5. March 2008

Was, wenn wir uns an die Simulation gewöhnen?!

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In der Wissenschaft gab es lange Zeit ein Paradigma, das besagte, Bedeutung wird im Geist entwickelt oder entsteht dort. Dieses Paradigma wurde unter anderem im Kontext des linguistic turn noch verschärft. Man nahm an, dass Bedeutung und unsere Welt nur durch den Gebrauch von Sprache entstünde. Sprache war unhintergehbar, und der einzige Zugriff auf die Welt, den wir hatten, er war sprachlich fixiert. Dabei ging ein ganzer Zweig der Disziplin zunächst davon aus, dass wir im Gehirn/Geist entsprechende Abbilder von dem bereits zur Verfügung hätten, die wir nur noch abrufen und nach gewissen Schemata zusammensetzen brauchten (vgl. z. B. Noam Chomsky). Wir sind heute wieder von diesen Annahmen fortgekommen und nehmen im Gegenteil eher wieder an, dass Bedeutung im praktischen Umgang mit den Dingen selbst entsteht (vgl. Ellrich 2005, S. 351).

Simulation hat eine andere Qualität

Die Kybernetik, die KI-Forschung und andere Disziplinen mehr trachten schon seit einiger Zeit danach, die geistige Leistung und die maschinelle Ressource einander anzugleichen. Nicht nur, dass man die Hoffnung hat(te), eines Tages Computer zu produzieren, die dazu in der Lage sind, das menschliche Gehirn nicht nur zu simulieren oder es in seiner Leistungsfähigkeit nachzuahmen, sondern sogar zu überbieten – bei der Beschäftigung mit dieser Thematik haben jene gemerkt, dass – zumindest bislang – selbst der intelligenteste Rechner in seiner Simulation nicht in der Qualität an die Realität heranreicht.

Realismus ist gewöhnungsbedürftig

Nicht erst seit Nelson Goodman wissen wir, dass Realismus eine variable Kategorie ist. Sie hat nach Goodman nichts mit Ähnlichkeit zu tun (vgl. Realismus ist…). Was wir als realistisch empfinden oder nicht, das hängt stark von unserem kulturellen Kontext ab, in dem wir aufwachsen. Wir könnten es erläutern, indem wir uns unsere eigene Geschichte über die Zeit hinweg ansehen, und feststellen, dass im Mittelalter Zeichnungen als realistisch empfunden wurden, die wir heutzutage als total grotesk abtun. Wir wissen noch von den Erfahrungen der ersten Kinos, von Akteuren, die nicht schon jahrelang mit den Elementen der Photographie und den Anfängen des bewegten Bildes in Berührung gekommen sind: Menschen liefen schreiend aus den Vorführsälen, weil sie Angst hatten, eine Eisenbahn, die im Bild auf der Leinwand auf sie zukäme, würde tatsächlich aus der Leinwand herausspringen. Wir können aber die Kategorie auch diachron betrachten und werden feststellen, dass das, was realistisch ist, nicht eindeutig zu bezeichnen sein wird.

Werden wir uns an die Simulation gewöhnen?

Wir kennen die Fotografie und bei der Beschäftigung mit dem Medium stellen wir fest, dass sie uns etwas zeigt oder zu zeigen in der Lage ist, was eigentlich nicht der Realität entspricht. Die Technik der Fotografie macht sich u. a. Elemente der Zentralperspektive zunutze (in der realistischen Malerei ist das ebenso). Stellen wir uns eine Fotografie vor von einem hohen Gebäude. Die geometrischen Verhältnisse, wie sie auf dem Foto abgebildet sind, entsprechen nicht denjenigen, die wir als Mensch mit der Kombination von Auge und Gehirn wahrnehmen, wenn wir selbst vor dem Haus stehen würden. Wir werden quasi ausgetrickst. Aber wir werden unheimlich gut ausgetrickst, denn wir sind, wenn wir gar nicht darüber Bescheid wüssten, nicht in der Lage, den Betrug an unseren Sinnen festzustellen.

Gerade aber diese Tatsache, neben anderen, ist es, die mich glauben lässt, dass wir uns eines Tages an die Simulation gewöhnen werden und die Qualität der Simulation nicht mehr von der wirklichen Umwelt unterscheiden werden können. Das sind Prozesse, wie sie über Jahrtausende immer gleich ablaufen und so viele Lebensbereiche umfassen. Zum einen neigen wir dazu, und an Dinge zu gewöhnen, selbst wenn wir sie bei ihrer Einführung erst abzulehnen scheinten. Zum anderen produzieren wir auf dem Weg, auf der Suche nach der perfekten Simulation (der Illusion) derart viel Gebrauchsmaterial, damit wir überhaupt erst in die Lage versetzt werden, uns daran zu gewöhnen. Ich bewerte diese Vorgänge nicht, sondern stelle sie lediglich fest, und ich glaube, dass unsere Vorstellungen von der Zukunft sich oftmals eben nur selbst erfüllen können, weil wir so viel Energie darauf verwenden, sie eintreten zu lassen (vgl. dazu auch diesen Artikel). Vieles in unserer Welt ist eine Frage des Glaubens und der Gewöhnung, auch weit weg von Sphären der Religion. Ich glaube, es ist nicht einmal “gewagt”, zu formulieren, dass Dinge wie körperloser Geschlechtsverkehr (Cybersex, der den echten ersetzt) oder anderes mehr eines Tages den derzeitigen Status Quo substituiert.

