Scoble, Plaxo, Facebook – dabei könnte alles so einfach sein
Die internationale Blogosphäre hat(te) wieder einen Skandal, der sich um ein Social Network dreht, genauer gesagt sogar um zwei. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass in good old Germany auch Xing mächtig unter Druck geraten ist, nachdem ihre Art, Werbung zu machen, bei den Premiumkunden übel aufgestoßen ist.
Der erste Blick
Das Jahr 2008 verspricht jedenfalls, so wie es beginnt, mächtig interessant zu werden. Facebook hat mit Robert Scoble einen US-Topblogger von seinen Seiten verbannt. Warum? Scoble war, so heißt es, einer der Blogger und Journalisten, der ein Script für die Konkurrenz “Plaxo” ausprobieren sollte (vgl. Techcrunch, engl.). Das Script sollte Emailadressen und Telefonnummern von Facebook-Freunden auslesen, damit sie nach Plaxo exportiert werden können.
Es soll Leute geben, die, ein wenig naiv, erst ein Mal gegen die Faktenlage protestieren. Fakt aber ist, dass Scoble gegen die AGB von Facebook verstieß. Ob er das wusste? Zumindest schreibt er in seinem Blog, dass Facebook den Export von Profildaten nicht gestattet. Kann das jemand bestätigen? Gibt es irgendwo einen Passus, der das explizit verbietet? – Wenn er das so formuliert, hat er wohl wissentlich gegen die AGB verstoßen. Drum erhielt er ein Automail und sein Account bei Facebook wurde “disabled”. Das ist zunächst einmal nichts Schlimmes, sondern vor allem eine logische Folge. Hat man dies einmal akzeptiert, kann man dann auch die Diskussion darüber beginnen, ob dies sinnvoll erscheint oder eben nicht. Zumal nur 12 Stunden nach der Verbannung, der Account von Scoble wieder freigeschaltet wurde (vgl. Robert Scobles Blog, engl.).
Alle Aufregung also umsonst? Nein, denn da die Diskussion nun einmal losgetreten ist, wird am Ende sicherlich ein Ergebnis stehen. Drei Szenarien stehen glücklicherweise, aktuellen Umständen sei Dank, zur Auswahl. 1) Facebook zeigt sich wenig irritiert und alles bleibt, wie es ist. Dieser Fall scheint zunächst ein Mal besiegelt. Denn die Antwort auf Scobles Reaktion liest sich wie folgt:
“[...] Our standard process for handling cases when an account is disabled for security violations is to allow a user to appeal and remedy the situation. This is the process we have followed here. Since you contacted us and have agreed not to run the script again, we have reactivated your account. You should now be able to log in with your normal email and password. In the future, please refrain from running these types of scripts again.
Thanks,
Jerry
User Operations
Facebook” (cited from Robert Scobles Blog)
Je nachdem wieviel Nachhall die ganze Situation jetzt noch erzeugt, gibt es zwei weitere denkbare Entwicklungen. 2) Facebook nimmt sich die konstruktive Kritik, und eben nur jene, zu Herzen. Oder aber 3) Facebook kauft Plaxo auf. Denn der aktuellen Nachrichtenlage kann man entnehmen, dass Plaxo zum Verkauf steht. Damit würde man auf zugegeben sehr rabiate Weise, einen Teil der Kritik mit einem Schlag obsolet werden lassen.
Der zweite Blick
Und jetzt noch ein Mal etwas differenzierter: Timo steht mit seiner Meinung, Datenmigration möglich zu machen, nicht alleine da. Im Gegenteil, viele werden ihm zustimmen, so auch ich, dass der Import und Export von Daten der Produktivität von sozialen Anwendungen nur zugute kommen kann. Scoble selbst verkündet (engl.), dem Projekt Dataportability.org (engl.) beigetreten zu sein. Dennoch war es vorschnell, die Pferde scheu zu machen, und von einem Skandal zu sprechen, wie ich finde. Denn in der automatisierten Email fand sich kein Hinweis darauf, dass speziell die Nutzung des Skriptes untersagt wurde. Nachträglich hat sich dies herausgestellt, gleichwie ist der genaue Kommunikationsinhalt nicht veröffentlicht. Da Scoble unheimlich viele Leute auf Facebook kennt, hat das Script unheimlich viel Datenaufkommen erzeugt bei seiner Arbeit. Mechanismen, die eben rein quantitativ als Schutz vor Missbrauch installiert sind, haben Alarm geschlagen und vorsichtshalber wurde Scobles Account eingefroren. Andreas Göldi findet derlei automatische Schutzmechanismen übrigens für Start-Ups nicht en vogue genug, sie würden alteingesessenen Unternehmen besser zu Gesicht stehen. Seien wir ehrlich, wie anders, wenn nicht automatisiert, wollen wir bei der hohen Frequenz von subversiver Energie den Schaden begrenzen? Wir Blogger nutzen Captchas und Spamtools ja ebenfalls nicht, weil wir dekadent erscheinen wollen.
