Castterania aber mit keine Garanti

Veröffentlicht am  17. April 2008 von  

Streng genommen bewege ich mich mit diesem Beitrag im akademischen Feld der Sprachkritik. Keine Sorge, ich möchte mich nicht lustig machen, über den Verkäufer bei Ebay, der ein paar seiner Game Boy-Spiele zum Verkauf anbietet. Denn dazu gibt es gar keinen Anlass, weil wohl die besagte Person eine Art Legastheniker ist.

Wie ich darauf komme? Nun, weil die besagte Person den Namen eben eines seiner Spiele total verhunzt hat. Er konnte den Schriftzug auf der Cartridge von “Castlevania” nicht richtig lesen und machte daraus Castterania. Das ist bedauerlich, zumal diese Person immerhin genug Sachverstand besitzt, in der Auktion auch darauf hinzuweisen – explizit -, dass es sich bei der Auktion um einen Privatverkauf handele, und er deshalb keine “Garanti” gewähren könne.

Da schreibt jemand, wie er zu sprechen pflegt. Allerdings gibt’s bei der Transkription Schwierigkeiten, weil das – nenen wir es – geistige Alphabet nicht entsprechend ausgeprägt ist. Wir alle haben auch schon mal das umgangssprachliche Synonm “Zwanni” für einen Zwanzig Euro-Schein benutzt. Indes wussten wir, dass eine Dopplung des Konsonanten “n” notwendig ist, damit man das “a” davor kurz spricht.

Wer schon ein Mal im Kino war, wird vielleicht auch schon Mal einen Werbespot gesehen haben, der Lobbyarbeit für die Analphabeten in unserem Land betreibt. Es sind nicht wenige, und wenn wir ehrlich sind, gibt es zudem unheimlich viele Leute, die gewisse Defizite aufweisen. Fragen wir uns “warum”, kommen wir schnell auf die Antwort, dass bei der Vermittlung von Wissen etwas schief gegangen sein muss. Wenn wir historisch denken, könnte man annehmen, dass wir uns hierzulande auf dem Wirtschaftswunder von einst ausgeruht haben. Vielen ging es gut, und der Schlendrian kehrte ein.

Heute dann treten Leute in Dokusoaps im TV auf, die sich für einen neuen “Traumjob” im Ausland bewerben wollen, dann allerdings mit Ausreden kommen wie – das Rechnen hat immer der Chef gemacht. Die Gretchenfrage muss lauten, ob das zwingend als schlechte Entwicklung interpretiert werden kann. Nicht alles, was sich verändert, muss immer negativ gewertet werden. Stillstand ist nicht immer böse. Doch in diesem Fall sieht es fast so aus, als hätten wir keinen Ausweg mehr, die Dinge noch schönzureden. In dubio pro reo, also: Im Zweifel für den Angeklagten – Kommunikation verändert sich, aber die geistige Infrastrukturanforderung für selbige bleibt.

Wenn wir nicht wollen, dass einige Wenige davon profitieren, dass sie viel andere ausnutzen, weil diese sich nicht zu wehren wissen und dem anderen einfach glauben “müssen”, nun, dann sollten wir alle was dafür tun, dass Hinz und Kunz auf ihrem Weg zur Bildung besser dastehen als im Augenblick. Kuchenbackende Hauptschullehrerinnen, die sich in ihrer Freizeit fragen, warum ihre Schüler nicht in der Lage dazu sind, Texterörterungen zu formulieren, die müssten den wohligen Beamtenstatus aberkannt kriegen, und auf Provisionsbasis bezahlt werden. Für jeden Nobelpreisträger, der aus ihren didaktischen Anleitungsstunden hervorgeht, würden sie stattdessen fürstlich entlohnt werden.

Wir haben uns fatale Weichen gestellt in der Vergangenheit. Wir haben wichtige Berufsstände pervertiert, indem wir sie zum einen dem Kapital auslieferten, indem wir sie aber zum anderen auch zum Topf voll Geld führten. Der Idealismus blieb auf der Strecke, weil niemand mehr Leuten etwas beibringen wollte, sondern viele schlicht und ergreifend auf den Beamtenstatus, den Urlaub, die Besoldung, etc. pp. scharf waren. Das erlebe ich noch heute, wenn ich in Diskussionen mit Kommilitonen stecke, die auf Lehramt studieren. Das erleben wir alle aber auch, wenn Ärzte irgendwann merken, dass der Job doch viel mehr Verantwortung mit sich bringt, als dass sie sich des lieben Geldes wegen hätten aufbürden wollen. Wir haben enorm wichtige Berufsstände versilbert. Die Leute wollten X werden, weil sie X verdienen wollten, aber nicht weil sie die Passion haben Menschen zu heilen, nach Neuem zu forschen oder Bildung zu tradieren.

Drum ist eine Ebay-Auktion wie die oben erwähnte nur ein Symptom. Die Ursachen nimmt nur niemand in den Blick, weil sie unangenehm sind – Arbeit bedeuten sie. Arbeit für diejenigen, die sich ausgeruht haben, und die nun Mitschuld haben, dass ein Bruch entstanden ist, zwischen denen, die sich sowieso immer schon interessiert haben, und jenen, denen man versäumte es beizubringen. Ein Bruch zwischen Privat- und Kassenpatienten, ein Bruch zwischen solchen, die sich den Anwalt leisten können und jenen, die ihn nicht in Anspruch nehmen können.

Wir schauen Fernsehen, und amüsieren uns über solche Unfähigkeit zu Rechnen, wie ich sie eben angemerkt habe. Aber die Allerwenigsten stellen sich die entscheidende Frage nach der Nachhaltigkeit und den Konsequenzen unseres Handelns. Wir verschulden die Verdummung, die Abwirtschaftung, den Sozialneid, wir sind für all das und noch vieles mehr selbst verantwortlich. Wenn nicht wir, wer dann?! Und dieser Brandbeitrag bloß, weil ein “Ebayer” den Namen eines Plattformspieles verhunzt hatte?! Ja, bloß deswegen. Weil es dort draußen so viele Leute gibt, die mit all dem, was wir hier treiben nicht zurecht kommen, und wir rauben nicht nur ihnen ihre Chancen, sondern berauben uns unserer eigenen Zukunft. Vertrauen auf das, was sein wird, können wir doch bei solchen Verhältnissen nicht erwarten. Genau das wollen wir aber doch. Genau das fordern doch viele. Und trotzdem hat niemand die Muße auch etwas dagegen zu unternehmen?

Jeder von uns hat seinen Alltag, und wir alle sind in der Lage die Leute um uns herum mit dem, was wir wissen vorwärts zu bringen. Und mit dem Wissen darüber, was diese alles in der Lage sind zu leisten, wenn sie nur könnten, können wir nicht stillschweigen, wenn das ganze Potenzial brach liegt und die Interaktion immer mehr darunter leiden wird. Die Leute sind nicht in der Lage ihre Stromrechnung zu lesen. Das mag so sein. Aber es ist nicht bloß deswegen der Fall, weil die Stromlieferanten für ihre Abrechnungen bald schon eigene Fachsprachen entwerfen. Wir müssen uns anpassen, und dabei sollte der Blick nicht, wie in den vergangenen 30 Jahren immer nur nach unten gerichtet sein. Ein weiser Professor an meiner Uni hat immer gesagt, dass man sich nur entwickeln kann, wenn man es mit einer Herausforderung zu tun hat. Wir haben eine große Herausforderung, und die heißt Zukunft. Ohne diejenigen, deren Potenzial wir verkümmern lassen, werden wir in Zukunft kaum etwas ausrichten können.

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