Atheismus als Gretchenfrage
{7}Der Misanthrop hatte einen Blogkarneval zum Thema Atheismus und Religion/Gotteswahn initiiert. Der Spaß ist nun vorbei und herausgekommen ist mehr als eine Handvoll Beiträge, aber eben nicht viel mehr. Woran das liegen kann? Nun, vielleicht an der Einstellung der Leute. Wir sind keine Mitmachgesellschaft in der Freiwilligkeit als oberste Prämisse angenommen wird, sondern vielmehr eine Neidgesellschaft, in der eine Hand nur dann die andere wäscht, wenn sie sich davon etwas erhofft. Wobei das mit Gesellschaft mitunter nicht viel zu tun haben muss, sondern in mancher wissenschaftlichen Disziplin sogar zu den Überlebensstrategien gezählt wird. Falls jemand Blogkarnevals oder andere Aktionen im Web promoten möchte, kann er sich bei mir gerne melden. Der Misanthrop hat das nicht getan, aber für die Zukunft fällt mir ein, dass Leute mich gerne darüber informieren können, wenn sie meinen, das Thema X Y passe hierhin. Ich kann mir dann auch überlegen, selbst teilzunehmen.
Religion ist nicht privat
Gibt es denn noch andere Gründe, warum der Erfolg von des Misanthrops Blogkarneval sich bescheiden ausnimmt? Nun, eine der Teilnehmerinnen schreibt in ihrem Beitrag, Religion sei eine private Angelegenheit. Sie notiert:
“Religion bzw. Nicht-Religion ist ein heikles Thema und man behält besser seine Meinung für sich. Auch ich würde darum eigentlich lieber einen Bogen machen, weil es ein sehr persönliches Thema ist und man sehr leicht missverstanden werden kann und/oder anderen auf die Füße treten kann.” (49suns)
Hier liegt einmal der erste Hase im Pfeffer begraben. Nicht Religion mag eine Privatsache sein, sondern allerhöchstens der Glaube. Und das, wo die Bloggerin selbst in ihrem Artikel auf eine Differenz zwischen Religion und Glaube hinweist; Religion ist so öffentlich wie nur irgendwas. Der Papst und andere religiöse Oberhäupter strömen in die Öffentlichkeit, um die verirrten Schafe ihrer Religionsgemeinschaften durch ihre Aussagen zu verunsichern und sie in die Arme von Rattenfänger à là Scientology zu treiben. Theologie als wissenschaftliche Disziplin kann auf eine lange Geschichte verweisen und strebt mit ihren Ergebnissen durchaus ebenso in die Öffentlichkeit. Religion lebt davon, öffentlich zu sein, weil man anders nicht nach Gleichgesinnten suchen kann.
Und nicht nur das, möchte man noch an Kritik zum Beitrag von Julia hinzufügen – vielmehr sind Missverständnisse nur natürlich. Hätten wir kein Missverstehen, würden wir auch kein Interesse an Verständigung haben. Ein Impuls von Kommunikation ist das Missverständnis.
Moral durch Glaube?
Nach Julia gibt es in diesem Bereich keinen erkennbaren Zusammenhang. Sie bemüht eine Statistik aus Amerika, derzufolge im so genannten Bible Belt, im besonders gläubigen Süden der USA also, besonders viele Menschen straffällig werden.
Einen Zusammenhang zwischen Moral und Religion indes kann man nicht wegdiskutieren. Denn die Religionen sind diejenigen Institutionen in unserer Welt, die sich dadurch auszeichnen, eine Morallehre überhaupt erst eingeführt zu haben. Mag sie auch dogmatisch sein und von Sanktionierungen begleitet, so ist doch Morallehre der katholischen Kirche eine Grundfeste auch unserer europäischen Gesellschaften. Selbst Wirtschaftsweise aus Großbritannien, die den klassischen Liberalismus (z. B. Thomas Hobbes, hier vor allem das Werk Leviathan) predigten, oder der gute Nietzsche, der Gott tot sein lassen wollte, haben diese Erkenntnis konstatiert. Wir sind Kinder unserer Umwelt, und wollten wir auch nicht religiös sein, so sind wir es in Stücken trotzdem, immer dann, wenn wir uns auf unsere Moral berufen. Die Idee von Kants kategorischem Imperativ ist ein Konstrukt, das ohne die Religion nie zur Existenz gekommen wäre. Sich auf christliche Werte zu berufen, ist auch Thema in einem anderen, sehr lesenswerten Beitrag zur Blogparade gewesen und dort wird diese Position zumindest beginnend in Zweifel gezogen. Gerade auch mit Blick auf das Gesellschaftsgefüge und die Bedeutung des Festhaltens an den christlichen Werten im Kontext von Integration und Religionsfreiheit.
