Sprache in den Neuen Medien (4)
Wie in Teil 3 der Reihe angekündigt, wollen wir uns zunächst damit beschäftigen, was den Computer als Medium (oder technischen Apparat) nach Sybille Krämer ausmacht.
Neue Qualität der Kommunikation
Wir kennen zwei typische Formen der Kommunikation. Die eine ist oraler Natur, prototypisch das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, auch Face-2-Face-Kommunikation genannt. Die andere Situation ist jene, die durch einen Text vermittelt entsteht, eine Lektüre. Im direkten Gespräch ist eine sehr persönliche Umgebung vorhanden.
In der leiblichen Präsenz der miteinander Redenden fallen Kommunizieren und Interagieren zusammen. (S. 86)
Die über den Computer als Medium vermittelte Kommunikation, so der grundsätzliche Gedanken von Sybille Krämer bietet eine Kommunikationsform,
die sich auf signifikante Weise von den uns vertrauten Situationen und Mustern mündlicher oder schriftlicher Kommunikation unterscheidet. (Ebd.)
So weit richtig, mit der Anname der hybriden Kommunikationsformen. Der Rest muss nicht unbedingt wiedergegeben werden, auch aus dem Grund, weil im Jahr 1998 zum einen die computervermittelte Kommunikation noch eine andere war. Zum anderen jedoch, weil bei unheimlich vielen Ausführungen – das werden wir später noch bei der Thematisierung der Einzelmedien merken – von wissenschaftlicher Seite, zu diesem Tenor sind wir in den Seminardiskussionen gelangt, ein Technikverständnis zugrunde gelegt wird, das davon zeugt, dass die Urheber der Gedanken nicht unbedingt den intuitivsten Zugang zum Medium haben.
Realität ist medial vermittelt
Ein Text von Martin Seel, der in demselben Sammelband erschien, wie der zuvor verwendete Text von Sybille Krämer – er nimmt sich speziell der Situation an,
welche Rolle die neuen, elektronischen Medien in der menschlichen Welterschließung spielen. (S. 245)
Doch ehe Seel, dessen Beitrag durchaus medienphilosophisch genannt werden kann, darauf zu sprechen kommt, klärt er darüber auf, dass der Zugang zu dem, was wir Realität nennen, medial vermittelt ist. Für uns gibt es keine erfahrbare Realität ohne Medien. Außerdem versucht er, über die Tragweite dieser Vorstellung Auskunft zu geben – was bedeutet das eigentlich, dass aller Zugang zur Welt medial vermittelt ist?! Wir müssen uns an dieser Stelle nicht weiter Gedanken über die philosophischen Abgründe machen. Doch ein jeder kann zumindest ein Mal versuchen, darüber nachzudenken, ob er dieser Position zustimmt. Sie ist quasi seit Kant etabliert und aus der akademischen Vorstellungswelt nicht mehr wegzudenken. Alle Erfahrung die wir machen, wir machen sie durch Medien. Dabei sind natürlich nicht primär die technischen Medien von heute gemeint, obwohl wir mittlerweile erleben, dass diese einen besonders hohen Stellenwert in unserem Leben einnehmen, und fast nichts mehr ohne Technik geht, bzw. zu gehen scheint. Wer diesen Gedanken nachvollziehen kann, ist ein gutes Stück weiter, die wissenschaftliche Denkwelt zu durchdringen.
Das heißt freilich nur, dass das Erfahrbare medial vermittelt ist, und eben nicht, dass es keine Welt ohne Medien gäbe (vgl. ebd. S. 250).
Der umfassende Computer
Martin Seel möchte den umfassenden Computer, wie er ihn nennt, als Prototyp der Neuen Medien vorstellen. Umfassend ist er deswegen, weil wir mit ihm so viel anstellen können, er übernimmt Funktionen von Radio, TV, CD-Player, etc. pp. Seels Text stammt, wie auch der von Sybille Krämer aus einem Sammelband aus 1998. Es wäre interessant, folgende Aussage Seels auf den Prüfstein zu stellen.
Dieses, wie es in der Sprache des Marktes heißt, ‘konvergente’ Gerät, mit dem man Spiele spielen und Bankgeschäfte erledigen, technische Anlagen steuern oder ein Zeitungslayout herstellen kann, ist eine Maschine, wie es sie heute im wesentlichen gibt, auch wenn sie für die meisten von uns im Moment noch ein bißchen zu teuer ist. (S. 256)
Wir sind heute 10 Jahre weiter und die Rede ist von Eee-PCs und Netbooks, von OMCs und anderen. Viel mehr Menschen finden den Zugang zu umfassende(re)n Computern. Die Annahmen von damals, werden heute umso deutlicher erfahrbar. Dennoch entlockt mir vor allem der letzte Halbsatz ein Schmunzeln. Denn ich glaube, dass schon 1998 eine nicht unwesentliche Anzahl von Personen mit einem umfassenden, da multifunktionalen und multimedialen, Computer gearbeitet haben.
Der Computer wird von Seel wie folgt unterschieden. Er ist ein nicht-natürliches Medium, anders als z. B. das Licht. Er ist außerdem, anhand einer relativen, besser kontingenten Kategorie, ein unverzichtbares Medium. Wir hatten im ersten Beitrag der Reihe bereits die Einteilung 3 + 1 kennen gelernt. Seel verwendet eine ähnliche Unterteilung, in Wahrnehmungs-, Handlungs- oder Darstellungsmedien. Der Computer ist indes nicht nur nach Seel ein Medium, dass die drei Funktionen miteinander vereint und damit zum Kommunikationsmedium wird. Der umfassende Computer ist zudem nach Seel ein inklusives Medium, und kein exklusives, insofern als er Leistungen anderer Medien zu bündeln versteht. Wir merken immer auch, wie willkürlich manche Differenzsetzung erscheint.
Wir wollen uns dann im nächsten Teil, dem wohl letzten Theorieteil, noch, aber wohl nicht nur, mit dem Verhältnis des Computers zur Realität auseinandersetzen.
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Kategorie Media, Science · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