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Kategorie Media, Science · Autor · 6 Kommentare


6 Kommentare

  1. Pingback von What if we get used to simulation?! - Sajonara.de - Internetmagazin
    March 5, 2008 · 11:16 pm

    [...] 5, 2008 in Media, News, Science | This article is a translation of a preceding one in german language, doing someone a personal [...]

  2. Kommentar von Marcus Kober
    March 12, 2008 · 6:13 pm

    Sehr interessanter Artikel. Und ich habe da eine ganz ähnliche – ebenfalls zunächst wertungsfreie – Meinung.
    Die Fotographie trickst uns so überaus gut aus, dass für manche (oder viele) Menschen eine Kamera (egal, ob sie nun bewegte oder nichtbewegte Bilder “schießt”) eine objektive Instanz ist, die über die im Erkenntnisvorgang entstehende Subjektivität aufklären und diese schließlich auch aufheben kann.
    In einer Diskussion über Kants Erkenntnistheorie und über den radikalten Konstruktivismus habe ich es mehrfach erlebt, dass angenommen wurde, man müsse lediglich ein Foto von einem bestimmten Gegenstand machen müsse, um zu sehen, wie er außerhalb menschlicher Wahrnehmung aussähe.

  3. Kommentar von Alexander Trust
    March 12, 2008 · 8:58 pm

    Ja, bewerten möchte ich das auch nicht. Ich habe mir erlaubt, dein Blog in meinen RSS-Reader zu übernehmen, mal schauen, ob ich mir manchmal ein paar Denkanstöße abholen kann.

    Jedenfalls ist es für mich eine fast schon notwendige Konsequenz, wenn man die Einschätzungen mancher Disziplinen gelten lässt. Aus einer Realismus-Debatte könnte man genauso gut eine um Simulation machen, und wir erleben diesen “Gewöhnungseffekt” bei vielen technischen Artefakten ja auch.

    Es gibt übrigens fürs Kino Digitalprojektoren und Projekte, die 3D-Kino neu anstoßen möchten. Das ist eine spannende Entwicklung, die in dieser Richtung weitere Möglichkeiten zur Anpassung erlauben wird. Es könnte sein, dass wir in dem Bereich den Realismusbegriff noch weiter differenzieren, wenn sich das durchsetzt. HDTV hat ja nicht nur in der Werbung, sondern auch im Bewusstsein derjenigen, die das Medium nutzen die subjektive Wahrnehmung dahingehend umgestellt, dass hochauflösende(re) Bilder noch realistischer sind.

  4. Kommentar von Marcus Kober
    March 14, 2008 · 1:43 pm

    Habe mir auch erlaubt, dieses Blog in meinen RSS-Reader zu übernehmen. Muss man ja nicht fragen, ist ja Sinn der Sache. :)

    Eine interessante Facette einer solchen Debatte übrigens, die subjektive Wahrnehmung, ein hochauflösendes Bild sei noch realistischer. Und dass trotz Werbeslogans wie “schärfer als die Realität”.

  5. Kommentar von Alexander Trust
    March 17, 2008 · 1:30 pm

    Wenn man damit eine Debatte anstoßen könnte, sicherlich. Wenn die Leute realisierten, dass sie oft Dinge realisieren, indem sie danach streben, würden sie vielleicht dazu gelangen, sich ein wenig anders zu verhalten. Denn mitunter sind manche Dinge nicht gewollt.

    Ich habe auch einen Artikel gelesen, der davon sprach, dass Leute computerrealistische Grafiken als “zu” realistisch empfinden. Ich bin der Meinung, dass dies nur eine Momentaufnahme ist und die Leute sich daran gewöhnen.

  6. Pingback von Havok: Physik for free | Sajonara.de - Internetmagazin
    June 4, 2008 · 5:30 pm

    [...] (wenngleich ohne direkten Bezug zu Havok), in dem ich meine Prognose abgab, wir würden uns an die Simulation gewöhnen. Ein Effekt, den Medialität auf uns ausübt ist derjenige der Assimilation. Je länger wir den [...]

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