17. January 2008

Funktionalität wird kapitalisiert Web 3.0 kann kommen

Freebase erhält 42,5 Millionen US-Dollar Risikokapital (vgl. auch Golem). Soweit die Nachricht. Jetzt kommt der Rattenschwanz. ;) Denn: Web 2.0 ist Vieles, aber doch eines eher weniger, nämlich auf Funktionalität ausgerichtet. Social Networks haben sich im Web 2.0 mehr oder weniger als Gesellschaften etabliert, die jedoch von Personen regiert werden, die wirtschaftliche Interessen verfolgen.

StudiVZ LogoIn Deutschland gibt es ein auch für die Welt paradigmatisches Beispiel im Bereich von Social Networks: StudiVZ. Man merkt ganz genau, wohin der Hase hoppelt. Das haben einige schon sehr früh gewusst, und dass man, nachdem man die AGB verändert hat, sich nun wieder versucht bei den eigenen Nutzern einzuschleimen (vgl. Blogbar), zeigt, wie wichtig die Informationen sind, die dort lagern. StudiVZ hat Angst, schreibt Don Alphonso und er liegt damit richtig, wie ich finde. Holtzbrincks wirtschaftliche Interessen sind gefährdet. Ich kenne etliche Freunde und Bekannte, die im StudiVZ angemeldet sind, und binnen der letzten Wochen ihren Nachnamen auf den Anfangsbuchstaben verkürzt haben. Mit uneindeutigen Daten kann Holtzbrinck jedoch noch weniger Geld machen, als mit den eindeutigen Daten sich sowieso schon schlecht verdienen lässt. Zumindest sind die Erwartungen von Holtzbrinck, ihre Investitionen wieder gutzumachen ziemlich hoch. Ob diese jemals erfüllt werden können, bleibt fraglich. Don Alphonso formuliert folgerichtig:

“Wenn wir aber davon ausgehen, dass StudiVZ so etwas wie eine Gesellschaft ist, und man es an der Spitze dieser Gesellschaft für nötig hält, ihre Teilnehmer aufzufordern, keine Schritte zu ihrer Anonymität zu unternehmen, und ihre Privatsphäre zu schützen – was ist das für eine Gesellschaft?” (Blogbar)

Nun, was für eine Gesellschaft ist StudiVZ? StudiVZ ist in erster Linie keine produktive Gesellschaft. Und generell ist Produktivität im Kontext von Web 2.0-Anwendungen mehr oder weniger rar gesät. Bei StudiVZ haben Leute Leute gefunden. That’s it. Bei StudiVZ haben die Nutzer mittels Gruppen das Netzwerk für sich produktiv werden lassen. Dieser Spruch von mir hat schon einen ganz langen Bart, weil ich ihn so oft schon reformuliert habe, doch das Credo von Studierenden für Studierende haben die Betreiber zu keiner Zeit ernst genommen. Was hätten wir uns gefreut, wenn man mittels des Bonker-Netzwerks hätte Bibliographien und Büchertausch realisieren können. Was hätte der akademische Betrieb sich gefreut, über ein System an dem bundesweit geforscht und diskutiert werden kann über wissenschaftliche Belange. StudiVZ sieht heute noch so aus, wie es damals als rote Kopie von Facebook aufs Tapet trat. Indes hat Facebook seine Funktionalität erweitert, StudiVZ aber nicht. Doch Facebook krankt an denselben Gegebenheiten wie die meisten anderen Social Networks – wirtschaftliche Interessen der Betreiber verblenden die kreative Energie zur Produktivitätsgestaltung.

Kann nun Freebase eine Antwort werden bezüglich der Produktivität von Web-Individuen? Wikipedia hat einen ganz entscheidenden Nachteil, die Information, die dort zugänglich ist, ist begrenzt. Zumal Wikipedia nicht besonders intuitiv funktioniert, wie Wikis (,die Software dahinter) generell nicht. Hingegen kann Freebase zu einer neuen Form von Suchmaschine mutieren, mit der die Produktivität im Web einen neuen Höhepunkt erreichen wird. Für mich ist die nächste Generation von Web ganz eindeutig an die Steigerung von Produktivität gekoppelt. Vielmehr noch, das Wahrnehmen von Produktivität als Wunsch der Nutzer, vor dem Hintergrund der sozialen Hemisphäre des Web 2.0 wird eine neue Episode in der medialen Evolution einleiten.

Weil es mir wichtig ist, möchte ich abschließend noch etwas formulieren, was ich ebenfalls bereits an anderen Stellen geschrieben habe: Was StudiVZ gezeigt hat, ist vor allem das Eine. Ehssan und seine Freunde waren zu keiner Zeit UNTERNEHMER. Sie waren selbsternannte Entrepreneure. Mehr nicht. Und ich kann nicht nachempfinden, wie auf Seiten wie Deutsche-Startups oder Gruenderszene (zumal Gadowski bei StudiVZ investiert war) derlei Treiben bejubelt wird/wurde. Man hat mit StudiVZ nicht eine Vision verfolgt, sondern ist auf einen Zug aufgesprungen um noch möglichst Geld damit zu machen. Was hätte aus StudiVZ werden können, und was ist daraus geworden?!

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