem Gründer von openPeople sich aufgetan hat. Leider erhielt ich sehr unerfreuliche Mails, die mit Abmahnung drohten, so dass ich den Artikel über Erotik-Spam vom Netz nehmen musste.

    Ich schreibe immer dann, wenn ich schreiben möchte und wenn ich Dinge sehe, über die ich dann ein paar Worte verlieren kann. Stephen King zu fragen, warum er den 127ten Thriller schreibt, auf die Idee kommt auch keiner. Es hat aber in der Tendenz einen ähnlichen Hintergrund. Zumal ich selbst auch Romane schreibe und dort eben auch nicht xbeliebige Themen abdecke, sondern solche, die mich reizen und mich inspirieren.

    In diesem Fall war es doch sogar so, dass ich das Marketing-Gaga als totales Windei entschleiern konnte, weil mir die Thematik geläufig war. Ich finde gefährlich, was dort passiert, auf eine ganz subtile Art und Weise. Und es stimmte mich nicht fröhlicher, dass ein von den Genossen geführtes Unternehmen, sich eine neoliberale Web 2.0-Klitsche unter den Nagel reißt, nur um dann anderntags selbst möglichst neoliberal aufzutreten. Das hat durchaus etwas mit Ideologie zu tun. Das, was dort geschieht, und eben nicht nur auf dem Papier, sondern auch mit den Menschen – schau dir an, wie Geld ausgegeben wird, um 200 Leute dazu zu bewegen, die Straßen zu verschlimmbessern… mit Kreidespray und umweltschonenden (haha) Posties. Kein Mensch gibt das Geld aus, um diese kreative Energie ins Bildungssystem zu stecken, aber so ein absoluter Marketingdreck wird damit bezahlt. Ich hab “leider” (oder Gott sei Dank?) Seminararbeiten über das Bildungssystem und Bildungsungleichheit geschrieben. Das sind Themen, die mir am Herzen liegen.

    Die StudiVZler haben ganz oft den Mund ganz voll genommen und damit meine ich nicht die Nutzer, und gegen eine Web 2.0-Anwendung wie das StudiVZ habe ich nichts, weil ich in solchen Dingen immer die positiven Aspekte hervorhebe… in der Anwendung. Da liegt so viel Potenzial brach, und alles, was sie tun – gaga daraus machen. Gucken, wie man Geld rausholt. Anstatt das wirkliche Potenzial der Entscheider von morgen zu fördern und das System in irgendeiner Form zu Lern- und Lehrzwecken auszubauen und weiter zu entwickeln. Die wollen nur noch Geld, Geld, Geld… dabei hieß es von Studenten für Studenten. Tja, shit happens, aber ich verfolge das Thema aufmerksam, und weil ich in der Materie dann ja auch drinstecke, macht es für mich immer wieder auch Sinn, darüber zu schreiben. Ich hoffe, ich konnte ein wenig Aufklärung leisten. ;)

  4. Kommentar von marotte
    May 14, 2007 · 11:05 pm

    @Leidartikler! Im Gegensatz zu Dir hat Alexander wenigstens noch eine humane Ideologie. Und lässt erst dann nach, wenn der Druck dieser unsäglichen Web “2 komma 0″-Pioniere im neoliberalen Gewand, seine finanzielle Existenz durch aberwitzige Abmahnungsforderungen bedroht. Will mal sehen, wie du reagierst, wenn dir als Student so’n ding ins Haus flatert.

    Alexander, ich freue mich natürlich auch auf deinen 128. Beitrag über diese schlimme Studentenklitsche! :)

  5. Kommentar von Leidartikler
    May 14, 2007 · 11:58 pm

    @ Alexander: Ja, ich verstehe deine Motivation. Und die ist mir auf alle Fälle sympathischer, als jemand, der vor allem seine Augen verschließt. Aber dann sei auch so konsequent und prangere Marketing allgemein an. Mach das gleiche bitte auch bei Apple, Spiegel-Gruppe, WAZ, Burda … Es gibt noch weit größere Verbrecher als Holtzbrinck. Außerdem ist es kein Geheimnis, dass die Negativmeldungen über StudiVZ und Holtzbrinck von Spiegel Online künstlich aufgebauscht wurden. Ich sag nicht, dass es da nichts Berichtenswertes gab. Ich sag aber auch: Konkurrenzkampf. Andere Medien und Blogs haben natürlich sofort in den Kanon eingestimmt.

