9. July 2008

Vom Verlinken in der Blogosphäre

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Neunetz hat einen kritischen Blogbeitrag veröffentlicht, der mich zunächst zu einem Kommentar bei Neunetz hinreißen wollte. Dann merkte ich, wie mein Kommentar länger und länger wurde, und ich entschied mich schließlich, dem Thema einen eigenen Artikel zu widmen. Da sind einfach zu viele Gedanken, die durchaus ein bisschen sortiert werden müssen.

Zunächst: Worum geht es in dem Beitrag von Neunetz? Kurz gesagt, es geht um die Mentalität von Bloggern und Bloggerinnen, Links in den eigenen Artikeln zu setzen – oder nicht. Nachzulesen sind die Gedanken im Artikel “Auch Blogger verlinken nicht (immer)“, verfasst von Marcel Weiß, der auch für Netzwertig schreibt. Weiß nimmt wiederum einen anderen Blogbeitrag auf, und gibt verkürzt (nicht im Sinne von zu kurz) ein Argument wieder, warum Blogger nicht verlinken:

Warum den Leser zum Mitbewerber schicken, wenn doch auch ein Link auf einen Beitrag auf der eigenen Website genügen könnte?

Das Zitat stammt von Christiane Schulzki-Haddouti von Kooptech, die über “die Linkrevolution” schrieb.

Das Argument allerdings ist mir ein wenig zu kurz gegriffen, und zusammen mit beiden Blogartikeln und Beiträgen aus den Kommentaren möchte ich mich ein Mal an den Argumenten abhangeln und sie zu relativieren versuchen. Nicht etwa, weil ich nicht auch dächte, es wäre schöner, wenn die Blogosphäre mit gutem Beispiel voran ginge, sondern schon alleine aus dem Grund, um zumindest einige aus einer unnötigen Schublade heraus zu holen.

Eigensinn und Konkurrenzdruck

Schulzki-Haddouti gibt den Egoismus der Blogger als Grund an, der dazu führt, dass sie nicht auf Angebote der Konkurrenz verlinken. Weiß greift den Aspekt auf und schreibt ergänzend, dass gerade die Konkurrenzsituation oft (immer?) falsch eingeschätzt wird, und eben gar keine Konkurrenzsituation sei, sondern ein Kontext unter Mitstreitern.

Dieses Phänomen ist nicht netzspezifisch, sondern grenzenlos – nennen wir es menschlich?! ;) Als ich in der Sekundarstufe 1 ein Praktikum beim Anwalt machte, Büro- und Archivarbeiten erledigte, empfand mich eine von zwei Azubinen als Konkurrenz. Mag damit zusammenhängen, dass ich in einem Monat bald so viel geschafft gekriegt habe, wie sie in einem Jahr, nur… meine Devise ist: von nichts kommt nichts. Ich gehe aber keinesfalls davon aus, dass andere Leute es mir gleichtun müssen. Trotzdem wird man, wenn man engagiert ist, in vielen Kontexten eher misstrauisch beäugt.

Während meiner Schulzeit habe ich erst in der Oberstufe angefangen, meine mündliche Mitarbeitsnote zu stärken, davor war ich zu sehr mit meiner Pubertät beschäftigt, als dass ich ruhigen Gewissens vor meinen Mitschülern hätte frei reden wollen. Eine Situation, die manch anderem vielleicht auch bekannt vorkommt. Man steht unter Beobachtung, und aufgrund mangelnden Selbstbewusstseins nimmt man sich zurück. Auf der Hochschule setzt sich dann das fort, was auf der Schule schon Gang und Gäbe war. Leute, die viele Fragen stellen, sind Streber oder Besserwisser. Man könnte allerdings auch meinen, dass Leute, die viele Fragen stellen, viel wissen möchten, dass Neugier ihr Antrieb Nummer 1 sei.

Linkbashing und Awareness?

Neugier war auch mein Antrieb im April letzten Jahres, als ich eine Weblogzählaktion startete. Diese Aktion war naiv, das gebe ich zu. Doch sie hat einige Ergebnisse zutage gefördert, die mein Bild von der deutschen Blogosphäre massiv geprägt haben. Zum einen habe ich erlebt, wie schnell etwas entfacht werden kann, und wie weit die Kreise sind, die es ziehen kann. Mein Eindruck ist nicht der Beste, jedoch auch nicht der schlechteste. Zum Teil muss ich es mit manchen anderen halten, die oft von einer typisch “deutschen” Haltung sprechen.