Glauben ist nicht gleich Glauben
Andreas G., ein weiterer Teilnehmer, spaltet Haare und erhebt die Stimme, wenn es darum geht, die Differenz zwischen Glauben und Glauben zu erklären. Ich ulke nicht darüber, sondern finde die Aufklärungsarbeit von Herrn G. in Ordnung. Ich kann mich mit seiner Annahme, Atheismus würde nicht zwingend einen Glauben benötigen, wie er einer herkömmlichen Definition nach zur Religion gehört zustimmen. Ich gebe allerdings zu bedenken, nicht jeder, der an die Theorie vom Urknall oder weitere naturwissenschaftliche Welterklärungstheorien würde das tun.
Ich selbst bin nämlich der Überzeugung, dass man daran glauben muss. Wenn man nicht in die Mathematik vertraut und ihrer Logik Glauben schenkt, kann man sich nicht angemessen ihr gegenüber verhalten. Wenn ich zwar akzeptiere, dass nach dem Tod nichts kommt, muss ich dennoch akzeptieren lernen, dass ich nicht weiß, was den Ursprung ausmacht. Ich könnte darum streiten, ob das von Belang ist oder nicht, aber das können Philosophen weitaus besser. Und diese tun es mit einer glasklaren Logik, die mir selbst nicht behagt. Ich bin kein Logiker, ich bin ein Intuitiver.
In dubio pro Religionsfreiheit
Konstantin, der selbst an ein Leben (oder einen Himmel) nach dem Tod glaubt, spricht sich indes für Religionsfreiheit aus. Diskussionen jedweder Art würden andernfalls in einer Aporie enden, also der Ausweglosigkeit eine Lösung für ein bestehendes Problem zu finden. Stellt sich die Frage, ob man es sich mit dieser Haltung nicht zu einfach macht. Was tun, wenn man selbst sich raushalten möchte, andere aber nachwievor für ihre Religion in den Krieg ziehen? Wie kann man sein Engagement für Religionsfreiheit nicht nur in einem Plädoyer enden lassen?
Diese Frage von mir ist sehr ernst gemeint. Wollen wir uns den Kopf drüber zerbrechen, werden wir in der Lage sein, zukünftig die Streithähne miteinander zu versöhnen. Aber wie?! Eine Antwort auf diese Frage erfahren wir beim Lyriksplitter nicht, aber er bläst ins selbe Horn wie Konstantin und predigt Toleranz, Akzeptanz, Religionsfreiheit eben.
Nach wessen Ebenbild eigentlich?!
Dem Beitrag vom Tonnendreher merkt man an, dass die Annahmen des Autors stark von Implikationen ausgehen, die auf dem christlichen Religionsbegriff fußen. Er selbst glaubt nicht an die (christliche?) Religion. Gott habe die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, schreibt er. Die schlechten, fragt er sich, dann ebenso? – Ein Beleg dafür, dass es sich hier um die Bibel im weitesten Sinn handelt, die er zur Grundlage seiner Fragen und Antworten macht. Ein Indiz aber für die Eingeschränktheit seiner Argumentation und derjenigen vieler anderer Beiträge der Blogparade. Wenn ich diese so lese, dann stelle ich fest, kann kaum einer der Autoren wirklich umfassend abwägen, einfach weil er oder sie kaum andere Religionen kennt. Diesen Schluss gründe ich im Übrigen nur auf die Aussagen, die ich aus den Texten heraus lesen kann. Es mag sein, dass die Autoren durchaus andere Religionen kennen, aber sie beim Verfassen der Beiträge einfach außer Acht gelassen hatten.
Nicht mal einen Bezug zu antiken religiösen Vorstellungen gibt es. Keine Rede von Polytheismus à là Rom oder Athen, kein Zeus als Göttervater von so vielen anderen göttlichen Gestalten. Aber auch kein Hinweis auf Naturreligionen, die zum Teil noch heute akut sind. Keine Vorstellung von Gaia, der Mutter Erde oder anderem mehr. Wenn man in einem sehr eingeschränkten Spektrum argumentiert, bedeutet das zwangsläufig auch keine weitreichenden Antworten oder Argumente angeben zu können. Mit wem wollte man auf diese Art dann in einen Diskurs treten, respektive könnte man es tun? Über den Tellerrand hinaus kann man nur tätig werden, wenn man den Staub jenseits des eigenen Porzelans aufwirbelt.
Der Rest vom Schützenfest
Auch Gwendolan hat der Blogparade beigewohnt. Er schreibt in einem Community-Blog aus der Schweiz mehr oder minder eine Kritik zu einer (Hochschul-)Veranstaltung. Drum prüfe, wer sich ewig bindet – das Christentum ist in seinen Augen ein Ärgernis.
