Politiker sprechen eine andere Sprache
{10}
Als Linguistik-Student kann ich dieser Aussage durchaus zustimmen. So wie sie im Blog “Somlus Welt” dargestellt wird, muss ich jedoch entschieden ein Veto einlegen. Im Kontext des politischen Blog-Karnevals hat Somlu die Erlebnisse des G8-Gipfels interpretiert – sie hatten symbolischen Gehalt. Von vor und hinter dem Zaun war die Rede. Allerdings ist die Frage: Wo war denn vor, und wo hinter dem Zaun?! Beide Seiten hätten jeweils die eine oder die andere Position für sich beanspruchen können. Ohne weiteres, ohne mit der Wimper zu zucken wäre das möglich gewesen, weil die Sprache es so einfach macht.
Dann kommt es in der Analyse ganz dick:
Auch nur zu denken, man könnte mit denen reden, sie Anschreiben oder in irgendeiner anderen Art und Weise erreichen, würde schon an der Sprachbarriere scheitern. Sie würden lächeln und nichts verstehen. (Somlus Welt)
Wenn Somlu nicht Französisch, Kisuaheli oder andere Sprachen spricht, wird er wohl mit den Besuchern von außerhalb nicht kommunizieren können. Ansonsten halte ich es aber für ein Gerücht, dass Politiker nicht dieselbe Sprache sprechen. Es ist ein Gemeinplatz der dort aufgekocht wird. Politiker sind Menschen wie Du und Ich. Man schaue sich im Bekannten- und Verwandtenkreis um, wieviele von denen parteipolitisch aktiv sind. Es wird wahrscheinlich nicht gar so groß sein, das Netz, wie im Holtzbrinck-Bonker, dass jeder jeden über sechs Ecken kennt. Doch gibt es genug Akteure, die sich politisch engagieren. Sie sprechen wahrscheinlich ein wenig eloquenter, beredt’ und schlau – allerdings keine andere Sprache. Vor laufenden Kameras neigen sie dazu, auszuweichen. Doch diese Strategie kennen wir alle aus dem täglichen Leben. Kaum eine ist bereit, den Gegenüber immer und zu jeder Zeit mit der Wahrheit zu konfrontieren. Stattdessen versucht man eher, es allen Recht zu machen, dreht sich im Kreis und kommt im Leben selbst nicht vorwärts. Erst, wenn man den Zirkel ein Mal durchbricht, und dann vielleicht immer wieder, bewegt man sich in eine Richtung.
Welche Richtung das sei – es bleibt dahingestellt. Was man nicht weiß, es macht einen nicht heiß – hätte sich eine Gruppe von gesellschaftlichen Akteuren in einer Kneipe getroffen und von ihrem Leben erzählt, es hätte niemand davon Notiz genommen. Was, wenn das Leben einer oder aller Stammtisch-Akteure gegen das Grundgesetzt verstößt, wenn diese Figuren sich nicht demokratisch verhielten?! Niemand ist da, der sein Recht auf Demonstration einfordert. Es gibt keinen Zaun, kein Innen und kein Außen. Der Protest ist in meinen Augen nur ein Ventil für Unzufriedenheit. Umweltkritik hat, wenn ich mich Recht entsinne der Sozialwissenschaftler Beck formuliert, sei Gesellschaftskritik. Nur eine Nuance von vielen. Die Menschen sind unzufrieden mit der Welt, in der sie leben. Natürlich beinhaltet das auch, dass die Ziele, für die sie streiten, wenn man sie erfüllte, ihnen wohlmöglich ein wenig mehr Zufriedenheit bescheren würde – hoffentlich.