Für meine Aktion musste ich mir ebenfalls Kritik gefallen lassen. Von Linkbashing und Awarenesslutscherei war damals die Rede, und ist sie auch heute noch, wenn man die Pamphlete stockkonservativer Kunstfiguren verfolgt, die das Internet als Medium nutzen wollen, es jedoch kaum zu verstehen in der Lage sind, zumindest jedoch mit den technischen Gegebenheiten so ihre Schwierigkeiten haben. Dieser Aspekt wurde jedoch auch von ganz anderen Bloggern ins Feld geführt, die man ebenso als Eigensinn auffassen kann, wenn man mich und meine Blogs als Konkurrenz auffasst. Das genannte Argument, das durchaus einige Blogger vertreten, lässt das Verlinken generell in einem schlecht(er)en Licht dastehen. Schon blöd, wenn man etwas prinzipiell Nützliches schlecht reden/schreiben kann.

Blogger als Vorbilder?

Nicht schlecht schreiben, möchte ich Weiß’ Worte, mit denen er fordert, dass wir als Blogger mit gutem Beispiel voran gehen sollen. Er nimmt Bezug auf einen Artikel von Benedikt Köhler von Viralmythen, in dem dieser die Mentalität der Onlineausgaben von Printerzeugnissen kritisiert. Als Blogger können wir die Mentalität von SpiegelOnline, Süddeutsche und Co. kaum kritisieren, wenn wir uns selbst nicht auf die Fahnen schreiben, was wir von anderen einfordern. Doch warum ist das so? Oder warum ist es vielleicht auch nicht so?

Verlinken ist nicht gut?

Große Blogs haben damals an meiner Weblogzählaktion nicht teilgenommen. Waren die sich zu schade dafür? Wir wissen es nicht. Bevor ich jedoch zu sehr in Polemik verfalle, möchte ich die Krux bei der Sache aufzeigen. Ein Argument von Don Alphonso, dessen Blog man ja durchaus noch als “großes” Blog bezeichnen kann – scheinbar widerfährt ihm dasselbe Schicksal wie den Social Networks dieser Welt, die er nicht müde wird zu kritisieren -, ist das der Awareness-Lutscherei. Leute verlinken nur deshalb auf sein (großes) und anderer Leute Blogs, um damit von den Lesern der Blogs Aufmerksamkeit zu erhaschen. Aber sind wir mal mutig (ehrlich?).

Verhält sich da nicht vielleicht sogar etwas analog zu der Situation, dass große Webseiten Angst hätten, ihren Besucherstrom zu sehr von sich wegzuleiten. Nur von den großen Bloggern, die von Linkhurerei schreiben, mag das keiner aussprechen, oder nur wenige? Ob von denen nicht tatsächlich jemand Angst hat, in die Bedeutungslosigkeit zu versinken? Das sage ich bewusst provokativ und selbstbewusst, als Blogger eines kleinen Blogs, der jedenfalls nicht daran Schuld trägt, dass die Blogbar stetig Links verliert. Denn, wann immer ich mich thematisch mit Don Alphonso auseinander gesetzt habe, habe ich einen Link gesetzt. Und so halte ich es im Übrigen mit allen anderen Blogs. Ich habe keine Vorurteile diesbezüglich und kenne da keine Berührungsängste. Ich sage aber an dieser Stelle auch, das man in keinem Fall Pauschalurteile abgeben kann. Es gibt genug große Blogs, die anders handeln. Weiß gibt bspw. Netzwertig und die anderen Blogwerk-Blogs als Gegenbeispiele an.

Verlinken ist unseriös?

Es gibt aber noch ein anderes Verhältnis von Oben und Unten. Es gibt nämlich Leute, die denken, dass Verlinken nicht gut sei, weil es ihrem Image schade, bzw. ihre Unprofessionalität zum Ausdruck brächte. Und es gibt solche, die mit Verlinken weitere Vorurteile verknüpfen. Wann immer von Linkaktionen die Rede ist, wird meistens von Spaßaktionen gelästert und es wird eine andere Sicht von oben nach unten deutlich.

Das geht in diesem Fall nicht nach dem Technorati-Ranking, sondern vielmehr nach dem Kontext der BloggerInnen. Ich spreche hier von Professionals und Laien. Es gibt in der Blogosphäre durchaus einige Köpfe, die in dem, was sie tun, besonders viel Wert auf Etikette legen. Da geziemt es sich nicht, zu verlinken, weil das dem Bild der Professionalität widerstrebt, die man gerne vor sich herträgt. Blogtexte sind mitunter geprägt von einem anderen Schreibstil, der nicht journalistisch ist, und damit (zu Unrecht?) als laienhaft abgestempelt wird. Das gilt im Übrigen auch für Anbieter klassischer Printmedien. Ich wurde selbst ein Mal an einer Stelle gebeten, einen Blogbeitrag zu korrigieren, weil die genannte Person oder das genannte Unternehmen sich nicht neben einer umgangssprachlichen Wendung von mir wiederfinden wollte.

