3. July 2007

Limited: Differenzierte Analyse

politischer Blogkarneval Es wird Zeit, obwohl ich noch immer nicht die Zeit fand, mich der Auswertung der Blogzählung auf einem detaillierteren Level zu widmen – ich hab’s nicht vergessen -, so doch wenigstens nach und nach die Beiträge des politischen Blog-Karnevals zu würdigen, respektive sich mit ihnen eingehend auseinander zu setzen.

Limited machte sich die Mühe, das Gros der Beiträge differenziert zu analysieren, nicht, ohne dabei selbst Stellung zu beziehen. Er kategorisiert unter anderem drei verschiedene Formen von Verdrossenheit, die in den Beiträgen zum Blog-Karneval teilweise ebenso zum Ausdruck gebracht wurden.

Konkret in Politikerverdrossenheit, Systemverdrossenheit und generelle Politikverdrossenheit. (Limited)

Doch weitaus wichtiger ist Limited, wie Medien mit der Politik umgehen. Ein bisschen aus dem eigenen akademischen Wissens-Nähkästchen geplaudert: Kommunizieren die Systeme der Medien und der Politik miteinander? Ja, das tun sie. Nach Bourdieu hat die, in den Anfängen lediglich als Informationskanal genutzte, Verbindung zwischen Politik(ern) und Medien sich sukzessive zu Ungunsten des Feldes der Politik entwickelt. An diesem Punkt verlor das System seine Autonomie.

Bei Limited geht es allerdings um die Formel “Only bad news are good news”. Erregung und Satisfaktion stehen bei der Berichterstattung im Vordergrund. Sei ein Politiker einmal in ein mediales Sautreiben involviert, könne er so schnell nicht wieder heraus. Meine persönliche Meinung in diesem Fall ist jedoch, dass derlei Sautreiben kaum langfristige Wirkung hat. Ob das erst heutzutage so ist, oder schon in der Steinzeit so gewesen sein könnte – das einzuschätzen, habe ich nicht genug historisch-anthropologisches Wissen parat. Ich erachte das Streben nach Unterhaltung und Ablenkung, das von den Massenmedien massiv be- und gefördert wird, nur als halb so schlimm, wie es in der Öffentlichkeit immer dargestellt wird. Für mich ist das Alles vielmehr eine Form von gesellschaftlichem Spiel, das dazu gehört.

Eine Konstante, die Zeit, der wir die Geschichte verdanken, sie sorgt früher oder später sowieso dafür, das Dinge in Vergessenheit geraten. Doch auch unsere Sozialisation (oder eben das grundlegende menschliche Verhältnis zu derlei Dingen) hat sich dahingehend entwickelt (ist immer schon so gewesen), dass ein Bobele in einer Abstellkammer ein Kind zeugen kann, und er allerhöchstens von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft dafür dauerhaft abgestraft werden wird. Was hat der Mann nicht außerdem schon alles erlebt, und steht trotzdem noch immer mitten im Leben. Der Medienzirkus, und das ist durchaus eine schöne Metapher, liebt den Glanz und neigt zur Übertreibung. Dauerhafte Konsequenzen ergeben sich indes aus den allerwenigsten Schreckensmeldungen.

Die Politiker in unserem Land sind keine Vorbilder, die wenigsten wollen es sein. Doch wir selbst sind nicht selten keine Vorbilder und wollen es wahrscheinlich gar nicht sein. Vorbild zu sein, bedeutet, sich moralischen und normativen Zwängen unterzuordnen, die in der Tat mehr als nur Fassade sind. Sie wirken bedingt nach innen, sie wirken nur in dem Maße nach außen, wie sie sich zur Inszenierung eignen. Wer ein Mal in einem Theaterstück war, wer ein Mal im Kino gesessen ist, und die Reinigung der tragischen Leidenschaften (durch die tragischen Leidenschaften) erfahren hat, wird wissen, das das Gefühl von absehbarer Dauer ist. Wir sind anatomisch-biologisch gar nicht in der Lage dazu, Emotionen wirklich konstant und dauerhaft zu empfinden. Stattdessen empfinden wir sie jedes Mal neu, jeden Tag, in jeder Situation, wenn es sich eben ergibt. Selbst die mächtigsten oder reichsten Akteure in der Welt, sind an vielen verschiedenen Punkten derselben hinreichend anonym. Was man nicht weiß, es macht einen nicht heißt, so ein Sinnspruch.

Die Medien können noch so oft dasselbe Liedchen trällern, es wird eher dafür sorgen, dass der Grad der Satisfaktion bei den Rezipienten abnimmt. Das allerdings entspricht nicht ganz der Meinung, die Limited vertritt, wenn er Enzensberger oder McLuhan ins Spiel bringt. Ersteren merkt er an, um die Erregungsmaxime zu kontextualisieren – liegt doch “der Schwerpunkt [...] häufig auf einer möglichst sensationsheischenden Berichterstattung” (Limited). McLuhan wird als Kontrastfolie interpretiert, spräche er doch vom “sedierenden” (also dämpfenden) Charakter der Medien. McLuhan ist davon ausgegangen – ist er doch schon tot -, dass wir mit den neuzeitlichen “Telemedien” viele Gehirnfunktionen externalisieren. Wir lassen uns Arbeit abnehmen, unsere eigene Wahrnehmung würde dadurch gewissermaßen gedämpft werden. So zumindest interpretiere ich den Ausspruch McLuhans, dass (gewisse) Medien uns betäuben. Dies lässt sich nicht nur in eine Richtung auslegen. Gleichwie finde ich es nicht schlimm, es in mehrere Richtungen zu interpretieren. Eine allerdings stützt meine weiter oben getätigte Aussage, dass wir abstumpfen.

