18. April 2008

Petra Fröhlich: “Inhalte optimal aufbereiten”

Ist das der Clou, um langfristig Erfolg zu haben in dem sich ständig verändernden Markt von Computer- und Videospielen? Die Chef-Redakteurin der PC-Games, Petra Fröhlich, gab Golem vor ein paar Tagen ein Interview, und eben die im Titel formulierte Aussage war ihr Patentrezept (zum Schluss) für die Zukunft der Spielemagazine?! – Ich finde nicht, dass es nur um die Präsentation gehen kann. Zumal Frau Fröhlich durchaus auch darauf hingewiesen hat, dass die Interessen der Leser sich auszudifferenzieren beginnen, weil eben die Märkte dies auch tun.

Es kann in meinen Augen nicht damit getan sein, sich einzig und allein auf die medialen Eigenschaften von Print und Online zu stürzen und diese Auszureizen, bzw. gegenüber dem jeweils anderen Medium besser in Szene zu setzen. Es gibt technisch hoch aufwendige Webanwendungen, die zeigen, was alles möglich ist, und trotzdem von Hinz und Kunz keine Beachtung finden. Und drum wird es nicht ausreichen, wie Fröhlich vorschlägt, besonders ausdrucksstarke Fotos ganzseitig in Magazine zu pflastern.

Was vielen, aber eben nicht allen, Medienschaffenden fehlt, ist die Kreativität. Neue Inhalte schaffen, anstatt vorhandene einfach nur zu polieren und “aufzubereiten”. Ein Trend derzeit geht eindeutig in Richtung Retro. Manche Verlage probieren sich aus, andere gründen sich neu und veröffentlichen ganze Zeitschriften nur mit Inhalten rund um die Computer- und Videospielhistorie. Die PC-Player, damals noch mit Heinrich Lenhardt im Gepäck, aber auch viele Zeitschriften davor (z. B. ASM), manche davon ebenfalls mit Lenhardt im Gepäck, widmeten sich immer schon im Abspann dem Blick zurück in die Vergangenheit. Der Trend zum Retro ist zwar noch nicht ganz angekommen, aber es lässt sich jetzt schon absehen, dass etwas, was bereits jahrelang munter im Informationsfluss mitschwamm, nicht dauerhaft einen Zenit erleben kann. Das Interesse für die Computer- und Videospielgeschichte wird wieder abnehmen, und dann? Nun, dann ist Fingerspitzengefühl gefragt, aber auch Macherqualitäten.

In der Regel ist es so, dass Medienschaffende sich den Dingen zuwenden, wenn sie geschehen. Anders ist das beim Fernsehen oder Radio, wo eigene Formate produziert werden, die gerade durch ihre Einzigartigkeit den Geschmack von manchen Leuten treffen. Es gibt Formate im TV, die gibt es seit Jahren und fast schon Jahrzehnten (bspw. WDR-Sendung: Zimmer frei!). Natürlich haben diese über die Zeit ihre Einschaltquoten kaum verändert, aber gerade das ist ihr Vorteil. Mit solchen Formaten lässt sich rechnen.

Der Test X Y, ihn gibt es quasi überall. Internetverwöhnte lesen heute mitunter sogar auf Englisch, und begegnen nur selten deutschen Lettern. Warum? Weil die Information im angelsächsischen Sprachraum einfach früher vorhanden ist. Dazu können nicht unbedingt die Journalisten in Deutschland etwas, denn die Industrie gibt die Richtung und die Fahrpläne vor. Doch gerade weil dem so ist, muss man Nebenkriegsschauplätze schaffen – Kolumnen sind eine mögliche Alternative. Und es gibt Computerzeitschriften, bspw. die noch jungfräuliche gamesTM, in der neben den üblichen Pre- und Reviews auch Kolumnen den Ton angeben. Wenn, ja wenn sie dem Leser zusagen.

Aber wenn man Hinze und Kunze erst ein Mal für etwas interessiert, bleiben sie gerne am Ball. Die Leute mögen es, wenn ihre Interessen wahrgenommen werden. Und drum ist es auch keine Schande, selbst als Journalist, sich seinen Interessen zuzuwenden und darüber zu schreiben. Ein Redakteur, der Identifikationspotenzial anbietet, eröffnet den Lesern, die sich mit ihm identifizieren, die Chance auf eine Art soziale Bindung jenseits des Informationsflusses. Redaktions-Rooster mit kleinen Bildchen und den Hobbies, aktuellen Musik-, Film- und Spielevorschlägen sind nicht mal ein Tüpfelchen aufs “i”.

Ich kann wahrscheinlich nicht für meine Generation sprechen. Aber einige Freunde von mir und meine Wenigkeit selbst, die wir schon vor 15, 16 Jahren Computerzeitschriften kauften – wir identifizieren uns mit Charakterköpfen. Dem Stanglnator, dem Heini, und anderen mehr (sogar mit Frau Fröhlich ;) ). Es ist deshalb in unseren Augen auch nicht schlimm, wenn der Redakteur seinen Interessen nachgeht und anfängt, mehr darüber zu verraten und tiefer zu graben, als Otto Normalverbraucher es kann. Journalisten kennen die Quellen der Information. Statt aber selbst zu komponieren, wird die Klaviatur dessen bedient, was als notwendige Öffentlichkeit propagiert wird.