Neublogger und Netzbürger

Doch das ist bei weitem nicht der letzte Aspekt, den man beim Verlinken zu bedenken hat. Einige der Kommentare bei Neunetz haben mich auf den Gedanken gebracht. Und zwar gibt es Blogs, die bereits Jahre aktiv sind, und wieder andere, die erst seit kurzem “online” sind. Der wohl typische Grund, warum manche Leute erst spät(er) mit dem Bloggen angefangen haben, ist wohl derjenige, dass sie vielleicht keine allzu ausgeprägte Affinität für Technik haben. Man kennt sich nicht aus. Das heißt aber auch, man kennt sich nicht mit den Gepflogenheiten oder dem Spirit, dem Verve, dem Habitus aus, den das Internet von Beginn an gefördert hat, nämlich das Verlinken.

Allerdings werden solche dann in dieser Diskussion ebenfalls schnell übersehen und mit in den Topf gesteckt, von Leuten, die aus besagten und anderen Gründen nicht verlinken. Diejenigen, die wenig technikaffin sind, werden eher ungewollt das Verlinken vergessen, bzw. sind nicht daran gewöhnt. Aber solche Phänomene gibt es ebenfalls woanders, zum Beispiel im akademischen Feld im Bereich wissenschaftlicher Studienarbeiten. Studierende, die vorher vom wissenschaftlichen Betrieb nichts oder nur wenig kannten, muss man erst daran gewöhnen, Literaturverweise zu machen. Es gibt, um das Bild vom Netzbürger noch zu vervollständigen, noch solche, die zwar schon länger dabei sind, aber ebenfalls wenig mit einer Netzkultur des Verlinkens zu tun haben. Diese haben oft ihr Blog nicht selbst eingerichtet, sondern benutzen einen Bloghoster wie Blog.de, Blogigo und ähnliche. Manche nennen sich Rebellen, sind aber nicht über die Gesetze des Marktes informiert.

An diesem Punkt muss ich jedoch sagen, dass ich die andere Meinung auch akzeptieren kann. Ich glaube nicht, dass wir Leute dazu “zwingen” können, Links auf andere Beiträge zu setzen. Würden wir das tun wollen, müssten wir mit Reglementierungen auf anderen Ebenen rechnen. Dies jedoch würde die/andere Freiheiten einschränken, von denen wir ebenfalls gebrauch machen.

Der Rest vom Linkfest

Ich gebe zu, dass ich bewusst oft die andere Seite ausgeblendet habe, um meine Position zu stärken. Denn natürlich gibt es Linkhurerei, und natürlich gibt es Spammer, vor allem solche in der zwielichtigen, weil nur obskuren, drittklassigen Werbeindustrie, die Werbung unterbringen möchten, ohne dafür zu zahlen. Und natürlich gibt es auch Spaßaktionen en masse – doch wer bitteschön soll sich an solchen Spaßaktionen stören, die niemandem wehtun?! Mein eigener Standpunkt in Sachen Verlinkung sollte deutlich geworden sein. Ich bin dafür und nicht dagegen, weil ich die Vorteile hervorgehoben haben möchte. Dieser Blogartikel ist ein Beitrag dazu, für meine Haltung gegenüber dem Verlinken zu werben.

Weitere positive Argumente für das Verlinken hat die bereits erwähnte Christina Schulzki-Haddouti zusammengetragen. Mir gefällt es besonders gut, dass dort die Medaille bewusst zur anderen Seite gewendet wird. Indem man nämlich sagt, dass ein Medienschaffender sich mittels der Verlinkungen auch auszeichnet als jemand, der besonders viel weiß, bzw. sich mit der Materie beschäftigt hat. Ich finde diese Perspektive nur zur begrüßen. Allerdings sei hier darauf verwiesen, dass wir die Medienkompetenz aller Teilnehmer stärken müssen, damit diese Perspektive auch halten kann, was sie verspricht. Denn ich kann die Skepsis mancher Leute durchaus nachvollziehen. Die Link-Revolution könnte nämlich genauso gut in einem Fiasko enden. Dazu sei nur an die Situation an deutschen Hochschulen bis in die späten 1970er Jahr hinein erinnert. Studierende haben Magister- und Diplomarbeiten angefertigt, die sich durch besonders umfangreiche Literaturverzeichnisse auszeichneten. Diese Verzeichnisse waren jedoch oft nicht mehr als Augenwischerei. Denn die Studierenden hatten nicht etwa 200 Bücher und Aufsätze gelesen, sondern lediglich die Zettelkästen ihrer Universitätsbibliotheken zu ihren Gunsten bemüht. Heute können sie das nicht mehr. Denn es wird Wert darauf gelegt, dass nur solche Verweise erscheinen, die im eigenen Text Verwendung fanden. Wenn wir dies für die Blogosphäre und Onlinemedien sicherstellen können, dann dürfen wir getrost einer Link-Revolution fröhnen.

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Kategorie Media · Autor Alexander Trust · 1 Kommentar


Ein Kommentar

  1. Kommentar von prinzzess
    July 10, 2008 · 9:59 am

    hm…ich verlinke gern und fleissig. ist das nun uncool?
    meiner meinung nach ist es nur fair, zu verlinken, wenn man andere seiten erwähnt…

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