Wer auch immer Uriella sei, sie schweigt, und sie schwieg auch über den 10. März hinweg und konnte deshalb der Auslöser für das knappe Pamphlet auf kyriacou.ch sein. Zynisch, ein Ausdruck, der den Atheimus des Autoren impliziert, aber ansonsten im Vergleich zu vielen anderen Beiträgen der Blogparade eher schwächelnd daher kommt.
Nicht weniger schwach der Beitrag von Fabian. Und vielleicht trotzdem stark – stark subjektiv auf alle Fälle, clever auf keinen Fall. Indem er alle Religionsanhänger Spinner und Idioten schimpft disqualifiziert er sich auf jeden Fall für irgendeine Form von Diskurs.
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Tags Akzeptanz, Atheismus, Buddhismus, Christentum, Gotteswahn, Hinduismus, Misanthrop, Missverstehen, Privatheit, Religion, Religionsfreiheit, Toleranz, Uriella, Öffentlichkeit
Kategorie Media · Autor Alexander Trust · 7 Kommentare

March 18, 2008 · 7:23 am
Ich glaube du liegst falsch mit deiner Analyse, auch wenn die von dir genannten Dinge grundsätzlich gegeben sind.
Ich habe den Misanthropen auch in meinem Feedreader und ihn in auch in letzter Zeit mehrfach kommentiert. Sein Blogkarneval ist glatt an mir vorbeigegangen ohne das ich es mitbekommen habe.
Da ich zu dem Thema durchaus geschrieben hätte und auch kein Problem damit habe bei Blogparaden mitzumachen, muss das Problem da liegen wo es meist liegt. Er hat sich schlecht verkauft. Das er häufig eher mies an Troph herrüber kommt macht es für ihn auch nicht leichter.
Wenn du aber reklamierst man möge dir mitteilen wenn etwas wichtiges geschieht dann ist das zwar ein ehrenhafter Ansatz wenn du selbst andere und ihre Aktionen promoten willst, aber so funktioniert das Netz nicht.
Die Leute sind auch nicht falsch eingestellt, nur weil sie nicht sofort, wenn irgendwer etwas aufruft nicht mitmachen.
Ich will das an einem Beispiel erläutern. Ich wohne in Klein-Bloggersdorf ganz am Rande, ja da hinten am Friedhof, da wo kaum jemand gerne wohnt, schon fast außerhalb. Wenn ich nun gerne einen Blogliederabend veranstalten möchte dann ist ziemlich klar was passiert. Nix. Ich bin nämlich ziemlich bedeutungslos. Für andere. Für mich bin ich natürlich sehr bedeutend. Schon weil ich mich mag. Aber ich bin und bleibe Long Tail an dieser Kuh, also die Stelle an der der Schwanz immer ziemlich vollgesch..en ist.
Natürlich werden sich ein paar Leute finden die mitmachen würden. Schon mir zu Gefallen. Aber das wärs dann auch. Wohl kaum eine Handvoll.
Schau was ich an Kommentaren im Quartal habe, das haben Robert, der Spreeblick oder der Don am Tag. Man nennt das auch Reichweite.
Keine Reichweite bedeutet nur wenige Beiträge wenn man etwas startet.
Tatsächlich ist aber die Anzahl der Beiträge nicht wichtig, wenn die Beiträge gut sind. Wir betreiben Blogs und nicht die Bildzeitung. Reichweite und Thematik haben etwas mehr als eine Handvoll Beiträge ermöglicht. Das finde ich dann wiederum nicht schlecht. Das ist eigentlich sogar richtig gut.
Ich versuchs noch mal anders:
Wenn diese atemberaubende Blondine, mit Kurven wie die Nordschleife des Nürburgrings, Beinen bis zum Boden und einem atemberaubenden Fahrgestell auf mich zu kommt und mich dabei mit den Augen auffrisst und ständig mit ihrer Zunge die Lippe befeuchet, dann frage ich nicht ob bei ihr oder bei mir, sondern erst einmal wie viel?
Selbsteinschätzung nennt man diese Kunst.
March 18, 2008 · 9:52 am
Das Netz funktioniert so, wie wir es funktionieren lassen. Ich lese den Misanthropen auch dann und wann, und habe die Aktion trotzdem überlesen, irgendwie. Deshalb kann ich aber ja an die Leser dieses Blogs eine Bitte richten, sich bei mir zu melden, wenn sie denken, es bringt ihnen und dem Blog etwas, hier promotet zu werden. Keine Sorge, ich tue das nur bei Projekten, von denen ich selbst finde, sie sind es wert.
