Geheimste Geheimnisse
{3}Geheimniskrämerei? Mitnichten. Irgendwie kommt es einem allerdings trotzdem seltsam vor. Was macht es für einen Sinn, überall und nirgends davon zu schreiben, wie geheim Dinge sind/waren – in dem Augenblick, da sie der Öffentlichkeit präsentiert werden, stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob solche Dinge jemals geheim gewesen sein können. Offenbar drohte in Heiligendamm Nicolas Sarkozy mit Abreise, um George W. Bush unter Druck zu setzen. So berichtete Spiegel Online unter Berufung auf ein geheimes Protokoll. Wie gut, dass selbst Spiegel Online wieder nur auf die Hannoversche Allgemeine verweist.
Ein Stöckchenspiel ohne Ende? Und doch auch eine Farce. Und zwar eine unheimlich große. Man könnte meinen, es ginge nur um mediale Prostitution. Sarkozy wolle sich als Held stilisieren lassen. Denn der letzte Passus des Spiegel-Artikels gibt Aufschluss darüber, dass es am Ende hieß: Man werde eine Halbierung des Ausstoßes von Treibhausgasen bis 2050 “ernsthaft in Betracht ziehen” anstelle sie lediglich “in Betracht ziehen” zu wollen. In Europa hält Sarkozy nun sein Konterfei ins Blitzlichtgewitter und George W. spielt die Rolle wunderbar mit, damit dem Neoliberalismus mit Gastgeschenken der Weg geebnet wird. Der Wolf im Schafspelz.
Wann immer das Wort geheim fällt, sollten beim Leser und der Leserin, sollten wir RezipientInnen auf der ganzen Welt die Alarmsirenen läuten. Es gibt also Geheimnisse und es gibt “Geheimnisse”. Was macht es für einen Sinn, alle Nase lang von Geheimnissen zu lesen, die dann keine mehr sind. Was macht es für einen Sinn, etwas geheim zu nennen? Erzeugt das Aufmerksamkeit? Ist das ein Indikator? Vielleicht hätte man das irgendwann ein Mal gesagt. Doch in unseren Tagen ist das Wortfeld rund um Geheimnisse zu einer Matrix aus Fettnäpfchen und Worthülsen, Lippenbekenntnissen und Gemeinplätzen verkommen.
Nichts von dem, was uns als “geheim” verkauft wird, kann diese Bezeichnung in irgendeiner Form rechtfertigen. Im Augenblick der Vermittlung wird der Stöpsel gezogen oder gerade dann wird erst der Stecker eingesteckt, und wo vorher Dunkel war, wird es Licht. Splitternackt müssen sich die vielen Fakten vorkommen, die – angeblich geheim – vor Milliarden von Menschen tagtäglich als “Geheimnisse” verkauft werden. Ich bin erst etwas mehr als ein Vierteljahrhundert alt und doch bin ich schon zu alt, als dass man mir mit derlei Geheimnissen einen Bären aufbinden könnte.
Nachrichten langweilen, weil uns etwas weisgemacht werden soll, was gar nicht ist. Ein Trugschluss wird vermittelt und auf die Einfältigkeit gehofft. Doch wir sind nicht einfältig, wir sind verdrießlich. Wir nehmen die Medien als das war, was sie in Wahrheit aus sich gemacht haben, einen Zirkus. Vor kurzem erst hatte ich mit einem Freund eine Diskussion um eben das politische Tagesgeschehen und welchen Rang die Berichterstattung von ebenjenem bei mir einnimmt. Ich gab ihm zu verstehen, dass es mir darauf nicht ankommt. Jetzt, so fällt mir auf, habe ich neben den von mir erwähnten noch ein Argument gefunden, mit dem, was ich bis hierhin aufschrieb. Wichtig und/oder geheimnisvoll sind nicht die Dinge, von denen berichtet werden, sondern jene, über die geschwiegen wird.
Hinzufügen zu Technorati, del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags Berichterstattung, Bush, G8, Heiligendamm, Medien, Politik, Sarkozy, Zirkus
Kategorie Glocal, Media, Politics · Autor Alexander Trust · 3 Kommentare

June 11, 2007 · 11:42 am
Ich will gar nicht wissen, was alles verschwiegen wird, weil wir es sowieso nicht oder zumindest falsch verstehen würden … Als ich das erste mal eine Pressemitteilung schreiben, oder besser als ich sie verbessern durfte, fand ich es auch interessant wie man zwischen den Wörtern auswählen muss die zwar dasselbe meinen aber als etwas anderes aufgenommen werden – nur damit man nicht zu viel Aufmerksamkeit erregt. Verschwiegen wurde da allerdings nichts – die Meldungen waren aber auch nicht so bedeutend/weitreichend wie zb die Ankündigung von Steuererhöhungen.
June 11, 2007 · 11:51 am
Nun, man liest zwischen den Zeilen. Es ist ein wenig so wie bei der Dekonstruktion, es kommt nicht unbedingt auf das an, was im Text steht, sondern auf das, was vielleicht nicht dort steht, respektive nur am Rand erwähnt wird. Ich meine, man liest so etwas und fragt sich – wer glaubt wirklich daran?! Das ist ein Schmierentheater, sonst nichts. Als ob Bush sich durch so einen Hampelstrampler wie Sarkozy bedrängt fühlen könnte. Wenn er nicht mitspielen wollte, hätte er es nicht getan. Die Darstellung wirkt wie Propaganda, ohne dass die Journalisten, die für so etwas verantwortlich sind, jemals die Distanz zu ihrer Nachricht gefunden haben. Solche Dinge werden gestreut, damit man darauf anspringt und sie weiterträgt. Das hat nichts mit Geheimnissen zu tun.
June 11, 2007 · 10:41 pm
Natürlich wird in der PR jedes Wort sorgsam abgewägt. Gelogen wird nicht. Das ist ja das Interessante: Die Grauzone wird bis ins Unendliche gedehnt. Schwarz und weiß gibt es schon lange nicht mehr. Es ist ein hässliches Grau entstanden.