Automatismus zur Autonomie
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Vor kurzem hat Norbert Lammert medial verbreitet, Politiker sollten sich eine Talkshow-Pause gönnen. L. war der Auffassung, dass die gehäuften Auftritte in Gesprächsrunden nicht den erhofften Reputationsgewinn oder einen Anstieg der Glaubwürdigkeit von Politikern in der Öffentlichkeit gezeitigt hätten. Viel eher noch sei das Gegenteil der Fall. Der Verlust der Glaubwürdigkeit von gewählten Volksvertretern schwelt schon eine ganze Weile im Mediendiskurs. Das ist ein Zeichen dafür, dass das Thema im Bewusstsein vieler Menschen angekommen ist. Medien fungieren als Resonanzböden von Stimmungen. Ob der Ton anklingt und Wellen schlägt, entscheidet schlussendlich immer der Rezipient (so zumindest meine Auffassung). Wenn es auch sei, dass er angebotenen Verlockungen nicht widerstehen kann, so trägt er doch maßgeblich dazu bei, dass ein Thema breitgetreten werden kann.
Vertrauensverlust eine Notwendigkeit
Ganz anders bei denjenigen Vertretern, die indirekt eingesetzt wurden – der Bundespräsident beispielsweise genießt durchaus mehr Vertrauen im Volk. Oft werden Fragen diskutiert, sogar von Politikern, wie man mit diesem Phänomen umgehen soll. Die am kürzesten gedachte Antwort, die zudem am häufigsten genannt wird: Man müsse sich wieder mehr auf das Handeln konzentrieren und weniger reden – Taten sprechen lassen. Politiker sind durch die Anforderungen, die an sie gestellt sind, meist nicht in der Lage, aus der Alltäglichkeit ihres Schaffens zu entkommen. Man kann ihnen deswegen nur bedingt etwas vorwerfen.
Nun soll es jedoch Menschen geben, die etwas länger über den Dingen grübeln. Meist solche, die einen anderen Blick auf die Welt haben. Manche, blicken zurück und wollen aus der Geschichte lernen. Viele leben im Hier und Jetzt, und eben wieder einige richten ihren Blick auf die Zukunft. Es gibt natürlich Perspektiven, die mehrdimensional sind, und mehr als nur eine Richtung umfassen. Das unterschiedliche Vorgehen ist nicht prinzipiell besser, sondern eigentlich nur immer anders. Gut wäre es natürlich, wenn man die unterschiedlichen Ansätze zudem miteinander vergleichen würde und zu umfassenderen Aussagen auf der Grundlage der Analysen käme. – Gibt es ein wirksames Mittel gegen den Vertrauensverlust im Feld der Politik? – Ich sage “Nein” und möchte zu begründen versuchen, warum ebenjener Vertrauensverlust unter den gegebenen Voraussetzungen für mich notwendig erscheint und warum es überhaupt dazu kommt.
Prämissen: Systemtheorie und Bourdieu
Da ich nicht davon ausgehe, dass alle wissen, was es mit der Systemtheorie (z. B. nach Niklas Luhmann) oder dem Feld-Begriff von Pierre Bourdieu auf sich hat, möchte ich kurz erläutern, worum es sich dabei handelt, und das auf eine möglichst einleuchtende Weise. Es mag sein, dass Akademiker sich in Details daran stoßen mögen, oder glauben, man würde die Magie ihres Rüstzeugs entzaubern. Doch ich bin der Auffassung, dass man sich nicht im Elfenbeinturm verschließen sollte und aus seinen Möglichkeiten ein gewinnbringendes Geheimnis werden lassen muss. Wenn viele (oder alle) davon profitieren, dann profitiere auch ich.
Systemtheorie – was ist das?
Es heißt, Niklas Luhmann verfolgte einen kommunikationsorientierten Ansatz der Systemtheorie. Man spricht von Kommunikationen, die zwischen Systemen stattfinden. Gemeinhin wird von Dozenten die Systemtheorie immer als etwas unheimlich Kompliziertes angekündigt. Ob man den Leuten damit Angst machen möchte, oder man wirklich der Meinung ist, es sei dahin gestellt. Natürlich ist die Systemtheorie hinreichend komplex. Doch es verhält sich im Prinzip wie mit allen Dingen, je genauer man hinschaut, desto mehr Details wird man entdecken.