Warum man allerdings bei einem Treffen der Staatschefs derart viel Tam Tam machen muss. Im Prinzip hat man 365 Tage im Jahr die Möglichkeit vor der eigenen Haustür zu demonstrieren. Man könnte Angela Merkel in Berlin oder sonstwo aufs Dach steigen, und die Franzosen könnten das mit Sarkozy genauso tun, wie die Amerikaner mit Bush, usw. usf. – stattdessen lehnt man sich zurück und sammelt die Kräfte. Wenn man wie Somlu formuliert, dass Politiker nicht dieselbe Sprache sprechen, müsste man den Sinn von Demonstrationen in Frage stellen. Demonstration ist ebenfalls ein Ausdruck, ein Mittel der Kommunikation. Und da, wie Somlu es schildert, auf der anderen Seite des Zauns eine Welt voll Gebäck sich fand, müsste man an seiner Stelle den Wert der Demonstration in Abrede stellen. Wenn Politiker uns nicht verstehen, uns nicht verstehen wollen, dann hilft es auch wenig, wenn wir sie mit faulen Eiern bewerfen oder Steine schmeißen und mit Trillerpfeifen bewaffnet auf Durchzug schalten.
Ein Zaun ist immer da und ist doch nicht da. Unsichtbar sei der Zaun, der sich immer dann zeigt, wenn Entscheidungen der Politik(er) nicht nachvollziehbar seien und dem Gemeinwohl entgegenstünden oder keinen Sinn machen würden. Über Sinn und Unsinn lässt sich vortrefflich diskutieren. Ohne Geduld allerdings wird das Leben zur Stresspartie. Was allerdings ist der Idealzustand, in dem alle zufrieden seien anderes als eine bloße Utopie?! Wir können darüber reden oder schreiben, aber wir können nicht damit rechnen, ihn zu erzeugen. Wäre es daher nicht ratsamer, sich mit der Realität auseinander zu setzen? Was aber ist die Realität? Was ist Gemeinwohl? Dazu hatte ich bereits in Bezugnahme auf einen anderen Artikel zum Blog-Karneval (siehe Link oben) etwas ausformuliert. Sich an diesem Begriff zu reiben, es bringt einen der Realität wohl ein Stück näher. Begriffe sind das, was wir aus ihnen machen, und vor allem sind sie in unterschiedlichen sozialen Kontexten immer auch etwas Anderes. Zur selben Zeit hätten unterschiedliche Parteien (nicht politisch gemeint) durchaus Recht haben können, selbst wenn sich ihre Argumente eigentlich beißten.
Wir erleben es immer wieder. Arbeitnehmer und Arbeitgeber können je für sich begründen, warum sie eine Position einnehmen, die der des anderen entgegen steht, und dennoch wollen beide einen Kompromiss erzielen. Warum? Wieso? Vor diesem Hintergrund dann zu formulieren, dass Politiker nicht dieselbe Sprache sprechen würden, ist in meinen Augen ein voreiliger Schluss.
Der Zaun, dass (sic!) ist die Arroganz von Menschen, die glauben, nicht mehr zuhören zu müssen, weil sie meinen schon alles zu wissen. (Somlus Welt)
So ist sie denn die Welt: böse. Warum bildet man am Tisch mit der Familie und Freunden Fraktionen? Männlein gegenüber Weiblein, Gäste gegenüber Gastgebern, oder wie auch immer? Warum kommen zwei Individuen sich nahe und können sich in manchen Augenblicken doch so fern sein. Warum wird dann nicht demonstriert? Es gibt populärwissenschaftliche Abhandlungen darüber, dass Männer und Frauen nicht dieselbe Sprache sprechen. Es gibt zudem empirische Daten, die gewisse Assoziationen zulassen, bezüglich der Unterschiedlichkeit der Geschlechter im Denken. Allerdings ist das ein ungesichertes Minenfeld. Ein interessanter Topos. Schon alleine die Verortung unterschiedlicher Fähigkeiten im Gehirn und ihre Verteilung auf unterschiedliche Gehirnhälften ist nicht nur nicht eindeutig, sondern im Prinzip wenig ausgearbeitet und zudem nicht immer und zu jeder Zeit evident.
