27. August 2007

Ist Form sinnstiftend?!

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Es kommen zwei Dinge zusammen: die Lektüre eines Gesprächsprotokolls des französischen Soziologen Pierre Bourdieu und der vor kurzem von mir verfasste Artikel “Kann man bloggen, wenn man muss?“, zumindest dem Inhalt nach. Nicht das Bourdieu etwas in dem Kontext Passendes formuliert hätte. Vielmehr kam ich in meinem Gedankengang von Stöckchen auf Steinchen, und die Bourdieusche Rede von der Überwindung der Diskrepanz zwischen Theorie und Empirie war der Auslöser, sich noch ein wenig mehr Gedanken zu machen.

Kopfschmerzen habe ich indes nicht bekommen, vom vielen Denken. ;) Mir spukt nur jetzt eine Frage im Kopf rum, deren Beantwortung ich eigentlich kollektiv mit den Lesern und Leserinnen in Angriff nehmen möchte. In meinem vorgestrigen Blogartikel zweifelte ich, ob die Form des Mediums Blog geeignet sei, um Diskurse zu befördern, die weitreichende Konsequenzen zeitigen könnten.

Die Welt verändert sich. Nicht nur physisch, im Sinne der Evolution. Unser Lebensraum – wir verändern ihn selbst ständig. Heute, so heißt es, sei es nicht mehr wichtig, zu wissen. Viel eher käme es darauf an, zu wissen, wo man spezielle Informationen abrufen kann. Also ein Metawissen, das einen Schritt wegtut von einer gesellschaftlichen Praxis, einem Treiben, einem Streben nach Wissen, wie wir es noch vor Jahrzehnten gut fanden und praktizierten. Informationen gibt es heutzutage im Überfluss.

Ist es dann noch zeitgemäß, auf “Formen” zu bestehen? Im Journalismus gibt es sie, in der Literatur, in den visuellen Medien usf. – Kommentar, Glosse, Reportage, Kurzgeschichte, Drama, Roman, etc. pp. Jede Form hat, so heißt es, Einfluss auf den Inhalt. Dies kann man durchaus nicht abstreiten. Macht es denn heute überhaupt noch Sinn, sich an Formen zu orientieren? Verwischen nicht die Formgrenzen durch den Überfluss? Wer kann die Genres auseinander halten? Und vor allem, wer zieht überhaupt einen spezifischen Nutzen daraus, dass er in der Lage ist, zu erkennen, um welche Form es sich z. B. bei einem Text gerade handelt? Goethe und Schiller diskutierten in ihrem Briefwechsel lange und ausgiebig das Verhältnis von Form und Inhalt und waren der Meinung, dass er für jeden Inhalt immer auch eine perfekte Form gäbe.

Ist es dann heute, mehr denn je, notwendig, dass wir uns über die Form unterhalten, um die Grenzen zu betonen? Wenn wir das tun, stiftet die Form dann einen Sinn? Einen Sinn, der uns helfen kann, Lösungen zu finden? Oder hilft es viel eher, wenn wir den Formaspekt vernachlässigen – tun wir das nicht sowieso? Wenn ich von “wir” spreche, meine ich zum einen natürlich die Blogger und Bloggerinnen, doch geht meine Annahme sogar soweit, dass ich sie grundsätzlich mit Blick auf unser aller Weltgesellschaft und dem Treiben darin konstatiere. Wir (die Welt) wachsen zusammen, auf irgendeine Art und Weise. Das benötigt Zeit. Das Zusammenwachsen befördert die immense Informationsexplosion. Die grundsätzliche Aussagekraft nicht vernachlässigend, interessiert es mich natürlich besonders, ob eine Debatte um Formen der Blogosphäre überhaupt etwas bringen kann?! So weit meine Fragen – zu einer eigenen grundsätzlichen Position in dieser Sache habe ich es noch nicht geschafft. Deshalb interessiere ich mich brennend für Aussagen anderer.

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Kategorie Media · Autor · 4 Kommentare


4 Kommentare

  1. Kommentar von burnttongue
    August 27, 2007 · 10:21 pm

    Puh. Ich bin versucht “Geht’s noch?” zu rufen, aber ich lasse es wohl besser mal.

    Wahrscheinlich werde ich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich darauf eingehen, doch ein, zwei Worte möchte ich doch verlieren:

    Die Grenzen zwischen den Formen lösen sich auf, verschmelzen miteinander, so dass es eine gewisse Grauzone gibt, in der ein Blog zugleich alles und nichts ist. Doch gerade bei dieser grossen Informationsdichte empfinde ich Formen als Erleichterung, als ‘Navigationshilfe’ im Dickicht aus Information und Halbwahrheiten. Es macht die Unterscheidung zwischen verschiedenen Standpunkten leichter. Z.B. den zwischen dem ‘sachlichen’ Reporter und dem kommentierenden Kolumnist.

    Manchmal, da hilft dem Schreibenden eine Form, um seine Gedanken zu bündeln und nicht abzuschweifen. Sondern eben sich in dieser bestimmten Art zu diesem Thema zu äussern.

    Schlussendlich sichert das Bestehen auf Formen auch die Diversität. Wenn jeder Post, jeder Artikel Meta wird, dann sieht man überall nur noch das Gleiche, ein Mischmasch aus Information, Kommentar, Satire etc.
    Fände ich persönlich schade.

  2. Kommentar von Alexander Trust
    August 27, 2007 · 10:51 pm

    Warum eigentlich “geht’s noch?” *G* Hab ich “zu viele” Fragen aufgeworfen? ;)

  3. Kommentar von Ulrike
    August 28, 2007 · 9:25 am

    mmh, “ob die Form des Mediums Blog geeignet sei, um Diskurse zu befördern”… ein blog ist ja diskursbestandteil an sich und bringt ihn mit hervor (also den diskurs). von daher schon mit “beförderung”, aber mit vielen anderen dingen gemeinsam. einige blogger sollten sich einfach nicht so sehr wichtig nehmen und denken, sie könnten zu einer großen umwälzung beitragen (bsp ja auch schon von dir genannt: studivz; ist ja immer noch fast jeder drin).

  4. Kommentar von burnttongue
    August 28, 2007 · 7:49 pm

    @Alexander: Ich sollte mich entschuldigen, da ist mit im Eifer des Schreibens der nachfolgende Satz entschlüpft. Und der sollte tatsächlich mit der etwas hohen Anzahl an Fragen zu tun haben. Na ja, du bist ja von selbst drauf gekommen. ;-)

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