Das ganze Gezeter in den Medien führt zu einem Verlust von direkter Wahrnehmung. Limited spricht von Vor-Verurteilung und Sautreiben. Dann allerdings muss man sich die Frage stellen, wozu führt das am Ende? Die Vorurteile über Politiker sind gefühlt und gewusst dieselben, wie bei jedem anderen Menschen. Ob Boris Becker, Franz Beckenbauer, ob George W. Bush oder Angela Merkel – die Berichterstattung wird vielleicht auch schmutzige Wäsche waschen, aber dauerhaft keine Veränderungen im Leben der entsprechenden Personen nach sich ziehen. Bill Clinton ist zwar reumütig nach der Lewinsky-Affäre gewesen, trotz allem hat sein Blowjob ihm den Orden der “Menschlichkeit” eingebracht und damit nachträglich – nachdem ein wenig Gras über die Sache gewachsen war – durchaus noch mehr Sympathie eingebracht. Man kann einen Gerhard Mayer-Vorfelder noch so schlecht schreiben, es wird nichts daran ändern, wie seine Freunde, Verwandte, usf. mit ihm umgehen. Es gibt wenige Kontexte, in denen noch ein moralischer Kontext aufgezäunt wird, der dazu führen könnte, für irgendwelches Fehlverhalten sanktioniert zu werden. Oskar Lafontaine ist ein schillerndes Beispiel, Ehssan Dariani ein anderes. Das Leben beider wurde durch die mediale Berichterstattung um sie selbst nicht grundlegend aus den Angeln gerissen, viel eher hat es dafür gesorgt, dass diese Personen stärkere Konturen nach außen ausgebildet haben, und man etwas mit ihnen verband.

Gänzlich ohne Einfluss ist die mediale Berichterstattung natürlich nicht, aber es geht ja eben um die Erregung. Diese ist nach absehbarer Zeit erloschen, und was bleibt ist kaum der Rede Wert.

Politiker, die Opfer eines derartigen Sautreibens sind, können sich noch so bemühen, aus diesen Schlagzeilen, die ein sensationsgeiles Publikum begierig aufsaugt, kommen sie nicht mehr heraus. (Limited)

So muss ich ganz kess fragen: “So what?” – Was für Langzeitfolgen hat schmutzige Wäsche in unserer Zeit überhaupt? Ist es nicht so, dass jeder schmutzige Wäsche besitzt, keiner ein lupenreiner Saubermann ist? Sind sich nicht alle durchaus im kollektiven Bewusstsein darin einig, und ist das nicht auch ein Grund dafür, warum man zwar echauffiert tut, jedoch selten mehr als das? Limited koppelt nun die Verdrossenheit als bestärkenden Faktor an die Vorverurteilungen. Indes ist das in meinen Augen keine schwerwiegende Veränderung. WENN sich aus der Berichterstattung Folgen ergeben, dann, so finde ich, geschieht dies in der Regel nicht, weil die Dinge, über die Bericht erstattet wurde dazu führten, sondern weil es eine Opposition gab innerhalb der eigenen Reihen, die diverse Stilblüten als Mittel zum Zweck verwendeten. Wir Menschen sind nicht moralisch, wir versuchen es zu sein, stellen immer wieder fest, wie doppelmoralisch wir sein können, aber mehr eben nicht. Was hat das Sautreiben um Oettinger genutzt? Nichts. Es gab kein Machtvakuum um ihn herum, aus dem jemand anders hätte heraustreten wollen. Es war nicht an der Zeit, die ganze Aufregung ist vergessen und der CDU-Ministerpräsident wird kaum jedes Mal peinlich berührt durch den Alltag laufen. Nachdem die Frage der Macht keinen neuen Ausgang fand in Oettingers Situation, blieb alles beim Alten.

Im Einklang mit Limited bin ich, wenn er argumentiert, dass es keine tatsächliche Politikverdrossenheit gibt. Solange es sinnvoll ist, Fragen der Macht zu klären, solange werden Menschen politisch sein. Selbst die beste Freundin kann, wenn sie von Eifersucht geleitet wird, politisch-strategisch Handeln. Ich selbst hatte in meinem eigenen Artikel zum politischen Blog-Karneval “Automatismus zur Autonomie” zu verstehen geben wollen, dass Vertrauensverlust eine notwendige Konstante in unserem vorhandenen System (im Sinne der Systemtheorie) ist. Das beißt sich nicht wirklich mit den vorhergehenden Aussagen. Denn der Vertrauensverlust ist systemimmanent (also dem System innewohnend) und wird meines Erachtens nicht wirklich wesentlich durch die Tatsache der medialen Berichterstattung befördert (vergleiche den Aspekt der “Politikerverdrossenheit” bei Limited, mit dem dieser Gedanke korreliert), weil diese uns eher betäubt. Die vielen Fälle von medial durch den Kakao gezogenen Stars und Sternchen, Politikern, Sportlern, etc. pp. zeigen – vor allem in deren Umfeld – wie wenig Tragweite selbst Vorwürfe unter der Gürtellinie ;) ausrichten, wenn, ja wenn nicht gerade ein anderer spalier steht, um sich mit wieder anderen zu verbünden, um die Frage der Macht zu seinen Gunsten zu entscheiden. Und selbst wenn diese Frage ein Mal anders entschieden wird, geht das Leben für den Betreffenden weiter.

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Kategorie Media, Politics · Autor · Keine Kommentare


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