Somlu schreibt von sich selbst, er sei idealistisch, ich nehme dieses Etikett für mich manches Mal ebenso in Anspruch, der Alphons von der Blogbar ebenso. So kommt es denn, dass die Meinungen auseinander gehen und man doch irgendwie eine Gemeinsamkeit in seinen Aussagen zu erkennen geben möchte. Wie allerdings passt das mit der “anderen” Sprache der Politiker aus, mit dem ständigen Missverstehen?! Vielleicht geht es eben wirklich darum, die Gemeinsamkeiten in den Unterschieden zu entdecken, damit Diskussionen fruchtbar bleiben können. Ist Stillstand der Tod? Ich möchte das nicht ohne weiteres behaupten, finde aber, dass Bewegung sich zumindest nicht so schlecht anfühlt.
Hinzufügen zu del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags Blog, G8, Heiligendamm, Karneval, Politik, Somlu, Sprache
Kategorie Media · Autor Alexander Trust · 10 Kommentare

July 20, 2007 · 8:56 am
was für ein zufall, ich habe gerade das jüngste interview des oberbürgermeisters von whv entsprechend gewürdigt: menzel clustert sich auf
July 20, 2007 · 9:33 am
Ich fühle mich ja geschmeichelt, dass mein kleiner Beitrag beim politschen Blogkarneval eine solch ausführliche Erwiderung erfährt.
Du studierst Linguistik? Nun ja, ein weites Feld. Ich könnte schon einige linguistische Theorien und Theoretiker anbringen, die mein Bild erfassen könnten. Da wäre einmal Wittgenstein und das Problem der Privatsprache. Sicherlich ist es etwas anders gelagert aber übertragbar. Oder Sassure, so könnte ich sagen, dass die Signifikaten sich verändert haben, okay, das ist argumentativ etwas an den Haaren beigezogen aber ein möglicher Ansatzpunkt. Dann dürfen wir natürlich nicht Grice vergessen und seine Maximen, ich sehe hier einen heftigen Verstoß gegen das Kooperationprinzip. Besser passt natürlich die Diskussemantik.
Etwas abweichend davon kämen wir zur Kommunikationstheorie von Habermas. Auch hier ließe sich was finden.
Soweit meine schnell zusammengetragenen Ansätze einer möglichen linguistischen Fundierung meines Bildes.
Ich finde nicht, dass ich erst eine Fremdsprachlerin (sic!) sein muss, um auf massive Kommunikationsprobleme zu stoßen und im Falle von den PolitikerInnen hinter dem Zaun, sehe ich auch einen erheblichen Unwillen zuzuhören (Kooperationsprinzip). Es ging doch gerade darum, dass sich mir das Gefühl aufdrängt, dass trotz der selbsen Muttersprache keine Kommunikation zustande kommt. Die Bilder von Heiligendamm sprachen davon. Neben den fast unwirklich wirkenden Bildern in Heiligendamm hinter dem Zaun, gab es auch noch das Bild von Merkel, die irgendwo Hände geschüttelt hat und glücklich strahlte. Auch dieses Bild war, in Anbetracht der Bilder vom Widerstand, sehr unwirklich und hat meinen Eindruck der Fremdenartigkeit und der unterschiedlichen (Sprach)Welten vertieft.
Ach so, zu Deiner Frage da oben, ob man nicht 365 Tage im Jahr was vor der eigenen Haustür machen kann. Wer sagt denn, dass die, die das Tam Tam veranstaltet haben, dies nicht machen?
July 20, 2007 · 10:11 am
Die Privatsprache nach Wittgenstein ist eigentlich auf eine einzige Person, ein Subjekt gemünzt. Viel eher haben wir – als Gesellschaft – das Problem, dass der Common Sense erodiert, sprich unsere gemeinsame Basis immer schmaler wird, weil andersherum die Felder, in denen Sprache vor sich geht immer mehr werden. Das geht aber alle an. Davon abgesehen hast du ja das Argument nicht wörtlich gemeint, sondern im übertragenen Sinn.
