22. January 2008

Von der Selbst-Inszenierung im Netz?!

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Auf der 23ten CCC-Konferenz (2006) gab es einen Gastvortrag von Joichi Ito. Er sprach unter anderem über World of Warcraft, und welchen Nutzen diese interaktive Umgebung in seinen Augen bietet. In einen ähnlichen Kontext fällt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung von Barbara Becker aus dem Jahr 2004. Unter dem Titel “Selbst-Inszenierung im Netz” veröffentlichte Becker in einem Sammelband von Sybille Krämer (Performativität und Medialität) ihre Analyse zu einer empirischen Untersuchung von MOOs (vgl. Multi User Dungeon, Wikipedia), die sie davor gemacht hatte. Zu ihren Untersuchungsobjekten gehörten “LambdaMoo” (engl.), “Alpha World” (engl.) und “Onlife!Traveller”. Heutzutage würden Akademiker wahrscheinlich eher auf Second Life oder World of Warcraft zurückgreifen, um Beobachtungen anzustellen.

Sozialer Wandel: Individualisierung?!

Den sozialen Wandel betrachtend, konstatiert Becker, dass unsere Gesellschaft zur Individualisierung der Akteure neigt. Zumindest ließen viele Bestandsaufnahmen der modernen Gesellschaft diesen Schluss zu. Hier sei eingewandt: Nur, weil “Viele” etwas für richtig heißen, muss es noch lange nicht der Wahrheit entsprechen. Sie schreibt denn auch vorsichtig:

Es scheint gegenwärtig so, als ob soziale Anerkennung und gesellschaftlicher Erfolg unmittelbar verknüpft sind mit der Fähigkeit, sich aufmerksamkeitserheischend in Szene zu setzen. (S. 414)

Technische Mängel

Die Dopplung des Wortbestandteils “Aufmerksamkeit” kommt nicht von ungefähr. Der Text von Becker wirkt nicht fehlerfrei. Ihre Formulierungen könnten von Deutschlehreren manchmal mit der Markierung Satzbau versehen werden, und ihr fällt offenbar nicht auf, dass sie manches Mal Wörter doppelt verwendet, wie auf Seite 422 (“Aufgrund der interaktiven Struktur der Netzte lässt sich aufgrund der unmittelbaren Reaktion der Adressaten [...]“). Während sie an dieser Stelle von “Adressaten” schreibt, gibt es ein paar Seiten vorher den Begriff des Adressanten, der sich als bloßer Tippfehler entpuppt. Das jedoch irritiert beim ersten Lesen. In der Literaturliste am Ende des Essays fällt zudem auf, wie nicht einheitlich bibliographiert wurde. Zwei unterschiedliche Aufsätze, die allerdings aus ein- und demselben Sammelband stammen, wurden auf je andere Weise bibliographiert. Einmal mit Seitenangabe, einmal ohne, usf. – keine Konsistenz. Doch warum weise ich auf diese technischen Mängel hin? Nun, immerhin könnte all dies auch Rückschlüsse auf die Arbeitsweise von Becker zulassen. Habe ich doch auch andere Aufsätze in demselben Sammelband von Krämer gelesen, die nicht derart mängelbehaftet aufbereitet sind. Doch folgen wir der Argumentation von Becker…

Inszenierung: ästhetisch vs alltäglich

Sie führt einen Begriff der Inszenierung ein, den sie benutzen möchte, um die These zu bestätigen, derzufolge Akteure das Internet auch als “Probebühne zur Einübung zunehmend geforderter Darstellungskompetenz” (S. 421) verwenden. Sie behauptet damit in manchen Teilen etwas, das auch Joichi Ito in seinem Vortrag als positive Effekte von MORPGs bezeichnete. Es gibt also eine kleine Schnittmenge.

Becker führt einen Inszenierungsbegriff ein, der positiv gelesen werden soll und nicht negativ konnotiert verstanden werden darf. Um “Inszenierung als Form menschlicher Selbst-Er-Findung” (S. 415) zu sehen, differenziert sie zwischen künstlerischer und alltagsästhetischer Inszenierung (vgl. S. 416-419). So weit, so gut.

Immer wieder neu

Das Internet ein Ort permanenter Public Relations? – Becker nennt Sandbothe, der diesen Gedanken in 1998 formuliert hat. Anscheinend soll es so sein, dass wir uns im Internet ständig selbst in Szene setzen. Hierin folgen wir jedoch keinem zuvor festgelegten Skript (vgl. S. 422). Bedingt durch unmittelbares Feedback, können wenig erfolgreiche Strategien in der Interaktion relativ zeitnah durch andere ersetzt werden (vgl. ebd.). “Man spielt verschiedene Rollen, prüft diese auf ihre Wirkung, verändert die Maskerade, inszeniert sich in anderer, womöglich erfolgversprechenderer Weise.” (S. 423) Doch Schlüsse für die alltagsästhetische Inszenierung daraus zu ziehen, könnte man nur bedingt tun (vgl. ebd.). Das liegt daran, dass die Interaktionspartner keine gesicherter Persönlichkeit abbilden, sondern hochgradig fiktiv sein können. Man müsste können betonen, denn Becker sieht den Fall nicht vor, dass es sich um virtuelle Entitäten mit identischen realen Akteuren handeln könnte. “Das bedeutet”, so Becker, “dass man sich auf das Feedback der Anderen [...] nicht verlassen kann und vor allem kaum Schlüsse für alltagsästhetische Inszenierungen ziehen kann.” (Ebd.)