Was Scoble gegenüber Facebook dann tatsächlich angegeben hat, ist unklar. Dennoch wird das Netzwerk sich der Diskussion über die offene Behandlung von Profildaten nicht verwehren können. Zum jetzigen Zeitpunkt sind aber gerade die sozialen Graphen das Kapital von Social Networks. Die Liberalisierung in diesem Bereich würde zur Folge haben, dass die Wettbewerber dann mit Inhalten und Funktionen punkten müssten, um die Nutzer bei der Stange zu halten und für Werbekunden interessant zu sein.
Wem gehört der soziale Graph?
Eine Frage, die sich unweigerlich stellt: Wem gehören eigentlich die personenbezogenen Profildaten. Den Nutzern oder dem Betreiber des Netzwerks? Gibt eine Person die Rechte an seinen Informationen ab, sobald es sich dazu entschließt, in einem sozialen Netzwerk anzumelden? – Franz Patzig nennt das Ganze einen Kampf um die persönlichen Daten. Facebook verwehrt sich im Übrigen gar nicht vollständig gegen den Export persönlicher Daten (vgl. Techcrunch zur Applikation FriendCSV, engl.). Plaxo indes hat nicht den direkten Weg über die Facebook-Api gesucht, sondern wollte über Umwege versuchen an Daten zu gelangen. Einzig Emailadressen können offenbar nicht ausgelesen werden – wirkt der Vorwurf gegenüber Facebook dann nicht ein wenig großspurig? – Emailadressen werden in Facebookprofilen als Bilder gespeichert. Die einen sagen, um das Kapital zu retten. Doch jeder Webmaster wird wissen, dass das eine halbwegs potente Methode ist, nicht das Opfer von Spamattacken zu werden, die mittels Spidern im Web den Klartext nach Emailadressen abgrasen.
Es gibt neben Techcrunch auch weitere Stimmen, die allerdings in Scoble nicht nur ein Opfer sehen. Denn immerhin hätte Scoble das Recht anderer Nutzer, nämlich seiner Freunde an deren Emailadressen ebenfalls mit einer Migration tangiert (vgl. z. B. bwl zwei null). Und es gibt ebenfalls ein Lager (vgl. Valleywag, engl.), dass Offenheit nicht uneingeschränkt unterstützen mag, weil diese ausgenutzt werden kann (nicht muss). Klar ist, und das kommt in dem Artikel auf mrtopf.de (engl.) sehr schön zur Sprache, dass es eigentlich drei Fraktionen gibt, die je ein unterschiedliches Ansinnen bezüglich der privaten Daten haben können: die Betreiber des Netzwerks, der spezifische Nutzer, und die Freunde des Nutzers, deren Daten er ohne ihr Mitwissen migriert, manipuliert, wie auch immer behandelt. Die Sache ist also nicht so einfach, wie manche das gerne hätten.
Plaxo steht zum Verkauf
Dass Scoble eben nicht nur Opfer ist, sollte klar geworden sein. Zudem hat man ihn von Seiten Plaxos darüber informiert, dass Facebook die Aktion nicht gutheißen könnte. Spekulative Gedanken wurden geäußert, dass dies auch eine Aktion gewesen sein könnte, um den Verkauf von Plaxo anzupreisen. 100 Millionen US-Dollar will Plaxo bei einer Versteigerung erzielen (vgl. auch Techcrunch, engl.). Man möchte sich selbst unter den Hammer bringen. Zwar ist man, wie es bei Golem heißt, trotz frühzeitigem Auftreten, hinter die Konkurrenz zurückgefallen. Doch das Unternehmen glaube an seinen Wert.
Facebook könnte sich um den Erwerb des Konkurrenten bemühen. Es wäre ein strategisches Investment. Ein paar Zahlen gefällig? Knapp 30 Millionen US-Dollar erwarb die Firma in mehreren Finanzierungsrunden. Dagegen erzielte sie bislang 0 Dollar Gewinn. In die Waagschale werfen kann Plaxo indes 20 Millionen registrierte Nutzer. Zudem bietet Plaxo einen sehr nutzenbringenden Service, der bereits im kostenlosen Status durchaus Produktivität erzeugt. Das findet auch Franz Patzig, weshalb er den Wunsch äußert, dass Plaxo gekauft werden sollte, damit es möglichst nicht von der Bildfläche verschwände. Der Kauf alleine muss im Übrigen nicht zwangsläufig den Erhalt des Netzwerkes nach sich ziehen.
Natürlich steht nicht nur Facebook als potenzieller Käufer im Raum. Spekulationen gibt es genug. Thomas Straßburg beispielsweise ergründet, warum Google es eher nicht werden wird.
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