Es sind die Signifikanten des “Cours”, und dieser ist nicht von Saussure selbst verfasst worden. Die “Notes Item”, die in den 90ern veröffentlicht wurden zeigen, dass Saussure eher ein anderes Instrumentarium favorisierte, als ihm durch den Cours in den Mund gelegt wurde. Doch ein Signifikant steht nicht für sich alleine. Nach Saussure kommt die Bedeutung von der Seite. Sprich sie ergibt sich erst im Netzwerk. Bedeutung ist eigentlich nichts Positives sondern das Negative, was es alles nicht ist, sowohl paradigmatisch als auch syntagmatisch. Wenn man dann Politiker herausgreift um ein Beispiel zu haben, dass Sprache nicht mehr funktioniert, könnte man das machen. Es will mir dann nicht ganz einleuchten, warum gerade die Politiker diejenigen sein sollen, die nicht verstehen. Verstehen ist nicht Sache eines Einzelnen. Zudem: War’s Humboldt? Ich weiß es nicht genau, der gemeint hatte, dass Verstehen immer auch Missverstehen sein muss. Anders funktioniert Kommunikation eben nicht.
Zu Grice kann ich etwas sagen, das ich im Text schon Mal geschrieben habe. Wenn der Beziehungspartner oder der Skatspieler z. B. mauern, dann verstoßen sie auch gegen eine Kommunikations oder Kooperationsregel. Das ist aber nichts ungewöhnliches. Im Prinzip gibt es das tagtäglich aberwitzig viele Male, denn wir sind gar nicht in der Lage ständig und immerfort nach den Griceschen Maximen zu handeln. Diese sind nur modellhaft formulierte Idealvorstellungen. Wenn mal was daneben geht, und das geschieht eigentlich sehr häufig, dann sollte man sich diese Fälle eher genauer ansehen. Mir geht es nicht darum zu behaupten, es gäbe “gar kein” Kommunikationsproblem. Allerdings finde ich es schwierig Politiker für etwas an den Pranger zu stellen, was nicht ausschließlich ihr Problem ist. Ich tu die Politiker nicht verteidigen, weil ich sie besonders mag, sondern weil ich das Gefühl hatte, dein Beitrag möchte etwas zum Argument machen, was eben ein allgemeines und kein spezielles Problem darstellt. Du kannst die Medaille auch wenden und sagen und damit die andere Seite stigmatisieren, der kleine Mann verstünde den großen nicht mehr.
Ich hatte ja geschrieben, dass ich durchaus die Möglichkeit sehe, sprachliche Barrieren aufzuzeigen im linguistischen Sinne. Das war indes nicht dein Argument, das du im Artikel aufgegriffen hast.
Ich halte es für unbegründet, zu sagen, es kommt keine Kommunikation auf. Dass man nicht jeden Tag einen Bundestagsabgeordneten spricht, ist in Ordnung, aber dass man mit Politikern tagtäglich auch im Alltag zu tun hat und sich mit ihnen unterhält, halte ich nicht für abwegig. Vielleicht liest hier jemand mit, der einen Politiker zum Freund oder Verwandten hat und kann deine geschilderten Vorurteile praxisnah widerlegen.