Dass man nur das abdeckt, was aus Industriekreisen abgedeckt werden will, ist zu wenig, um Konstanz zu bekommen, um einen Bodensatz an zufriedenen Lesern zu generieren. Der Computer Club ist ein Beispiel dafür, wie man mit den eigenen Interessen auch die Zuschauer noch glücklich machen kann. Mittlerweile wird der Computer Club 2 im Netz ausgestrahlt, es gibt ihn als Podcast – hier zählt er zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Podcasts überhaupt mit 200 000 Zuhörern. Und einen Vidcast gibt es außerdem. Das ist umso erstaunlicher, da der WDR damals den Computer Club absetzte. 20 000 Protestbriefe halfen nichts. Doch der Erfolg gibt den Machern Recht.

Zurück aber zu Frau Fröhlich. Sie selbst hat mit Lenhardt einen Kollegen, den sie bei der PC-Action in 2007 als Chefredakteurin ablöste, und der mit ihr gemeinsam für den Computec-Verlag arbeitet. Dort betreut Lenhardt u. A. das Onlineportal Buffed, das vor einiger Zeit, wie Fröhlich im Interview ebenfalls angibt als Printausgabe herausgegeben wurde. Das sind Wagnisse in die richtige Richtung. Und wenn die Berichterstattung in anderen Zeitschriften des Verlages sich noch weiter an den Interessen der Redakteure orientieren würde, gäbe es unter allen potenziellen Lesern einen Prozess, den Frau Fröhlich selbst schon in anderem Kontext ansprach: eine Diversifizierung.

Was spricht dagegen, wenn Redakteur X von seinen Erfahrungen mit Merchandising-Artikeln zum Spiel Z schreibt? Hat Lenhardt vielleicht Star Craft-Romane gelesen? Und wenn er ein paar Wörter dazu verlieren würde, könnte er sich sicher sein, dass ihn entsprechende Leserzuschriften erreichten. Hat einer der Redakteure selbst schon mal Homebrew-Software für irgendeine Konsole geschrieben oder nur ausprobiert? Warum also nicht die Leser an den Erfahrungen teilhaben lassen? Wenn hier im Netz jemand einen Bildbericht oder ein Tutorial heraus gibt, wie er das Display vom Game Boy Advance mit einer Hintergrundbeleuchtung ausgestattet hat; wenn hier im Netzt jemand seine Erfahrungen mit dem jailbreak von Apples iPhone/iPod touch präsentiert – solche Artikel werden zu Dauerbrennern.

Und was spricht dagegen, auch mal hinter die Kulissen zu blicken? Den Redaktionsalltag zu beschreiben? Sich mit den Layoutern, DTPlern, mit dem Chef von der hauseigenen Druckerei zu unterhalten, nur um dem Leser das Gefühl zu geben, er ist ein Teil von etwas. Gewährt uns tiefere Einblicke und wir werden es euch danken. Der einzige Ort, an dem bislang ein wenig über die Redaktion zu erfahren war, ist in der Tat das Editorial. So hatte das Team der Gamepro oder der play3 (ich weiß es nicht mehr genau) allesamt mit einer Erkältung zu kämpfen, und dennoch wurde die Zeitschrift rechtzeitig fertig.

Es gibt auch so wenig Enthüllungsjournalismus in dem Bereich der Computer- und Videospiele. Ist es nicht auch (für manche Zielgruppe) interessant, die Hintergründe von Firmenübernahmen mitzubekommen, oder den Geldfluss nachvollziehen zu können? Im Web gibt es diverse Sportportale, die allesamt mit unterschiedlichen TV-Sendern zu tun haben. Sport1.de mit ProSieben/Sat 1, Sport.de mit RTL und Spox mit Premiere. Entsprechen unterschiedliche Anbieter von Sportwetten werben auf den Seiten. Warum? Nun, weil die Fernsehsender direkt oder indirekt mit investiert sind.

Wie kommt es zu Abschlüssen von Werbeverträgen in Computerspielen? Und wie wird Werbung von Computerspielern wahrgenommen? Was sagen Verantwortliche dazu, dass immer mehr Spieler Ingame-Videos aufzeichnen? Gibt es Hinweise darauf, dass die Möglichkeit zur Selbstvermarktung im Netz die Verbindungen zwischen Publishern und Programmierstudios verändert?  Was machen Granden der Branche heute? Ein Peter Molyneux ein Sid Meier und andere mehr. Das Problem ist, dass die meisten auf diese Fragen warten, und sie nicht selbst stellen. Natürlich kann man darüber schreiben, was ein M. oder ein M. tun, wenn sie ein neues Spiel herausbringen, aber warum eigentlich damit warten? Warum nicht schon jetzt Informationen zusammen suchen zu diversen neuen Physik- und Spieleengines (Havok und Co.) und Prognosen wagen, wie sie den Spielemarkt aufwirbeln werden? Warum nicht jetzt schon nach Gründen suchen, warum diverse Projekte scheitern könnten, anstatt darauf zu warten, dass Projekte scheitern, und hernach darüber zu berichten? Wenn ein Journalist Blut leckt, warum hängt man ihn dann nicht auch an den Tropf?!

Den Enthusiasmus, den man speziell aus den letzten Zeilen herauslesen konnte, den wünschte man sich und ich mir bei manchem Schreiber, damit er mehr als nur Durchschnittskost produzierte. Also dann, packen wir’s an. Lasst den einen zum Mario mutieren und den anderen zu Sonic werden – jeder wird seine Spielewelt abgrasen und für sich und die Leser zu neuen Ufern aufbrechen.

Hinzufügen zu del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags , , , , , , , , ,
Kategorie Media · Autor · Keine Kommentare


Schreibe einen Kommentar


Top