Transformationen im Zeichengebrauch

Außerdem lässt sich festhalten, dass sich Transformationen im Zeichengebrauch “als ein wesentliches Merkmal virtueller Selbst-Inszenierungen” erweisen und sie “zeigen hier auch deutliche Überschneidungen mit alltagsästhetischen bzw. teilweise auch mit künstlerischen Inszenierungsmodi.” (S. 425) Mit Transformationen ist zum Beispiel etwas angesprochen, das man mit dem Gebrauch von Metaphern ebenfalls leistet: Man benutzt gewisse semantische Bestandteile in fremden Kontexten und erzeugt so mitunter vollkommen neue, manchmal auch ironische Botschaften, die Aufmerksamkeit erzeugen. Denn darum ging es bei der Rede von der Individualisierungsthese. Der Mensch strebt nach Aufmerksamkeit. Ich würde ja behaupten, dass das Streben nach Aufmerksamkeit nicht tendeziell an die Individualisierung gekoppelt ist. Ich würde auch nicht ohne Weiteres beipflichten, wenn es heißt, dass im Zuge von Individualisierungsprozessen die einzelnen Akteure mehr leisten müssen, um dieselbe Aufmerksamkeit zu erlangen. Wie möchte man Kategorien der Aufmerksamkeit sinnvoll vergleichen?!

Nonverbale Zeichen: Mimik, Gestik, etc. pp.

In der virtuellen Onlinekommunikation gehen nonverbale Zeichen verloren. Zwar gibt es Emoticons und Avatare gebärden sich mehr und mehr, doch diese leisten keinen adäquaten Ersatz (vgl. S. 426). Deshalb fehlt der Inszenierung im Internet offenbar im Vergleich zur alltagsästhetischen Inszenierung ein entscheidender Faktor. Dieser Faktor fehlt auch deshalb, weil unsere physische Präsenz in derlei MOOs nicht gegeben ist. Doch: “Mimik, Gebärde, Gestik und andere Formen des Körperausdrucks werden übereinstimmend als wichtige Elemente von Inszenierungsprozessen begriffen.” (S. 425)

Reflexion durch die “Anderen”?!

Meines Erachtens nicht haltbar ist die Vorstellung, dass die Onlinekommunikation wesentlich schneller abliefe als alltägliche Kommunikationsprozesse und deshalb die Selbst-Reflexivität eingeschränkt würde, und das Potenzial zur Inszenierung maßgeblich eher von den Anderen (deren Reaktionen) beeinflusst würde. Becker meint jedoch, dass für eine “reflexive Selbst-Beobachtung [...] weder Zeit noch Raum” (S. 427) bliebe.

Aussagen nicht überprüfbar und überzogen?!

Die Conclusio von Beckers Text ist folgende: Zum einen bietet sich der Begriff der Inszenierung an, um

Potentiale aber auch Defizite medialer Selbstinszenierung in diesem Kontext offen zulegen und damit einige der allzu euphorischen Beschreibungen zu relativieren. (Ebd.)

Dieser Annahme kann ich zustimmen.

Weiterhin

lässt sich das Netz [nur bedingt] als Probebühne für alltagsästhetische Inszenierungen begreifen (ebd.).

Wir haben bereits an einigen der oben geschilderten Beobachtungen gesehen, warum dies so ist. Becker fasst dies zusammen -

insbesondere bedingt durch die Absenz des Körpers und der nonverbalen Zeichen, eine problematische Interaktionsdynamik und eine Begrenzung der mitlaufenden Selbstreferenz (ebd.).

Zunächst möchte ich noch ein Mal anmerken, dass wir keinerlei Informationen darüber haben, wie Becker zu ihren Erkenntnissen gelangt. Eigentlich ein zentrales Moment von Wissenschaftlichkeit. Das Fehlen lässt Beckers Aussagen substanzlos erscheinen, und macht es schwer, die Aussagen als plausibel nachzuempfinden.

Hinzu kommt: Becker geht offenbar davon aus, dass strukturelle Ähnlichkeiten im Prozess der Kommunikation in dem einen (real world Kommunikation) wie in dem anderen Medium (Internet), den Schluss zuließen, die psychologischen und neuro(bio)logischen Effekte wären in beiden Situationen identisch. Um ihre Aussagen plausibel zu machen, müsste sie zunächst ein Mal zeigen, dass die Reaktionen gleiche wären. Vielleicht messen wir, bedingt z. B. durch die Absenz des Körper, der Onlinekommunikation unterschwellig immer schon weniger Bedeutung zu, vielleicht auch nicht. Ich kann nur darauf hinweisen. Vielleicht empfinden wir jedoch auch – und dies finde ich plausibler – keine Unterschiede in der Kommunikationsform. Bzw.: Gewöhnen wir uns nicht gerade daran, dass Onlinekommunikation zum Alltag dazu gehört?! Das würde bedeuten, dass man als Individuum gar keine Unterscheidung trifft zwischen einer alltagsästhetischen Bühne und einer internetästhetischen Bühne, sondern dass vielmehr beides eins ist.

Meine Leser möchte ich gerne fragen, wie sie das Verhältnis von realer Selbst-Inszenierung und derselben im Internet bewerten? Gibt es dort einen zentralen Unterschied, außer in der Qualität (nicht wertend) der Inszenierung?

Hinzufügen zu del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
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Kategorie Media, Science · Autor · 1 Kommentar


Ein Kommentar

  1. Pingback von Becker: Selbst-Inszenierung im Netz - Ansichten eines Clowns
    January 22, 2008 · 4:16 pm

    [...] Sajonara setze ich mich ausführlich mit einer wissenschaftlichen Lektüre auseinander, die ich im Zuge [...]

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