Ich finde auch nicht, dass man Fremdsprachler sein muss, allerdings sehe ich keine massiven Kommunikationsprobleme. Politiker werden von unterschiedlicher Klientel gewählt, dass dann im Endeffekt sie es nicht allen recht machen können ist kein Geheimnis. Das empfinde ich nicht als Störung der Kommunikation zwischen denen, die dann übergangen werden. Ob’s die Renter waren, diejenigen, denen die Subventionen gekürzt werden oder wie auch immer. Wenn jemand etwas wieder hergeben muss, ist das Geschrei groß, aber nicht zwingend gerechtfertigt. Auch die armen Leute in dem Land oder die kleinen, zu denen man sich selbst auch zählt, auf unserem Rücken werden Entscheidungen getroffen, aber sie betreffen eben die gesamte Gesellschaft. Wir sind eben nur “ein Teil”… nur können wir uns deshalb nicht so aufführen, als seien wir derjenige Teil, auf den es schlussendlich immer ankommt und ohne den es nicht geht. Das klingt alles sehr krude, aber ich habe meinen Idealismus um gewisse Illusionen erleichtert, damit ich nicht denselben Fehler begehe, den Leute wie Marx oder Brecht begingen, die zwar etwas verändern wollten, aber daran scheiterten, weil sie die Realität aus dem Blick verloren.
Deine letzte Frage war eine rein Rhetorische. Wir kennen die Antwort beide und alle anderen Leser hier ebenso. Deshalb lasse ich sie mal so im Raum stehen – unbeantwortet.
July 20, 2007 · 12:15 pm
Ich muss jetzt dazu auch mal etwas sagen.
))
1. Ich weiss nicht, ob Politiker eine eigene Sprache sprechen, Linguisten tun es auf jeden Fall. Beispiel gefällig? Gerne:
[...] ..unter der Annahme, dass die Spur einer Kategorie der Ebene Null echt regiert sein muss, zu folgender Schlussfolgerung gelangt.
Der VP wird von I alpha-makiert[...]keine zufälligen Koinzidierungen von I.9.I-V- Koindizierung[...]
(Zitiert aus: S. Pinker, Der Sprachinstinkt, Kindler Verlag München 1996. Das Zitat selbst ist von Chomsky 1986)
2. Wer “beißten” schreibend im Glashaus sitzt soll nicht mit sic!s um sich werfen….
3. Wer biologische Prozesse/genetische Determinationen mit gesellschaftlichen Prozessen vergleicht, könnte leicht an das “Gesetz der stetig steigenden Produktion im Sozialismus” (Stabükunde -DDR-9.Klasse) zu glauben lernen…
4. Sophistereien bezüglich der innen-aussen These, naja in allen Ehren, aber ich denke ja sowieso manchmal, dass wir in einem Wassertropfen leben und gerade durch ein Mikroskop beobachtet werden.
5. Wenn hier jemand vorgibt, Hirn-Versteher zu sein, der kriegt geschallert!!
5. Vorletzten Absatz kopieren und für die Dissertation aufheben! (aber da dann nicht diverse Fußnoten vergessen)
6. Relativierung: Meine Lebensabschnittsgefährtin ist Linguistin, die kann ein Lied über unsere diversen Kontroversen singen—-wenn sie könnte….
July 20, 2007 · 12:44 pm
Zu 1) “Mir” ging es nicht um Sprache im Sinne von Kommunikation, das ging es Somlu allerdings auch nicht. Nur hat er in seiner Replik hier dann diesen Aspekt thematisiert. Jede Disziplin, jeder Metzger, jeder Bauer, jeder Kellner, Tischler, whatever… alle haben sie ihr Spezialvokabular, das andere Leute nicht kennen. Es ist “nicht” nachweisbar, dass ein Wort wie Koinzidierung im Prinzip schwieriger zu verstehen ist, wenn man sich die Bedeutung einmal hergeleitet hat als Schnuckezeug, wenn man eben nicht Hessisch spricht und weiß, dass es Süßigkeit bedeuten soll. Selbstredend haben alle gesellschaftlichen Gruppen ihre eigene Sprache. Das erachte ich aber nicht als schlimm. Im Bereich von Computer- und Videospielen oder im Internet wird auch mit Vokabeln um sich geworfen, die der Rest der Welt nicht kennen muss. Angeblich sind aber die wissenschaftlichen Bezeichnungen komplizierter als die Akronyme aus der Welt von Egoshootern und OMRPGs oder MUDs. Das finde ich aberwitzig aber eben nicht ernst zu nehmen.
