Von Bildung und Gesundheit im Zweiklassenstaat
Der Hörsaal fo2 im Kármán-Auditorium der RWTH-Aachen ist ordentlich gefüllt. Zumindest für die Verhältnisse einer außerplanmäßigen, abendlichen und zudem politischen Veranstaltung finden sich die Reihen (am 3. Dezember) gut gefüllt. Man kommt sich bald vor wie bei einer Klausur – fast jeder zweite Stuhl ist besetzt, mindestens aber jeder dritte. In den Ablagefächern vor den Sitzplätzen findet sich eine aktuelle Ausgabe des Magazins (oder der Beilage?) Uni-Spiegel. Dazu wird noch eine Gewinnspiel-/Umfragekarte beigelegt. Der Spiegel möchte wissen, wie die gleich folgende Veranstaltung den Zuhörern gefallen hat.

links: Karl Lauterbach, rechts: Konstantin v. Hammerstein
Drei Fragen, die mit der eigenen Meinung zu tun haben, und damit für Viele schwieriger zu beantworten sind als die merklich simplen Quizfragen während einer Fußballübertragung oder Samstagabendshow im TV. Die Gewinne sind entsprechend: Sie stammen aus dem eigenen Haus, Jahresabos, Sonderausgaben und so fort. Mehr oder weniger anspruchsvoll eben. Vor dem Hörsaal steht ein Acryl-Kubus, in den man die Karte einwerfen, und am Gewinnspiel teilnehmen kann. Man ist außerdem erlaubt, ein Probeabo des Spiegel abzuschließen – man kann allerdings auch völlig ungebunden den Hörsaal betreten und hinterher einen Spiegel kostenlos mitnehmen, ehe er ins Altpapier wandert.
Karl Lauterbach, selbst einmal an der RWTH, er fand sich ein, um mit einem Mitarbeiter des Spiegel-Haupstadtbüros das so genannte “Spiegel-Gespräch” zu absolvieren. In abgewandelter Form, versteht sich. Während sonst zwei Redakteure einen Prominenten interviewen, teilte sich Konstantin von Hammerstein dieses Mal die Aufgabe mit dem Plenum. Dieses war bunt gemischt, zumindest vom Alter her – hatte wahrscheinlich jedoch einen Überhang an Naturwissenschaftlern, gegenüber den Geisteswissenschaftlern. Meine Kommilitonin vom Seniorat Germanistik und meine Wenigkeit – wir fielen ein wenig aus dem Rahmen. Eine Stunde sprach von Hammerstein mit Lauterbach, und wir lauschten. Eine weitere Stunde stellten wir Fragen und Hammerstein versuchte zu moderieren.
Lauterbach stellte sein neues Buch “Der Zweiklassenstaat” vor, nicht explizit. Er beantwortete bereitwillig Fragen, vor allem zum Thema Bildung. Er vertrat Thesen, die er in seinem Buch notiert hat. Dort allerdings geht es nicht nur um Bildung, sondern auch um Rente, Gesundheit und Pflege. Lauterbach lieferte sogar eine Anekdote, indem er darauf hinwies, dass “der Zerfall des Kármán-Auditoriums [] nicht aufzuhalten” sei. Es ist Jahrzehnte her, dass Lauterbach die Universität in Aachen von innen gesehen hat, doch er empfand es, vor allem vor dem Hintergrund, dass die RWTH nun einem Exzellenz-Cluster angehöre, als “besonders tragisch”, mit ansehen zu müssen, wie das Haus bald zu Staub zerfiele. Man konnte den ironischen Unterton kaum überhören.
Lauterbach ist ein Kauz. Wir fanden ihn auf diese Art liebenswürdig und sympathisch. Es gibt andere, die dieses Kauzige durchaus als Arroganz empfinden mögen, oder aber Lauterbach nicht für voll nehmen können, eben wegen seines Auftretens. Turnschuhe zum Anzug, ein wenig wie Howie (der sein Comeback angekündigt hat). Fliege über dem Pullover. Die Fliege zeichnet ihn aus, so Hammerstein. Hammerstein konfrontiert Lauterbach auch mit dem Stigma, als Akademiker unter Politikern eher als Querulant empfunden zu werden. Süffisant gibt Lauterbach zu, dass “er” sich nicht als solchen empfinde, immerhin würde ihn von “z. B.” den Journalisten (= Querulanten) unterscheiden, dass er Vorschläge mache, die Dinge zu verbessern.
Mehr noch zeichnet Lauterbach aus, dass er sich mit den Dingen beschäftigt. Früher ein Mal CDU-Mitglied – in den 80er Jahren und davor, spricht Lauterbach der CDU heute das “Soziale” ab. Deshalb ist er, als er aus Amerika zurück kam, in die SPD eingetreten. Er spricht von Widerständen, vom politischen Zirkus, erzählt, wie er sich ein Mal in einer seiner ersten Kommissionsrunden auf einen Platz gesetzt hatte, der ihm in der Hackordnung nicht zustand. Der Kollege Parteigenosse ließ Lauterbachs Aktentaschen demonstrativ zu Boden segeln und unterrichtete ihn darüber, dass er dort immer schon gesessen habe. Lauterbach spricht mit von Hammerstein und uns vor allem über Bildung, und, weil der Spiegel-Mitarbeiter das Thema noch einbaut, auch ein wenig über das Gesundheitssystem. Bürgerversicherung ist hier das zentrale Stichwort. Lauterbach saß in der Rürupkomission und hat selbst dazu beigetragen, diesen Begriff zu festigen und einzuführen. So zumindest erzählt er es uns. Als Politiker müsse man wissen, worauf man sich einlässt. Derjenige, der den längeren Atem hat, kann Dinge in Gang setzen.
