Wissenschaft(en) auf dem Holzweg?!
{3}Ein Zitat aus dem Abriss der Sprachwissenschaft von Heymann Steinthal aus dem 19ten Jahrhundert paraphrasiert die noch heute gängigste Vorstellung der wissenschaftlichen Arbeitsweise. Zuvor ist die Rede davon, dass man die Versuchsbedingungen verändern müsse/könne.
Bleibt bei solcher Änderung der Erfolg doch immer der nämliche, so hängt er nicht von der veränderten Bedingung ab; wird er aber dabei gestärkt oder geschwächt oder qualitativ umgestaltet, so ist erwiesen, dass diese Bedingung wirksam ist und auch inwiefern sie es ist (Steinthal 1881: S. 453).
So geht die Wissenschaft vor. Es wird eine Bedigungen überprüft und dann Schlussfolgerungen gezogen. Ihren Vertretern ist bewusst, dass es keine kausalen Zusammenhänge gibt, deshalb wird von Wahrscheinlichkeiten gesprochen. Immer aber werden vorwiegend einzelne Ursachen aufgesucht und so interpretiert, dass sie Wirkungen zeitigen. Die Computerwelt indes und die Disziplinen, die damit zusammenhängen, vor allem wohl die Mathematik bieten auf dem Papier einfache Formeln an, die unheimlich komplex gestaltet werden können. Selbst die angegeben Wahrscheinlichkeiten sind in vielen Fällen vielleicht eher Humbug. Wir vertrauen selbstredend darauf, weil in seiner Linearität und sich langsam entwickelnden Komplexität alles noch plausibel erscheint. Doch die Komplexität der Sachverhalte ist auf den ersten Blick schon weitaus komplizierter als überhaupt anzunehmen.
Rechner sind gut darin, möglichst viele Operationen auszuführen. Supercomputer tun dies heutzutage rund um die Uhr. Probleme werden berechnet und Lösungen vorgestellt. Im Bereich von Wissenschaften wie der Mathematik, der Physik und anderen ist dies alles durchaus denkbar. Wenn es aber um uns selbst geht, ist Hopfen und Malz verloren. Wenn wir weiterhin versuchen, nur monistisch und linear zu abstrahieren, werden wir uns selbst nie verstehen lernen. Mithilfe des Computers sind uns Ressourcen an die Hand gegeben, die die Gleichzeitigkeit von vielen Prozessen nachempfinden könnten. In uns und um uns herum verändern sich augenblicklich immer unheimlich viele verschiedene Variablen. Und nur, wenn wir unsere Modelle derart komplex werden lassen, können wir überhaupt ein Mal in die Nähe einer Selbsterkenntnis gelangen. Dazu muss interdisziplinär gearbeitet werden, und dazu müssen sich Leute an einen Tisch setzen und vor allem Brainstorming betrieben werden, das von ganz anderen Voraussetzungen ausgeht.
Es reicht nicht, irgendwelche zweidimensionalen Modellvorstellungen zu entwickeln und auch mehrdimensionale Modelle sind noch zu wenig. Wir müssen die Modelle zudem in der Zeit berechnen und wir müssen empirische Daten nicht nur aus der gesellschaftlichen Sphäre (den Sozialwissenschaften, der Psychologie), sondern ebenso im Bereich der Medizin, Biologie, Chemie, usf. zusammentragen um so etwas wie eine lebendige Matrix zu schaffen. Statische Modelle waren gestern, lebendige Welten möchten morgen sein. Das Ganze muss anmuten wie ein beziehungsreiches Mastermind-Spiel auf beliebig vielen Ebenen. Nur meine Meinung.
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Tags Anthropologie, Computer, Informatik, Mathematik, Physik, Soziologie, Wissenschaft
Kategorie Science · Autor Alexander Trust · 3 Kommentare

June 28, 2007 · 9:09 pm
Die Wissenschaften versuchen nicht uns zu verstehen, sie gehen einzelnen Fragestellungen an. Beantworten diese. Mit Wahrscheinlichkeiten, denn das Absolute propagiert nur eine Religion. Und geht dann über zur nächsten Frage, oder zum nächsten konkreten Problem.
Ich meine auch, die Wissenschaften sind immer noch in ihren Anfängen. Und bevor man da ein feucht-fröhliches Mash-Up versucht, wäre es nötig, wenn die Hauptfragen innerhalb jeder einzelnen ‘Disziplin’ beantwortet werden. Denn ohne diese Antworten könnte es schwierig werden, irgendwas mit irgendwas zu verknüpfen. Zuerst die Basis, dann die filigranen Zierarbeiten. Nur meine Meinung.
June 28, 2007 · 9:15 pm
Ich bin der Auffassung, dass gerade das Mash-Up die Lösung der zentralen Fragen bringen kann. Alle Antworten in einzelnen Disziplinen, außer eben den autonomen, die ihre Regeln selbst erschaffen haben, wie die Mathematik oder Physik – also alle anderen können keine “Lösungen” mit den bisherigen Strategien erzeugen. Alle Antworten, die in vielen Bereichen produziert werden, sind vor dem Hintergrund wenig bis gar nichts Wert. Nur meine Meinung. *G* Ich weiß, das wirkt sehr ketzerisch, aber, nun ja, so bin ich.
July 3, 2007 · 1:55 pm
[...] Derzeit wird man vielleicht noch nicht auf zu große Resonanz stoßen, wenn man davon ausgeht, dass die Wissenschaften sich auf dem Holzweg befinden. Doch schon in einigen Jahren wird man dazu übergehen, in Parallelstrukturen zu [...]