Die Systemtheorie hat den Anspruch, universal sein zu wollen, und also kann man festhalten, dass die Maßstäbe beliebig sind. Die Objekte werden willkürlich definiert, müssen jedoch gleichartig sein. Wenn wir uns die Ebene gesellschaftlicher Systeme anschauen, finden wir z. B. das System der Politik, der Wirtschaft, der Medien, usf. Alle Systeme werden für sich betrachtet und kommunizieren allerdings miteinander. Ihnen ist zudem eigen, dass sie nach Autonomie streben. Systeme streben nach Unabhängigkeit, sind dabei jedoch immer auf andere Systeme angewiesen. Welche Brille man aufsetzt und welche Systeme man in der Analyse betrachtet, das hängt davon ab, was man systemtheoretisch beschreiben möchte.
Obgleich es auf den ersten Blick nichts damit zu tun hat, möchte ich folgendes Beispiel (TED-Talk von Blaise Aguera y Arcas) beibringen. – Selbst wenn man als Leser der englischen Sprache nicht mächtig ist, sollte man sich zumindest das Videomaterial ansehen. Zum einen erkennt man sehr schön die Möglichkeit mit einer der beiden vorgestellten Anwendungen (Seadragon) beliebig tief zu zoomen. So ähnlich darf man sich das bei der Systemtheorie denken, wenn man den Maßstab beliebig justieren kann und Systeme auf einer Makroebene genauso annehmen kann wie auf einer Mikroebene. Zudem zeigt eine zweite Anwendung (Photosynth) wie mithilfe von Metadaten einzelne Bilder (Teile, Elemente, Systeme) zu einem großen Objekt miteinander verbunden werden und eine schlüssige Funktionalisierung erlauben. Kommunikationen zwischen Systemen mag man sich ähnlich denken.
Pierre Bourdieus Feld-Begriff und das politische Feld
Kommen wir nun zum Begriff des Feldes bei Bourdieu. Er steht eng in Verbindung mit dem Begriff des Raumes. Man mag sich einen sozialen Raum vorstellen, der anhand dreier Achsen aufgespannt wird. Dieser wird ausgefüllt von Feldern, die sich in der Tat überschneiden und überlagern können. Der Feld-Begriff ist auf der Mikroebene anzusiedeln, da er gesellschaftliche Akteure respektive deren Rollen/Positionen in den Blick nimmt. Wie immer in der Wissenschaft handelt es sich um Modellvorstellungen, mit denen man die Wirklichkeit versucht zu beschreiben. Bourdieus Modelle sind indes immer anhand empirischen Datenmaterials entstanden. Als Ethnologe und Soziologe hat er unheimlich viele Beobachtungen angestellt.
Man könnte – sehr kühn gedacht – mithilfe von Bourdieus Modellvorstellungen sogar Akteure als einzelne gesellschaftliche Teilsysteme betrachten und Kommunikationen zwischen ihnen beobachten. Wäre man jetzt noch in der Lage, Größen anzugeben, könnte man mittels der Computertechnik sogar die Visualisierung solcher Kommunikationen inszenieren, anhand von empirischem Material. Doch das führt uns ab vom Thema. Bourdieu hat sehr viele Feld-Analysen durchgeführt. So hat er neben dem wissenschaftlichen Feld, ebenfalls das Feld der Religion, das des Fernsehens und eben das politische Feld analysiert. Der Feld-Begriff dient der Analyse der Sozialstruktur. Es gibt bei Bourdieu nicht nur ein oben und ein unten, wie in der klassischen Perspektive von Schichten oder Klassen, sondern auch eine weitere Dimension, die sich um das kulturelle Kapital ausbreitet. Um die Verhältnisse in Feldern anschaulich zu machen, hat Bourdieu sich beispielsweise Bezeichnungen eines religiösen Kontextes bedient. So spricht er immer auch von Orthodoxen (diejenigen, die an der Macht sind) und Heretikern (diejenigen, die nach der Macht streben).
Streben nach Autonomie entkoppelt
Es ist keinesfalls so, dass man das politische Feld nur in Regierungsanhänger und Oppositionelle aufspaltet. Vielmehr werden letztere allesamt unter die Orthodoxen gefasst. Heretiker im politischen Feld sind jene, die einen anderen Weg zur Macht anstreben. Organisationen wie Atac u. a. m. – deren Akteure können als Heretiker angesehen werden. Natürlich sind auch Wählerinnen und Wähler in gewisser Weise Elemente des politischen Feldes, ob sie zur Wahl gehen oder nicht, ob sie von alternativen Möglichkeiten wie Volksbegehren gebrauch machen oder nicht, sie nehmen Positionen im politischen Feld ein.
