Sprache in den Neuen Medien (6)
In einem Beitrag vom 18ten Mai war ich bereits ein Mal kurz auf den nachfolgend zugrunde liegenden Text von Christa Dürscheid eingangen. Damals habe ich lediglich die Frage formuliert, bzw. die Kritik geäußert, dass E-Mail als grundlegendes (basales) Kommunikationsmedium im Internet bereits nicht mehr anzunehmen ist. Primär geht es jedoch Christa Dürscheid (2005) um die Unterscheidung der Begriffe Medium, Kommunikationsform und kommunikative Gattung.
Chat als Kommunikationsform
Über den Medienbegriff haben wir uns in den vorhergehenden Teilen der Artikelserie weißgott genug ausgelassen. Auch Frau Dürscheid gibt zunächst einige Medienkonzepte an, von denen sie sich in der Folge für das technologische Medienkonzept entscheidet. Es macht Gebrauch von dem Medium als technischen Apparat, wie wir es bei Sybille Krämer kennen gelernt haben und zudem von der Charakterisierung des 3 + 1 Zustands, einem Kommunikationsmedium, das Wahrnehmung, Speicherung und Bearbeitung, sowie die Übertragung in sich vereint.
Was nun ist eine Kommunikationsform? Wenn wir uns das Mobiltelefon vorstellen, dann ist es das Kommunikationsmedium. Telefonieren, Simsen, usf. hingegen sind Kommunikationsformen, die man auf dem technischen Kommunikationsmedium einsetzt. Der Chat ist demnach eine Kommunikationsform des (umfassenden) Computermediums inklusive Internetanschluss. Mailen oder Bloggen sind im Übrigen ebenfalls Kommunikationsformen.
Wie unterscheidet man Kommunikationsformen?
Die folgenden Eigenschaften sind konstitutiv oder zumindest relevant für Kommunikationsformen, sie können anhand dieser auch unterschieden werden (hier für das Beispiel Chat):
- Zeichentyp: geschriebene Sprache
- Kommunikationsrichtung: dialogisch
- Anzahl der Kommunikationspartner: variabel
- räumliche Dimension: Distanz
- zeitliche Dimension: quasi-synchron
- Kommunikationsmedium: Computer
Bei der Anzahl der Kommunizierenden kommt es vor allem auch auf die Frage an, ob eins zu eins kommuniziert wird, oder ob einer mit vielen kommuniziert (das prototypische Verhältnis für Massenmedien). Als quasi-synchron wird der Chat bezeichnet, da die Chatter
ihre Beiträge über die Eingabetaste ab[schicken], die Mitchatter sehen diese unmittelbar danach auf ihrem Bildschirm und können sofort darauf antworten.
Warum man die beinahe in Echtzeit stattfindende Kommunikation dann einschränkt, und sie nur quasi-synchron sein lässt, liegt daran, dass die Chatpartner nicht mitbekommen, wie die Gegenüber die Nachricht eintippen. Es bleibt keine Option zum Intervenieren, Unterbrechen oder sich gleichzeitig Äußern.
Kommunikative Gattung: Experten- und Beratungschat
Das Konzept der kommunikativen Gattung stammt ursprünglich aus der Wissenssoziologie, hat aber in die Linguistik Einzug gehalten (vgl. Dürscheid). Es beschreibt eine institutionalisierte Lösung kommunikativer Probleme. Man kann das Konzept der kommunikativen Gattung abgrenzen von z. B. der Textsorte. In der Analyse von Gattungen kann man 3 Ebenen unterscheiden, die Außenstruktur, die Binnenstruktur und die intersubjektiv-situative Zwischenstruktur. Erstere umfasst den Kontext, nachfolgende “die verbalen und non-verbalen Bestandteile des kommunikativen Geschehens.” Die zuletzt genannte kann als Interaktionsebene verstanden werden – man analysiert hier Dinge wie Redezuteilung, Sprecherwechsel etc.
Wenn wir, wie Christa Dürscheid, den Chat als Kommunikationsform annehmen, dann sind der beispielsweise der Expertenchat oder der Beratungschat als kommunikative Gattungen zu kennzeichnen. In ihnen kann man verfestigte Handlungsmuster ausmachen. Nicht jeder Chat indes kann als kommunikative Gattung interpretiert werden. Denn es kommt vor allem darauf an, dass wir es a) mit einem dialogisch ausgerichteten kommunikativen Geschehen zu tun haben, und b) ein verfestigtes Handlungsmuster dem Chat zugrunde liegt.
Es gibt, wie eigentlich überall, andere Meinungen bezüglich der Einteilung von Chat als einer Kommunikationsform. Dürscheid dazu:
Der Chat als Ganzes ist eine Kommunikationsform, keine kommunikative Gattung. Würde man den Chat als eine kommunikative Gattung betrachten, dann könnte man nicht der Tatsache Rechnung tragen, dass es im Chat unterschiedliche, bereits verfestigte Interaktionsmuster gibt.
Im nächsten Teil der Reihe werden wir uns bereits mit Ergebnissen aus der Forschung auseinander setzen, und zwar wird es um Sprache und Kommunikationsformen in Newsgroups und Mailinglisten gehen. Zugrunde gelegt wird der gleichnamige Text von Wilfried Schütte aus dem Jahr 2000.
Hinzufügen zu del.icio.us, Mr. Wong, LinkARENA, SEOigg
Tags Christa Dürscheid, Kommunikationsform, kommunikative Gattung, Linguistik, Medien, Medientheorie, Medium, Sprachwissenschaft
Kategorie Media · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare
