Das Internet ist unkontrollierbar, oder doch nicht?!
Man schreibt dem ultimativen Netzmedium ja durchaus eine Vielzahl von Eigenschaften zu. Eine davon ist diejenige seiner dezentralen Strukturiertheit. Es heißt, das Internet sei unzerstörbar. Würde man die Technik an einem Ort angreifen, man würde das gesamte Netz nicht in die Knie zwingen. Würde es das tatsächlich nicht? Die Ursprünge des Supermediums liegen im militärischen Bereich. Arpanet – vor knapp 40 Jahren ging es darum, den militärischen und wissenschaftlichen Austausch auch dann fortzusetzen, wenn lokal Probleme auftauchen könnten.
Wir erlebten den Internetausfall in großen Teilen Spaniens, bedingt durch Stromausfall im Land. Wir erleben den prognostizierten Internetausfall bedingt durch Überlastung seitens SPAM und Filesharing. Die dezentrale Organisiertheit setzt sich, so heißt es, auf der Oberfläche fort. Das Internet soll die Demokratie fördern. Ist das der Grund, warum Staaten wie China Zensurmaßnahmen ausüben? Oder warum nach IPv4-Standard nicht jedes Land entsprechend ihrer Einwohner Adressen zugeteilt bekommt (vgl. “Ein Bild unserer Zeit: Globale IP-Adressierung” oder “2011: Kein Anschluss an diesem Gerät“)? Die Vergabestellen für IP-Adressen sind nicht derart dezentral organisiert, wie man das erwarten würde. Nicht jedes Land auf der Welt hat seine eigene Vergabestelle. Bedeutet das, dass man den Internetverkehr doch lahmlegen kann, wenn man nur die zentrale Architektur der Vergabestellen außer Gefecht setzen würde? Doch es gibt noch mehr Zweifel und Schwachstellen respektive Grenzen. Verfügbarkeit und Sprachbarrieren sind nur zwei davon.
Ist das Internet wirklich unkontrollierbar? Was hätten die Macher davon, wenn wir das Netz gegen sie einsetzen würden, wenn sie es nicht (mehr) kontrollieren könnten? Ist es nicht auch ein trojanisches Pferd? Wie ein Virus, der überall eingepflanzt wurde, um die Wirte zu kontrollieren? Wie ich überhaupt auf die Thematik komme? Nun, in einem Beitrag über Medienphilosophie schreibt Elena Esposito folgendes:
“Im Internet wird diese Unkontrollierbarkeit [...] explizit deklariert (und benutzt). Das ‘große Netz’ ist, wie jeder weiß, absichtlich ohne Zentrum und ohne Spitze gebaut worden, gerade um seine Widerstandsfähigkeit und seine Flexibilität zu sichern: Kein Angriff auf einen spezifischen Knoten kann die Operativität des Netzes vernichten, und zugleich kann jeder konstruktive (obwohl unvorhergesehene) Beitrag im Netz angenommen und verbreitet werden – unabhängig von (und auch gegen) die Ansichten der Hersteller.”
Wenn auf der Seite der Infrastruktur den Urhebern – dem amerikanischen Militär also noch geholfen wird, dadurch, dass es dezentral verteilt ist, ist doch die unkontrollierte Verbreitung von Informationen nicht gesichert. Zum einen legen wir uns selbst schachmatt, ganz in Anlehnung an Baudrillard, der eine inverse Beziehung zwischen der Quantität und Qualität von Information annahm. Je mehr Informationen, desto weniger Bedeutung gibt es, so jedenfalls Baudrillard. Zum anderen gibt es genügend Beweise für Zensurmaßnahmen.
Zurück zum hölzernen Pferd: Sei es nun ein Sideeffect oder nicht – aber das Internet hat geholfen, alle Teilnehmer einer globalen Kultur zuzuführen. Ich möchte nicht unbedingt von einer Amerikanisierung sprechen, indes gibt es Anzeichen für kulturelle Elemente, die alle Teilnehmer der Netzgesellschaft miteinander verbinden, und die das Paradigma und die Vorstellung vom Nationalstaat erodieren lassen. Man könnte dies einen positiven Effekt nennen. Indem wir uns jedoch abhängig machen vom Netzmedium und viele Bereiche unseres Lebens darüber abwickeln, ermöglichen wir es, abgehorcht zu werden. Neben allen Vorteilen, die dieser Zustand der globalen Vernetztheit zu bieten hat, darf man diesen Aspekt eben nicht außer Acht lassen. Wir genießen eine Menge neuer Freiheiten, müssen uns aber auch eingestehen, dass wir eine Menge neuer Abhängigkeiten akzeptieren, indem wir uns als Mitglied der Netzgesellschaft ausgeben. Anonymität ist in dieser Sphäre eigentlich nicht gegeben, zumindest wiegen wir uns in trügerischer Sicherheit. Ich jedenfalls zweifle an der These von der Unkontrollierbarkeit des Internets.
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Tags Arpanet, Baudrillard, Esposito, Infrastruktur, Internet, IPv4, Kontrolle, Medienphilosophie, Philosophie, Soziologie, Virus
Kategorie Media, Science · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