Nichtsdestotrotz akzeptieren alle der erwähnten, ob direkt oder indirekt, den Machtanspruch und das Ansinnen, das hinter dem Prinzip des politischen Feldes steht. Und so sind sowohl die Orthodoxen als auch die Heretiker einer Art Feld-Effekt unterworfen, der vom System der Politik ausstrahlt. So jedenfalls meine Interpretation, mit der ich die Dinge (Systemtheorie – Feld-Begriff), die ansonsten für sich stehen, zueinander bringe. Das Autonomiebestreben von Systemen erfasst alle Akteure darin; man muss dies nicht auf das politische Feld beschränken. Dauerhaft führt das dazu, dass die Akteure sich loslösen von den Verbindungen und sich von Abhängigkeiten befreien wollen. Wenn dies der Fall ist, erleben wir Dinge, wie beispielsweise Diätenerhöhungen oder andere Entscheidungen, die über den Kopf der Bürger hinweg gefällt werden und die mehr oder weniger ausschließlich den Orthodoxen im politischen Feld nutzen. Gesetze und Regelungen werden getroffen, um die eigene Position zu stärken. Die Orthodoxen versuchen sich so gegenüber den Heretikern zu behaupten. Eine Diätenerhöhung bedeutet einen Vorteil gegenüber anderen, die sie nicht haben, und ermöglicht freieres Handeln im politischen Feld. Berufspolitiker sind von den Einkünften abhängig und würden sich selbst nur ungerne um ihr täglich Brot bringen wollen. Ein Koch im Bundestag oder das Reinigungspersonal dort würden – außer vielleicht verbal – kaum jemals entscheidende Schritte einleiten, das System zu Fall zu bringen, weil sie davon profitieren. So merken wir als Akteure in den Feldern oft nicht, wie wir von den Zwängen der Systeme, die dahinter stehen in unserem Handeln beeinflusst werden. Dass Wolfgang Schäuble nun das Bundesverfassungsgericht anrufen mag, um eine Verfassungsänderung zu bewirken fällt ebenfalls in den Bereich des Festigung oder des Ausbaus der orthodoxen Position. Was nicht passt, wird passend gemacht. Im Nationalsozialismus und überhaupt in der Geschichte (nicht nur dieses Landes) alles schon erlebt.
Bewegung im demokratischen Prinzip ist normal
Und so gibt es in Deutschland viele, die von unserem demokratischen Prinzip profitieren und also wenig dagegen tun wollten. Selbst dann nicht, wenn die Situation sich anspannt, wie beispielsweise in diesen Tagen, da in Heiligendamm der G8-Gipfel abgehalten wird. Es schaut so aus, als würden die Protestanten Bewegung ins Spiel bringen, doch stimmt dies nur bedingt. Mit ihrem Protest machen sie lediglich Gebrauch von einem Mittel, das die Demokratie uns an die Hand gibt. Sie willigen grundlegend ein, das demokratische Prinzip nicht in Frage zu stellen. Und selbst die Gewalttäter dieser Tage wählen nur eine besonders extreme Form des Ausdrucks. Wenn Sie ihren Willen durchsetzen könnten, würde dieser keine Abkehr von der Demokratie bedeuten. Wir haben, wenn wir den Blick in die Vergangenheit richten schon genügend Proteste aber auch Gewaltausschreitungen erlebt (Stichwort: 68er-Bewegung).
Alle diese Bewegungen im politischen Feld erscheinen manchmal recht unverständlich, sind jedoch wenig spektakulär, wenn man sie so interpretiert wie ich dies gerade versuche. Das Auf und Ab, das Hin und Her, es gehört dazu. Auch Krawalle und Ausschreitungen sind nur eine besonders extreme Form von Bewegung(en) im politischen Feld. Machtverhältnisse werden eingerichtet, sie werden von anderen in Frage gestellt und es wird versucht, sie umzustoßen. Wer den Gedanken bis hierhin folgen konnte, wird zugeben können, dass ein Vertrauensverlust immer dann einsetzt, wenn die Orthodoxen zu sehr im Elfenbeinturm hausen und den Bezug zu den übrigen Akteuren verlieren. Das jedoch ist eine Folge des Automatismus zur Autonomie. Die Bestrebungen unabhängig zu sein, müssen zwangsläufig in einer Entkoppelung enden.
