StudiVZ, das nächste Toll Collect?! – Von Menschen die sich überschätzen, und unserem Bildungssystem, das sie zu solchen erzieht

Veröffentlicht am   7. Mai 2008 von  

StudiVZ-LogoVor einiger Zeit hatte ich vorgehabt, einen Artikel zum Thema StudiVZ zu veröffentlichen. Ich begann, ihn zu schreiben, stellte ihn aber nie wirklich fertig. Einmal vom Schreiben abgelenkt, überschlugen sich damals die Ereignisse rund ums VZ und meine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Irgendwann hatte dann die Motivation, den Artikel noch zu Ende zu schreiben, sich überlebt. Zumindest aber die halbfertigen Gedanken wollte ich einer Veröffentlichung nicht vorenthalten, selbst wenn die Geschehnisse von damals heute nicht mehr so akut sind. Aktuell hingegen ist – und das wissen medienkompetente Leute, zu denen ich meine Leser allesamt zähle -, was die Journaille als solches verkauft.

Ich hatte also vor einiger Zeit – lang, lang ist’s her – schon ein paar geistige Ausflüsse produziert, die auf eine Differenz von Anspruch und Realität bei den Gründern und Betreibern des StudiVZ verwiesen, und zwar im Kontext des deutschen Bildungssystems. In einem weiteren Artikel waren die Gedanken StudiVZ, Web 2.0 und Bildungssystem zu vermischt, wie Daniel im Kommentar darunter bemerkte. Nun habe ich die Möglichkeit noch ein Mal etwas präziser und weniger komprimiert zu formulieren, welche Diagnose ich feststellte.

Dazu vorweg einige Worte, die ich bei F!XMBR seinerzeit kommentierte, und die ganz im journalistischen Stil, einen guten Überblick verschaffen, worum es geht: “Das Bildungssystem hat sich oberflächlich geöffnet, einen quantitativen Schub erzeugt, einen qualitativen Verlust erlebt und heraus kommen Leute, die auf dem Gymnasium waren, oder einen Hochschulabschluss haben (über die, denen es noch schlechter widerfährt mag man gar nicht erst sprechen) [...]“, die glauben, sie wären toll.

Man schaue sich den Fall Toll Collect und das Software-Großprojekt zur Arbeitslosengeld II-Verwaltung an. Wie viele Ressourcen sind dort verschwendet worden, und wie wenig haben die Leute, die dafür verantwortlich waren an ihrer eigenen Expertise gezweifelt. Angesichts der Vorfälle beim StudiVZ muss man sich auch hier fragen: “Arbeiten bei StudiVZ und Holtzbrinck eigentlich nur Praktikanten?

Ich wollte also damals den Vergleich ziehen zwischen den Jungen Chefs von StudiVZ mit großen Pleiten im öffentlichen Dienst sowie der Privatwirtschaft. Meines Erachtens kamen diese immer aus demselben Grund zustande: da Leute sich überschätzten. Ich kenne Leute, die während ihrer Ausbildung mal zwei Mausklicks in einem WYSIWYG-Webeditor gemacht haben und behaupten, sie könnten Informatik. Ich selbst habe ein Semester Informatik studiert, mit dem Ergebnis, dass ich zwar 84% Punkte in den Übungen Analysis für Informatiker auf meinem Konto verbuchen konnte, und meinen Mathe-LK-Lehrer nachträglich noch hätte davon überzeugen können, dass er mit seiner Einschätzung Recht hatte, dass ich könnte, wenn ich wollte – doch darum geht es wohl nicht.

Ich habe für mich entschieden, dass ich das nicht möchte. Ich habe aber gleichzeitig auch Grenzen erkannt, nicht nur im guten Geschmack. Und es gibt Zeitgenossen, die kennen ihre Grenzen nicht und es gibt wieder andere, die fallen auch noch auf solche herein. Was dann folgt sind Pleiten, Pech und Pannen. Vertraut man nämlich auf solche, die den Mund zu voll nehmen – absichtlich, oder weil sie’s nicht besser wissen -, dann kann es schnell sehr unangenehme Folgen haben. Wir haben heute ein Maut-System, aber zu welchem Preis? Und wir haben auch eine Reform der Arbeitsämter miterlebt – und was hat’s gebracht? Wenn wir alle nur Menschen sind, noch dazu solche, die nicht wissen, dass sie im Unrecht sind und dann beratungsresistent sind, wenn es um anderer Leute Wohl und Wehe zu entscheiden gilt.

Und inwiefern haben die Gedanken, die ich geäußert habe mit dem Bildungssystem zu tun? Nun, ich bin der Meinung, dass wir in unserem Bildungssystem auch dafür sorgen, dass Leute sich (maßlos) überschätzen. Ihnen wird von Seiten der Lehrer oder Professoren selten reiner Wein eingeschenkt. So gibt es Gymnasiasten, die denken, sie haben die Weisheit mit Löffeln gefuttert und sie würden ganze Berge versetzen, um Recht zu behalten, obgleich sie niemals ihre Grenzen kennen gelernt haben. Im Vergleich zu Schülern anderer Länder kriegen Gymnasiasten allerdings nicht immer und schon gar nicht überall richtiges Schreiben und Rechnen auf die Reihe. Wer sich dann wundert, warum solche, die die Zukunft mitbestimmen wollen, aber sich selbst dabei überschätzen, der sollte ein Mal unser Bildungssystem nach Gründen befragen. Nur meine Meinung. ;)

Das ganze kann man übrigens auf jede andere Bildungsinstitution (auch Eliteunis oder Privatschulen) transponieren. Es scheint, als hätten wir im Pseudo-Leistungswettbewerb der Schulen, Berufsausbildungen und Hochschulen nur eins im Sinn: Bauchpinselei. Wenn ich einen Direktor einer Grundschule aus Wuppertal bspw. sagen höre, dass Referendare schlimmstenfalls mit einer “3″ als Note ausgezeichnet werden, weil man es ihnen im heutigen Jobmarkt nicht zumuten könnte, schlechter bewertet zu werden, dann muss ich nicht lange darauf warten, dass eben jene, die eigentlich total unqualifiziert für den Lehrerberuf sind, später ein Mal Ansprüche stellen, denen sie selbst nicht gerecht werden können. Da Lob ich mir doch Chefs von Firmen, die zu ihren Auszubildenden noch sagen, dass er oder sie vielleicht nicht die richtige Wahl getroffen hat. So etwas tut weh, aber öffnet unter Umständen die Augen. Wenn wir uns davor scheuen, wird es uns später nur bitterböse aufstoßen.

2 Kommentar(e) bisher

  1. Ecki says:

    Und dann gibt es noch die von allen Seiten als zu dumm verschrienen Hauptschüler, die von ihren Lehrern nicht mehr auf eine berufliche Zukunft, sondern auf ein Leben mit Hartz 4 vorbereitet werden. Traurig, dass man so vorschnell beurteilt wird, ganz ohne auf das Individuum zu achten.

    Ich beginne mehr und mehr, gefallen an dem Konzept Gesamtschule zu finden.

  2. Ja, wenn’s richtig umgesetzt würde, könnte das Konzept greifen. Manche Schlaumeier von heute sagen ja, dass es keinen Unterschied macht, bzw. gehen davon aus, dass die Ergebnisse noch schlechter sein müssen. Die greifen dann auch jeweils immer nur die Beispiele auf, die ihnen in den Kram passen.


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