Wir lauschen und warten auf den Augenblick, da wir selbst Fragen stellen. Lauterbach nennt im Bereich der Bildung die Gemeinschaftsschule nach skandinawischem Modell als einzige Alternative. Wir erfahren, dass die Föderalismusreform ein richtiger Schritt in die falsche Richtung gewesen sei. In Berlin würden sich kaum noch Politiker dem Thema Bildung annehmen wollen, weil sie “ja eh” keine Handhabe hätten. Bildungspolitik ist weitgehend Ländersache. Auf die Frage, wie die SPD und er, der Akademiker-Politiker Lauterbach, denn dann Bildungspolitik betreiben wollen würden, reagiert L. gelassen und antwortet pragmatisch: Landtagswahlen gewinnen müsse die SPD, dann könne sie auch wieder Bildungspolitik betreiben, aktiv Einfluss nehmen. Lauterbach möchte aus diesem Grund weiterhin durch die Länder tingeln und seine Weisheiten an den Mann oder die Frau bringen. Es ist ihm wichtig.
Nicht ganz unwichtig scheint ihm jedoch auch zu betonen, dass die Gemeinschaftsschule nach skandinawischem Modell nicht gleichzusetzen ist mit dem Bild einer Gesamtschule der 1970er Jahre. Das betont Lauterbach immer wieder, sieht er sich aus dem Plenum doch dem Vorwurf der Gleichmacherei ausgesetzt. Lauterbach insistiert mit Nachdruck, dass er ebendiese nicht befürwortet. Im großen und ganzen kann ich den Thesen Lauterbachs folgen. Immerhin habe ich mich im Studienfach Soziologie mit Bildungsungleichheit und dem Bildungssystem ausgiebig auseinander gesetzt.
Doch es gibt zwei Punkte, an denen ich einhaken möchte, die ich allerdings im Plenum nicht anmerke. Zum einen hätte ich Lauterbach gerne fragen wollen, oder ihm vor Augen führen, warum es denn nicht möglich ist, selbst bei Gegnern seiner Thesen mit “ökonomischen” Argumenten zu punkten. Diejenigen, die für Kleinstaaterei sind, und Bildungspolitik an “16 konkurrierende Bildungssysteme” abgegeben haben, wie Lauterbach es formuliert, würden doch bestimmt verünftig werden, wenn man ihnen zeigt, wie negativ sich dies auf den Faktor Produktivität auswirkt. Mobilität wird von vielen Leuten gefordert, doch gerade im Bereich des Bildungssystems gibt es keine Standard, die erlauben würden, dass eine Familie mit ihren Kindern aus Hessen ohne Weiteres nach NRW ziehen könnten, oder umgekehrt. Es gibt Förderschulen, Vorschulen, Horte und es gibt Ganztagsschulen und es gibt wieder ganz andere Konstrukte. Mal hat man – wie in Hessen – die Möglichkeit, noch eine Orientierung vor dem Gang auf eine höhere Schulform zu durchlaufen, bzw. wird in der Oberstufe zudem ausdifferenziert. Überall dort, wo dies nicht geschieht, geraten die Kinder dann ins Hintertreffen. Durchlässigkeit im Bildungssystem könnte man demnach auch auf eine ganze andere Weise thematisieren, als sonst immer üblich.
An einer anderen Stelle würde ich gerne ebenso einhaken wollen. Lauterbach spricht davon, dass beide Seiten (System und Eltern) aktiv werden müssen. Eltern könnten Kompensationsleistung liefern, indem sie beispielsweise gegen die Vorschläge der Lehrer, auf welche Schulform ihre Kinder geschickt würden, intervenieren. Es ist nachweisbar, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten, die zudem aus ärmliche(re)n Verhältnissen stammen, eher schlechter bewertet werden. Dies Szenario stellt sich umgekehrt reziprok dar. Kinder aus bildungsnahen und reicheren Verhältnissen werden eher überbewertet. Gerne hätte ich Lauterbach gefragt, wie Eltern denn in NRW vorgehen sollen, da dort der Wissenschaftsminister der Liberalen es unmöglich gemacht hat, zu kompensieren. Die Befähigung aufs Gymnasium zu gehen hängt dann einzig vom Urteil des Lehrers ab. Ist man dagegen – nun man hätte die Möglichkeit vor Gericht zu ziehen. Dass diese Mühlen jedoch langsam arbeiten, und damit die Divergenz augenscheinlich vergrößert werden wird. Wer interessiert sich schon dafür?!
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Tags CDU, FDP, Hammerstein, Lauterbach, NRW, Pinkwart, Politik, RWTH, SPD, Spiegel
Kategorie Media, Politics · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