Sobald man weiß, was eine VP ist, und was es bedeutet, dass Worte markiert sind… Koinzidierung soll komplizierter sein als coincidence im Englischen? Einer verwandten Sprache, die eine Lautverschiebung verschlafen hat, weil ihre Sprecher auf einer Insel lebten?! Das ist in meinen Augen Humbug.
Zu 2) Was ist an dem Konjunktiv “beißten” verkehrt?!
Zu 3) Was ist mit Vergleichen generell verkehrt? In der Literatur ist man froh um jedes neue Wortfeld, das man sich erschließt um Sachverhalte in anderem Licht metaphorisch zu überbügeln. Einen anderen Kontext zu schaffen bedeutet für mich immer eine Bereicherung. Ich bin nicht normativ, danke.
Ansonsten muss ich wohl dazu nichts weiter schreiben. Jedenfalls sehe ich keine Anküpfungspunkte, weil die Dinge nur noch wenig mit dem Thema zu tun haben und schon Somlu weiter von meiner Kritik abgewichen ist, als mir lieb war.
July 20, 2007 · 1:32 pm
zu 1) als Beschwörungsformel, die nur Eingeweihte sprechen dürfen, hat es Pinker bezeichnet…ich finde es treffend
)
))
zu 2) es gibt ihn nicht
zu 3) sie sollten einen ähnlichen Bezugspunkt haben?
…und dass du nicht normativ bist, freut mich, ich gebe auch niemanden eine Richtung vor…
zu 4) es ist, von meiner Seite her, erlaubt, meine(n) Kommentar(e) zu löschen, da er/sie obiges Thema tatsächlich nicht trifft/treffen…
es wird keinen weiteren Kommentar von mir geben, versprochen
July 20, 2007 · 1:52 pm
Noch mal, ihr (siehe ersten Kommentar, ist schon etwas hartnäckig Deine Annahme mit einem Blogger zu tun zu haben, hab ich zu wenig Katzen- und Strickcontent?) ging es allerdings um Sprache als Kommunikation. (Allerdings ging es nicht um Syntax ).
Ich kann nur sagen, so ist das halt mit Texten, sie gehören nicht mehr der Autorin (um mal in die Literaturwissenschaft abzuweichen)
“Nach Saussure kommt die Bedeutung von der Seite. Sprich sie ergibt sich erst im Netzwerk. Bedeutung ist eigentlich nichts Positives sondern das Negative, was es alles nicht ist, sowohl paradigmatisch als auch syntagmatisch. Wenn man dann Politiker herausgreift um ein Beispiel zu haben, dass Sprache nicht mehr funktioniert, könnte man das machen. Es will mir dann nicht ganz einleuchten, warum gerade die Politiker diejenigen sein sollen, die nicht verstehen.”
Ja, sicherlich, diese Frage lässt sich stellen aber wenn ich Politiker als VolksvertreterInnen begreifen (s.a. die Frage der Legitimation), dann erwarte ich, dass sie sich um Kommunikation bemühen. Schließlich regieren sie in Vertretung des Volkes und nicht in Vertretung vo Lobbyisten und Wirtschaftsverbänden.
Das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern, dass PolitikerInnen, wenn sie mal einen bestimmten Machtposition erreicht haben, nicht mehr mit den Menschen reden sondern Phrasen absondern. Und das Bild der PolitikerInnen da hinter dem Zaun, die dann mal vorkommen um ein paar wenigen die Hände zu schütteln und ansonsten bewegen wir uns in einer, in ihrer Konsequenz profaschistischen, Terrorhysterie, wo bitte ist da die Kommunikation? Ich kann das nicht sehen und konkret vor Ort, hier lokal, erlebe ich es auch nicht. Vielmehr muss man immerzu aufpassen nicht instrumentalisiert zu werden.