Zudem finde ich, Jochen, dein Beitrag geht an der Sache vorbei. Ich hab den Misanthropen nicht kritisiert, deshalb ist mir die Reichweite und alles andere eher unwichtig. Ich lese Blogs nicht, weil sie 80T Leute erreichen, sondern weil mich die Texte interessieren und ich thematische Schnittmengen habe. Du hast viel Richtiges geschrieben, aber in meinen Augen unnötig, da ich nicht Kritik geübt habe. Stattdessen bist du auf die Aspekte die Religion betreffend nicht eingegangen.
Ich fand es “schade”, dass es nur neun Beiträge geworden sind, die zudem bis auf zwei, drei Ausnahmen dann auch noch relativ flach daher kamen. Schade für ihn, schade für mich, weil ich gerne noch mehr darüber gelesen hätte und die Hoffnung hatte, auch mal etwas tiefergehende Stellungnahmen aus diesem Bereich zu lesen.
March 18, 2008 · 9:55 am
Hätte ich z. B. hier von der Blogparada geschrieben, ich glaube, dass Thomas Matterne recht sicher auch eine Meinung zu dem Thema gehabt hätte. Andere wahrscheinlich auch. Das war also lediglich ein Fingerzeig, dass man sich hätte besser verkaufen können.
March 18, 2008 · 12:10 pm
Mir ist klar, dass mein Beitrag extrem subjektiv ist, doch eigentlich finde ich, hätte jeder Mensch einen Hauch der Ironie darin entdecken sollen/können. Mag sein, das ich mich vielleicht selber mit meinem Beitrag ins Abseits schieße, und ich den Bogen mit meiner Wortwahl vielleicht ein bischen zu sehr überspannt habe, doch ich stehe dazu und es sollte sich eigentlich keiner beleidigt fühlen.
Gruß,
Grendel
March 18, 2008 · 12:31 pm
@Grendel: Ich fühle mich auch nicht auf den Schlips getreten. Es gibt aber mit so einer Wortwahl keine Grundlage für eine Diskussion. Ich meine jetzt nicht mit mir, sondern allgemein. Wenn man ernsthaft an einem Diskurs interessiert ist, wäre das ein No Go. Auch die Bezeichnung deiner Domain bläst z. B. ins selbe Horn. Natürlich mag der Titel ironisch gewählt sein, aber er impliziert gegenüber allen Noobs, dass du dich von ihnen distanzierst und zumindest ohne sonstige Kenntnis deiner Haltung würde man denken können, dass du Leuten, die technische Laien sind, nicht die Hand reichen magst, sondern eher dazu neigst, dich zu amüsieren, wenn sie mit ihrer Technik in Schwierigkeiten geraten. Das sind jetzt alles nur Wortspiele, bzw. Deutungen derselben. Aber du verstehst, dass ich mir schlecht ein Bild machen kann, wenn ich nur deine Worte zur Verfügung habe, und die haben eben nicht angezeigt, dass du Lust auf eine Diskussion hast, sondern im Prinzip eher einen Riegel vorschiebst.
March 23, 2008 · 11:55 am
[...] und Gotteswahn” des Misanthropen ist beendet » Liste der Teilnehmer und Sajonaras Zusammenfassung/Meinung [...]
April 19, 2008 · 9:54 am
Bin eben erst über diese Blogparadenkritik gestolpert. Kurze Erläuterung zu meinem Beitrag:
In meinem Blog führe ich seit längerem die Rubrik Gretchenfrage. Mein für die Blogparade geschriebenes sarkastisches Stoßgebet war in erster Linie ein Reaktion auf eine unbedeutende Tagesmeldung und richtete sich – wie die meisten Beiträge meines vorwiegend politisch gefärbten Blogs – hauptsächlich an eine Schweizer Leserschaft.
Uriella behauptet von sich (wie der verlinkte News-Artikel klarstellt), das “Sprachrohr Gottes” zu sein. Während vieler Jahre betrieb sie in der Schweiz und im süddeutschen Raum intensive Öffentlichkeitsarbeit, wobei ihr ein privater Zürcher Fernsehsender sehr zu Hilfe kam. Der Dünnpfiff, den sie regelmässig von sich gab, lässt sich eigentlich nur mit ihrer Kopfverletzung erklären.
Ihr Versprechen, auf göttliches Geheiß hin keine Interviews zu geben, könnte auch den stärksten Skeptiker an einen gnädigen Gott glauben lassen. Allerdings gäbe es noch ein paar andere Patienten und Scharlatane, bei denen eine ähnliche göttliche Intervention angezeigt wäre. Die im Blog-Beitrag ebenfalls erwähnte “Madame Etoile” ist ein weiterer solcher Fall. Eine selbsternannte Astrologin, die ein Sendefenster beim staatlichen (und werbefreien) Radiosender “DRS3″ hat, sich ihre Phrasendrescherei also von uns Steuerzahlern finanzieren lässt.