    @ Marotte: Die neuen AGB von StudiVZ sind in der Tat zweifelhaft. Aber “aberwitzige Abmahnungsforderungen”: Wo hast du das her? Wo ist das passiert? Wer ist betroffen?

  6. Kommentar von Alexander Trust
    May 15, 2007 · 12:22 am

    @Leidartikler: Meine Ressourcen sind endlich, und ich verdiene hier kein Geld, sondern bin froh, dass zumindest die Kosten für den Webspeicherplatz über Werbung wieder hereinkommen. Ich studiere fleißig und kann mich eben nicht Vierteilen. Wenn ich wüsste, dass ich das tagaus tagein machen könnte, und eben nicht immer nur mal zwischendrin, dann könnte ich auch in anderen Fällen recherchieren und aktiv werden. Es kostet allerdings nicht gerade wenig Zeit, sich in Sachen X Y auf dem Laufenden zu halten. Wenn du jemanden kennst, der Sajonara als Sprachrohr für Kritik an Firma sowieso benutzen möchte – ihm oder ihr kann geholfen werden. Ab und an, wenn es sich anbietet und die Dinge äußerst offensichtlich sind, wurden ja hier auch andere (Siemens, BenQ) angeprangert. Es ist in meinen Augen einfach nicht realisierbar. Ich bin kein professioneller Journalist, der 40 Stunden in der Woche Zeit dafür “hat”, sich a) über die Dinge auf dem Laufenden zu halten und b) dann auch noch fundiert zu allem Stellung zu nehmen. Das ist im Übrigen in allen anderen Lebenslagen genauso. Wenn man nicht regelmäßig irgendwelche Sportseiten abklappert oder dergleichen, kann man mit den Kollegen auch nicht über die Bundesliga diskutieren. Während andere über CSI und Gilmore Girls schnacken, muss ich passen, weil die Zeit, als ich noch TV-addict war, in der Hochphase von der dritten Wiederholung des A-Teams oder so lag. Wenn die Leute dann darüber reden, kann ich auch was dazu sagen.

    Sprich, entweder versuche ich irgendwo mitzureden und eine Meinung zu beeinflussen. Wenn ich aber mitreden will, muss ich mich auch informiert haben. Sonst begibt man sich allzuschnell aufs Glatteis. Eine Meinung zu haben ist in Ordnung, aber wenn man sie nicht begründen kann, wird sie dir von den/spitzfindigen Leuten um die Ohren gehauen.

    Um über Siemens und die Strohmänner zu schreiben, müsste ich die ganzen Namen der Beteiligten kennen, und die Entstehungsgeschichte verfolgt haben. Ich habe wohl mitbekommen, dass dort was im Argen liegt und kürzlich die ersten beiden Figuren vorn Kadi gezogen wurden… aber ich hab echt nicht die Zeit, mich in allen Dingen zu informieren. Zumal es mir ums Prinzip geht, wenn man nämlich in eine diachrone Perspektive umschwenkt und nachhaltig denkt, merkt man sehr schnell, dass selbst der 128te Tote im Irak den Braten nicht fett macht, so absurd das klingt. Aber das ist die Realität. Wenn man sich um die Prinzipien Gedanken macht, merkt man recht schnell, dass ein Dariani genauso gut oder schlecht ist, wie ein Herr X Y. Ich versuche vielmehr an den Dingen etwas abzulesen, was man irgendwann einsetzen kann, um derlei (neoliberale) Strömungen in eine andere Richtung zu lenken. Der Blick muss vor allem immer nach unten gehen. Wenn man etwas weitertragen will, ist es eher kontraproduktiv, sich mit Altersgenossen darum zu streiten, als mit jüngeren in den Dialog zu kommen, weil die einen noch überleben werden. Schulenbildung hat im akademischen Feld dazu geführt, dass sich Lehrmeinungen etablierten. Und man muss Geduld haben.

  7. Kommentar von Leidartikler
    May 15, 2007 · 8:12 am

    Alex, ich finde es sehr nobel, was du machst. Das meine ich wirklich so. Lieber einen kleinen Fisch fangen, als den dicken Hecht nur kurz an den Haken zu bekommen. Allerdings stellt sich mir die Frage, ob du nicht dabei bist, vor deiner Haustür ein kleines Feuerchen auszutreten, während im Hinterhof ein riesiger Brand schwelt.

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