13. July 2008

Sprache in den Neuen Medien (5)

In dieser Folge von Sprache in den Neuen Medien wollen wir unter anderem erörtern, wie der umfassende Computer, wie wir ihn zuletzt kennen gelernt haben, unser Verhältnis zur Realität beeinflusst. Noch mal zusammenfassend mit den Worten Martin Seels:

Unser integrierter Computer ist ein nichtnatürliches, historisch und kulturell zunehmend unverichtbares inklusives Medium. Dieses verschäfrt die multimedialen Verhältnisse, in denen wir immer schon stehen. Wir haben hier ein Multimedium, das ganz unterschiedliche Medien in einen Gebrauch zusammenführt und dadurch eine durchaus neuaetige Form der Weltbegegnung schafft. Was für eine Begegnung ist das? Wie sieht die Wirklichkeit aus, die uns der umfassende Computer eröffnet? (S. 258f.)

Unerhörtes

Der integrierte Computer, der umfassende Computer – Martin Seel findet einige Bezeichungen, die schon im Wort selbst auf etwas hindeuten, das ein verändertes Verhältnis der medialen Situation zur Realität anzeigen. Wir werden mit einem Internet-Rechner in die Lage versetzt, Ort und Zeit zu manipulieren, können überall und nirgends sein. Zwar hatten wir, so Seel, die Aufhebung von Ort- und Zeitgrenzen schon mit anderen Medien erreicht, jedoch nie in einer solchen Qualität. Das Wesen des Mediums weist eine Unschärfe aus. Der Nutzer, und sei er noch so versiert, ist nicht mehr in der Lage eine Situation vollständig zu erschließen. Wo genau kommen die Daten her, auf die man gerade zugreift. Sind sie fingiert? Finden sie an echten Schauplätzen statt?

Reichweite spielt in zwei Aspekten eine Rolle. Wir überbrücken Zeit und Raum, aber gleichzeitig erreichen wir auch unheimlich viel mehr Rezipienten als über die bisherigen Telemedien. Doch die medialen Erfahrungen haben eine andere Qualität. Denn:

Die ‘Situation der Erfahrung’ ist hier nicht länger deckungsgleich mit der ‘erfahrenen Situation’ [...]. (S. 259)

Neue Medien und Realität

Außerdem verliert, so Seel, die reale Situation immer “mehr an Gewicht gegenüber der virtuellen medialen Situation.” Weil dies so ist, bekommt die Realität, bzw. das, was wir als Realität annehmen, eine andere Funktion als noch davor. Und ist Realität nicht länger als Gegenspieler, “sondern allein noch als Produkt medialer Weltgewinnung denkbar.” Das sind Annahmen, denen man zwar zustimmen kann, aber nicht muss. Seel schreibt:

Demgegenüber möchte ich die These verteidigen, daß die Neuen Medien zwar eine radikale Erweiterung des bisherigen Mediengebrauchs darstellen, aber mehr auch nicht. (S. 261)

Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Martin Seel 1998 nicht denkbar gewesem ist, dass der umfassende Computer so weit ins Zentrum de medialen Interaktion rücken könnte, dass “die Differenz zwischen Wahrnehmungssituation und wahrgenommener Situation” (S. 262) eines Tages verwischt. Ich bin davon nicht ganz so eindeutig überzeugt, wie Seel, auch aus Gründen, die ich Anfang März in dem Beitrag “Was, wenn wir uns an die Simulation gewöhnen?!” festgehalten habe.

Gerade aber der Charakter der Simulation – der Computer ist ein Bild-Medium -, lässt für Seel dauerhaft eine Unüberbrückbarkeit “zwischen leiblich erschlossener und digital eröffneter Wirklichkeit” (S. 263) untilgbar sein.

Sprachvergessenheit

In einem weiteren Aufsatz, der uns zur Lektüre im Seminar “Sprache in den Neuen Medien” vorgelegt wurde, den ich allerdings schon kannte, referierte ein Hochschulprofessor an der RWTH, Herr. Prof. Dr. Ludwig Jäger, über die Sprachvergessenheit in den Medientheorien. Dieser Aufsatz, bzw. das Verständnis desselben ist stark gekoppelt an Voraussetzungen. Man müsste sich in der (Medien-)Philosophie ein wenig auskennen, um die Zusammenhänge auch zu deuten. Die Lektüre fällt, je nachdem, mal leichter und mal schwerer. Grundsätzlich fasst Herr Dr. Jäger drei Diskurse in den Medientheorien auf und beschreibt, inwieweit jeder von ihnen, die Sprache als Archemedium nicht berücksichtigt. Umgekehrt erläutert er ebenfalls die Medienvergessenheit des zu der Zeit (2000) aktuellen Diskurses in der Linguistik, die vor allem ein Bild von einem Subjekt zeichnet, das Sprache im Innern produziert und anwendet (Mentalismus) ohne ein externes Objekt nötig zu haben. Medien geraten in dieser Perspektive in den Hintergrund.

Für die Gedanken zu der Artikelserie ist der Text insofern von Belang, als dass er auch eine Art Arbeitsauftrag formuliert hat. Denn die Untersuchungen, die wir im Kontext des Seminars uns angesehen haben, sie sind zum Teil auch Antworten auf die Frage, inwiefern Medien die Sprache, aber auch die Sprache die Medien beeinflusst.

Der nächste Teil der Reihe wird das Handwerkszeug an Begriffen vorstellen, mit dem die allermeisten der Einzelmedien-Untersuchungen hantieren. Das ist vor allem die Trias Medium im Unterschied zur Kommunikationsforum im Unterschied zur kommunikativen Gattung. Die Differenzierung stammt aus einem Text von Christa Dürscheid aus 2005, den man online einsehen kann.

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