Fazit: Doch (k)eine Lösung
Ich möchte noch aus anderen Feldern ein paar Beispiele nennen, um darüber zu einem Fazit zu kommen: Ein Kirchenmusiker würde nicht die Abschaffung des Papstes fordern, wenn er gegen dessen Behandlung von Schwulen oder dessen Meinung zur Abtreibung ist, weil er davon profitiert. Wir alle, die Teilnehmer der Informationsgesellschaft, würden den Teufel tun und das Urheberrecht überdenken, weil wir uns damit selbst die derzeit größte Ressource zur Sicherung des Lebensunterhalts entzögen. Und doch gibt es Leute, die Alternativen überdenken.
Wir sind derzeit an einem Punkt, da besonders viel Bewegung im politischen Feld herrscht. Das liegt offenkundig daran, dass die Orthodoxen sich besonders stark entkoppelt haben. Ein Event wie Deutschlands Sommermärchen konnte nur zeitlich begrenzt die zunehmende Distanz zwischen Volk und Repräsentanten übertünchen. Eine initiierte Leitkulturdebatte kann in meinen Augen als strategisches Handeln der Verantwortlichen interpretiert werden, ist jedoch nicht praktikabel, um die Lücke zu schließen, geschweige denn wirklich sinnvoll.
Schon zu Beginn habe ich formuliert, dass unter den gegebenen Voraussetzungen Vertrauensverlust immer wieder einhergeht mit den ganz normalen Bewegungen und Bestrebungen im politischen Feld. Doch gibt es auch hier die Möglichkeit, über Alternativen nachzudenken. Das macht Mut?! Muss es das überhaupt?! Wir könnten uns dauerhaft mit den Nachteilen der Demokratie anfreunden. Es würde ein ständiges Auf und Ab geben, das mal schneller, mal langsamer sich vollzieht. Und immer wieder würde es zu manchen Zeitpunkten zu notwendigen Umbrüchen kommen, die nicht immer völlig frei von Gewalt ablaufen. Das lehrt uns der Blick in die Geschichte und das erfahren wir im Hier und Jetzt. Die einzige Frage, die demnach von Bedeutung ist. Wollen wir so weitermachen wie bisher?!
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Tags Autonomie, Bourdieu, Demokratie, Feld, Luhmann, Politik, Soziologie, Systemtheorie, Vertrauen
Kategorie Media, Politics · Autor Alexander Trust · 9 Kommentare


June 12, 2007 · 11:29 am
[...] Automatismus zur Autonomie | Sajonara [...]
June 12, 2007 · 8:22 pm
Wolllen wie unser Land, unseren Staat, unser Grundgesetz, unsere Demokratie der Politik überlassen?
Nein, und nochmals nein!
June 12, 2007 · 10:38 pm
Nun, wir werden an Delegierten in irgendeiner Form nicht vorbeikommen. Selbst kleinere Gruppen haben so etwas wie einen Sprecherin oder ein Alphatier.
June 13, 2007 · 11:49 pm
[...] widmete sich u.a. Luhmann, der den Zusammenhang von Systemen gut [...]
June 23, 2007 · 11:33 am
[...] Automatismus zur Autonomie | Sajonara [...]
June 25, 2007 · 2:31 pm
[...] Automatismus zur Autonomie | Sajonara [...]
June 25, 2007 · 7:45 pm
Lust auf mehr – Politischer Blog-Karneval…
Ich hätte nie gedacht, dass sich 56 Blogs am ersten politischen Blog-Karneval – organisiert vom onezblog – beteiligen. Die Beiträge, jedenfalls alle die ich bisher gelesen habe, sind voller verschiedener Gesichtspunkte und Meinungen zum Thema…
July 3, 2007 · 4:00 pm
[...] Handeln. Ich selbst hatte in meinem eigenen Artikel zum politischen Blog-Karneval “Automatismus zur Autonomie” zu verstehen geben wollen, dass Vertrauensverlust eine notwendige Konstante in unserem [...]
July 30, 2007 · 4:07 pm
[...] nicht das politische System, wie alle anderen Systeme (vgl. meinen Artikel zum Blog-Karneval: Automatismus zur Autonomie), zur Autonomie? Und bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Akteure im politischen Feld einem [...]