Über die Beliebigkeit von Kritik

Veröffentlicht am  22. Juli 2008 von  

Es gibt ein Buch – manche würden es populärwissenschaftlich nennen – das hat ein Anliegen zur Diskussion gebracht und der Autor kommt zu dem Schluss, dass Umweltkritik Gesellschaftskritik sei. Der Autor heißt Ulrich Beck, und manche Zeitgenossen werfen ihm vor, er sei der Wolfgang Hohlbein der Soziologie, weil sie mit dem Lesen seiner vielen Veröffentlichungen nicht mehr nachkommen. Es lässt sich natürlich vortrefflich streiten über manche Dinge, doch Beck hat in dem Buch, das mir zumindest in Form von Thesen im Grundstudium der Soziologie begegnete, eines deutlich gemacht, nämlich, dass Umweltkritik Gesellschaftskritik ist.

Begriffe von Natur

Das wovon wir heutzutage als Natur sprechen, so Becks Einwand, ist gar nicht mehr ursprüngliche Natur. Natur ist vielmehr ein Rückzugsgebiet geworden, und vor allem sind die Ansprüche kulturell überformt. Flüsse sind begradigt, alle Wälder in unserer Gegend sind keine Ur-Wälder mehr, sondern in irgendeiner Zeit vom Menschen angelegt und wieder gewachsen. Manche Phänomene werden anhand von statistischen Werten erläutert und sind überhaupt nicht fassbar, und trotzdem laufen manche Leute dagegen Sturm. Der Wald um die Ecke soll nicht abgeholzt werden, zum Beispiel – und doch ist der Einwand quasi unnütz, weil der Wald, wie er dort um die Ecke steht nichts rein naturwüchsiges mehr ist.

Kosten des Sichtbarmachens

Doch kommen wir zu dem, was mich an den Gedanken von Beck hat erinnern lassen. Ich bin dabei auszumisten und blättere in meinen Unterlagen der Schulzeit. Ich habe just diese vor mir, die aus dem Biologieunterricht stammen. Dort wird mir das menschliche Ohr gezeigt, dort werden mir Zellhaufen nahe gelegt, dort wird mir noch vieles andere präsentiert. Auch solche Dinge z. B. wie Frequenzen vom Herzschlag oder Hirnwellen. Dies Alles konnte mir präsentiert werden, weil es sichtbar gemacht wurde.

In einem Seminar der Sprachwissenschaft an der Hochschule von Prof. Dr. Jäger ging es einmal darum, dass wir Dinge erst für unsere Wahrnehmung präparieren müssen – wir machen etwas sichtbar, das für uns unsichtbar war. Pulsmesser zeigen uns etwas, das ohne ihre Hilfe nicht in unser Bewusstsein dringen könnte. In dieser Funktion können wir den Pulsmesser in irgendeiner Form auch als Medium denken (vgl. die Serie “Sprach in den Neuen Medien” auf diesem Blog).

Kritik ist beliebig

Doch worauf ich hinaus will, es steht bereits im Titel und das Geschrieben bis hierhin sollte mir verdeutlichen helfen, worum es mir geht. Kritik, so sage ich, ist beliebig. Nehmen wir uns ein Beispiel. Es gibt heutzutage viele Menschen, die über ethische oder moralisch Fragen debattieren. In manchen Ländern ist das Klonen von embryonalen Stammzellen verboten. Kritiker, die sich dagegen sträuben, wirken unglaubwürdig. Warum? Nun, das möchte ich gerne erläutern.

Wenn wir uns angucken, was wir im Biologieunterricht lernen, und was uns dort präsentiert wird, müssen wir uns vor Augen halten, welchen Preis das Ganze gekostet hat. Abbildungen des Ohres, samt Steigbügel, Hämmerchen, etc. pp. haben wir nur, weil Menschen einstmals – tod oder lebendig – seziert wurden. Wir schlucken Tabletten, glauben an die Medizin und doch kritisieren wir etwas, weil wir ein ethisches Bedürfnis damit ausdrücken. Und eigentlich ist die Kritik dieser Menschen, die gegen das Klonen von embryonalen Stammzellen sind, ebenfalls nur Gesellschaftskritik. Kritik also, die den derzeitigen Zustand des Lebens dieser Leute bemängelt. Wir können in ganz andere Bereiche blicken (die Ökonomie z. B.) und stellen, wenn wir uns diesen Blick erlauben, fest, dass wir von einem Punkt aus Dinge kritisieren, die bereits längst durch andere Dinge institutionalisiert oder geschaffen, eingerichtet, wie auch immer wurden, die wir zwar hätten kritisieren können/sollen/müssen, nicht aber kritisiert haben.

Kontingenz durch Historizität

Das liegt auch daran, dass wir nicht in der Lage waren, sie zu kritisieren, weil sie vor unserer Zeit geschehen sind, beispielsweise. Doch wenn man in der heutigen Zeit aufwächst, sollte man anfangen, ein neues Selbst-Bewusstsein zu entwickeln, in der Art, dass man sich klar darüber wird, wie opportun eigentlich all unsere Fingerzeige wirken. Es soll nicht bedeuten, dass wir nicht trotzdem ein Bedürfnis haben, die Welt so einzurichten, wie wir gerne darin leben wollten. Doch irgendwie wirken alle unsere Argumente, wenn wir sie ins richtige Licht der Geschichte stellen beliebig.

Diese Einsicht ist mir, wie oben bereits erwähnt, beim Durchblättern meiner alten Biologieunterlagen gekommen. Und ich bin positiv überrascht, was die Tätigkeit, Unterlagen dem Altpapier zuzufügen, doch an kreativem Potential freisetzen kann. Vielleicht sollten wir alle mal ausmisten, um auf neue Ideen zu kommen.

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