21. November 2007

Der gemeine Computerspieler

Er ist männlich und noch nicht in die Jahre gekommen, oder? Nein, denn ein kleines Dorf setzt sich dieser Mär entgegen. Das Dorf heißt die Welt des 21. Jahrhunderts. Allerdings sind diejenigen, die die Behauptung aufstellen nicht gerade repräsentativ. Jeffrey Wimmer von der Universität Bremen vertrat gegenüber dem Stern in einem Interview seine Forschungsergebnisse. Exemplarisch sind dazu auf Stern.de auch Ergebnisse in Form von Tabellen und Grafiken ausgewiesen. Interessant dabei die Zahl “N = 688″. N steht in der Empirie für die Anzahl der Versuchspersonen. Wir sprechen hier von einer Gruppe, die Personen im Alter von 14 bis 64 umfasst.

Schade ist, dass der Soziologe Wimmer sein Ergebnis als bevölkerungsrepräsentativ einstuft. Eines der Ergebnisse: Der gemeine Computerspieler ist heute keineswegs ausschließlich ein männlicher Jugendlicher. Auch Frauen spielen Computer. Der Wert einer solchen Aussage ist jedoch kritisch zu betrachten. Vor allem, wenn es dann darum geht, für gewisse Kohorten, also Altersklassen, eine Aussage zu treffen wird es enorm schwierig. Um das zu verdeutlichen müssen wir nur ein Mal die Zahl 688 aufdröseln. Stellen wir uns vor, die Hälfte der Personen sei männlich, die andere Hälfte weiblich. Es blieben nur je 344 Personen übrig, die es auf jeweils einen Geburtsjahrgang zu verteilen gilt. Das sind allerdings 50 verschiedene. Teilen wir 344 einmal durch 50, so kommt auf einen Geburtsjahrgang durchschnittlich 6,88 Versuchspersonen. Anhand von knapp 7 Personen eine Aussage zu fällen, dass in einer Gesellschaft von 80 Millionen plus X besonders die 14- oder 64-Jährigen dem Computerspielen anhingen, ist ziemlich waghalsig.

Zur Ehrenrettung muss man sagen, es fehlt nicht gerade so viel bis zur Repräsentativität. Jedenfalls eine solche, wie man sie uns im Grundstudium der Soziologie in den Grundlagen und Techniken der empirischen Sozialforschung nahe gebracht hat. Die Wissenschaft hat in diesem Bereich ein durchaus ernst zu nehmendes Problem. Denn es gibt noch etliche andere Variablen, die ein Versuchsergebniss beeinflussen oder verfremden können. Nur, über das Problem der Repräsentativität hatte ich in der Vergangenheit bereits einige Male geschrieben.

Frauen haben eine kürzere Online-Erfahrung, widmen sich aber viel viel lieber Online-Rollenspielen und spielen gerne Spiele, die langfristig angelegt sind (vgl. Stern.de). Bei Männern ist nach Wimmer eher das Gegenteil festzustellen. Natürlich ehrt es Wimmer und Kollegen, dass sie sich in dem Bereich verdient machen und empirische Studien anstrengen. Man darf aber bei all den Studien dort draußen nicht vergessen, welchen Wert sie haben. In Fernsehsendungen wird von beteiligten Talkgästen gerne mit Studien hantiert. Dort wirft man sich gegenseitig Studienergebnisse an den Kopf, als wären sie Wahrheiten. Die Wissenschaftler, die sich dafür verantwortlich zeichnen, würden dies nie behaupten. Es geht in der empirischen Forschung immer nur um Wahrscheinlichkeiten, nie jedoch um Wahrheiten.

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Kategorie Media, Science · Autor · Keine Kommentare


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