Meine Frage da oben war nicht wirklich rhetorisch. Denn Du benutzt das Argument “365 Tage vor der eigenen Haustür”, um das Engagement vieler bei Heiligendamm abzuwerten und das wollte ich eigentlich nur zurückgeben. Eine Antwort hätte mich schon interessiert.
Wie schon gesagt, Tot der Autorin oder so….
July 20, 2007 · 2:14 pm
@Somlu: “Sie” hat das aber nicht wirklich deutlich gemacht in dem Artikel. Dort war nie die Rede von Grice, Saussure und anderen. Dort war von Symbolik die Rede. Von Unverständnis von Missverstehen. Allerdings auf einer Ebene, so habe ich es gelesen, auf der nicht die direkte Kommunikation angesprochen ist. Handlungen von Politikern, die andere ausschließen, weil sie es nie allen Recht machen können – diejenigen, die nicht berücksichtigt werden, sie fühlen sich missverstanden. Das hat aber ja nichts mit all den aufgeführten Sprachwissenschaftlern oder -philosophen zu tun. Deren Annahmen gehen auf die unmittelbare Kommunikation zurück. Und gerade die Rede vom Zaun hat dann auch wieder Symbolcharakter. Ich habe mit dem Projekt Schulen ans Netz e. V. damals auf der Verabschiedung des Bundestages in Bonn mitgewirkt und dort z. B. mit dem derzeitigen Ministerpräsidenten von Hessen gesprochen, alle Teilnehmer, junge Journalisten, etc. pp. und Besucher an diesem Tag der offenen Tür in Bonn hatten zu keiner Zeit das Gefühl, sie würden nicht dieselbe Sprache wie die Politiker sprechen. Uns trennt von denen nicht so viel, wie Du in deinem Artikel dann zur Sprache gebracht hast.
Wenn du “meinen” Artikel zum Blog-Karneval liest – ich habe sogar eine wissenschaftliche Begründung versucht für die ständige Loslösung des politischen Systems vom Rest. Trotzdem glaube ich nicht, dass man von unterschiedlichen Welten sprechen kann.
Das Volk schweigt, aber die Politiker sollen reden? Ausländer sollen die Sprache lernen, aber wir Deutschen würden nicht mal im Urlaub den Gastgebern entgegen gehen? Es gibt hier zwar unheimlich viele Muslime, aber sie sollen sich keine Glaubenshäuser errichten dürfen? Stattdessen wehren sich die Christen, anstatt dafür zu sorgen, selbst neue Leute für ihren Glauben zu interessieren? Es gibt mehr Kirchen, als notwendig. – Ich weiß, das ist nicht dein Standpunkt, aber warum bemühst du dann solch ein Argument? Auszubildende und Ausbildende, Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wir haben viele solche Gruppen, die sich gegenüber stehen, die eine verlangt von der anderen, einen Schritt auf sie zuzumachen. Alleine diese Forderung ist in meinen Augen verfehlt. Man sollte selbst tun oder lassen und nicht dem anderen etwas abverlangen. Man kann mit Beispiel voran gehen oder es lassen.
Phrasen von Politikern – was ist daran so schlimm, und hier kann ich wieder auf meinen Artikel als Antwort auf deinen zu sprechen kommen. Das schlägt in die gleiche Kerbe wie der Satz mit den 365 Tagen im Jahr. Was ist an Phrasen von Politikern so grundlegend anders als an Phrasen von dem Partner in der Beziehung oder dem eigenen Kind oder dem Lehrer oder dem Arzt in der Klinik, oder oder… ?! Ich sehe nicht, dass man Politiker für etwas verantwortlich machen könnte, das im Prinzip alle gesellschaftlichen Akteure praktizieren. Die Aussage mit den 365 Tagen im Jahr war im Prinzip nur perspektivisch in die andere Richtung formuliert. Ich bezweifle auch, dass alle Leute, die in Heiligendamm protestiert haben, wirklich 365 Tage im Jahr protestieren. Das ist auch nicht notwendig. Aber ich bezweifle eben auch, dass man mit Politikern nicht reden können soll, so wie du es darstellst. Das hat in meinen Augen eher etwas mit der eigenen Angst vor Verantwortung zu tun. Eine Gruppe von halbstarken, die nicht meine Sprache sprechen – viele Leute haben Angst vor diesen, weil sie meinen, sie würden über böse Dinge sprechen. Ich kann nicht die anderen verändern, sondern nur mich selbst. Also möchte ich, weil mein Beitrag immer sein möchte, sich zu integrieren und das Zusammenwachsen zu forcieren, die Sprache der Halbstarken zu lernen. Dann werde ich wissen, dass sie über die gescheiterte Beziehung eines Kumpels, die gestrige Party oder sonstiges gesprochen haben, was wir sonst auch tun, und sich eben nicht über das nächste krumme Ding unterhielten. Es gibt natürlich Leute, die sich hinstellen und sagen, die Halbstarken müssten, wie ganz natürlich, unsere Sprache lernen. – Politiker sind, wenn ich das so vergleiche, nun in deinen Augen die Gruppe von Halbstarken, und du möchtest, dass sie unsere Sprache lernen. Ich zweifle, ob du das wirklich möchtest.
Ist denn der Punkt mit den 365 Tagen jetzt hinreichend erläutert?
July 20, 2007 · 2:53 pm
Doch, ich habe das klargemacht, der Hinweis auf Orson Scott Cards Buch ist sehr deutlich. Denn da geht es ja um Verständigung und Verständis. Nun ja.
Sorry, Deine Analogie mit den Halbstarken wirkt fast komisch. Politiker um deren Sprache ich mich in quasi sozialpädagogischer Absicht nähern muss, haben ihren Job verfehlt. Natürlich erwarte ich von PolitikerInnen, dass sie die Sprache derer sprechen, die sie vertreten. Mit Deinem Beispiel unterstreichst Du gelungen, das was ich in meinem Beitrag angerissen habe.
July 20, 2007 · 3:07 pm
Ja klar, man kann von allen Leuten alles verlangen – Hauptsache sich selbst nicht anstrengen. Wir wäre es mit dem Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern oder noch besser Eltern und Kindern. Kinder haben dann den Freifahrtschein, dass Eltern sich ihnen in der Sprache annähern müssen, komme was wolle.
Aber eigentlich ist es dann komisch, dass Eltern immer sagen, dass Kinder keine Ahnung von dem haben, was sie sagen, und von oben herab eher ihre Position behaupten. Das fordert ja Kinder geradezu heraus, sich den Eltern in der Sprache anzunähern, um verstanden zu werden.
Am Ende sind das zwei Seiten, die auf Stur schalten und nichts passiert. Das ist nicht die Welt, wie ich sie mir vorstelle. Kommunikation ist nie einseitig, und wenn du Politikern unterstellen möchtest, sie sprechen nicht unsere Sprache, dann wirst du meine Zustimmung nicht finden. Es gibt kein Recht auf Mitleid und es gibt auch kein Recht darauf, dass jemand etwas für einen tun muss, ob nun delegiert oder nicht. Ich tue selbst, und wenn der andere etwas tut, okay.
Ich wiederhole außerdem gerne, dass Politiker weitaus näher an unserer Sprache dran sind, als es aus einem Elfenbeinturm heraus formuliert wurde. Du wirst keinen Politiker finden, der sich nicht mit dir unterhalten kann. Wenn es zu Kommunikationsproblemen zwischen euch kommt, dann sind diese nicht verschieden von solchen, die du in anderen zwischenmenschlichen Situationen erlebst. Politiker in diesem Bereich zu stigmatisieren funktioniert nicht, weil wir alle so agieren, wie du es gerne nur für Politiker hättest. So zumindest meine Meinung.