Auf der Suche nach Politik
{2}Ich könnte schreiben, dass wir auf der Suche nach Politik in der Blogosphäre sind. Die, die wir damals den politischen Blogkarneval aus der Taufe gehoben haben, hatten dieses Anliegen. 56 Beiträge mit Gedanken und Analysen sind damals dabei entstanden.
Kulturelle Unterschiede – wir sind keine Patrioten
Der Spiegel im Print und Online mit ihrer Rede von den Beta-Bloggern haben dieses Ansinnen nicht gehabt. Sie waren nicht auf der Suche nach politischen Bloggern. Der Artikel ist aber trotzdem keine Kritik an der Blogosphäre geworden, sondern eine Rede dafür, dass Deutschland kulturell anders gewachsen ist, als Amerika oder Japan. Wir leben keinen Patriotismus, trotz Fußball-Weltmeisterschaft bei Freunden, und trotz eines befreundeten Projektes, in dem ich selbst ein Essay beisteuerte, das sich explizit gegen das Konzept Leitkultur wendet.
Nicht zwei, sondern viele Farben
In Amerika ist es einfach, politisch zu sein. Man ist entweder Demokrat oder Republikaner. Dazwischen gibt es bald nichts mehr. In Amerika kann man ohne Weiteres gegen den derzeitigen Präsidenten wettern, weil man die andere Hälfte der Gesellschaft gegen sich hat. In Deutschland ist das Verhältnis etwas anders. Sich öffentlich politisch zu bekunden ist nicht unbedingt immer schick. Wer in der Partei war oder ist, kann durchaus Glück haben, bei der Suche nach einem Job – hat man sich jedoch für die falsche Partei engagiert, kann es einem ebenso unglücklich ausgelegt werden.
Autorität darstellen, aber wie?
Wenn man von den Neuen Bundesländern absieht, gibt es viele Leute, die im Westen so etwas wie eine konservative Gottesfürchtigkeit leben. Veränderungen im wirklichen Leben, jenseits des Kirchgangs sind außerdem schwer zu bewerkstelligen. Aber diese Zaghaftigkeit im Denken führt auch dazu, dass neue Autoritäten nur schwer Fuß fassen können. So heißt es denn auch in dem Spiegel-Artikel, dass uns als Bloggern die Autorität fehle. Nun, das hängt konkret mit dem konservativen Umgang der Deutschen mit dem Medium zusammen.
Kommt Zeit, kommt Rat
Es geht nur mit Ausdauer. Denke ich, und kann mich damit arrangieren, dass man viel Zeit brauchen wird, um die Leute in Deutschland davon zu überzeugen, dass auch Blogger etwas auf dem Kasten haben können. Jeder und Jede von uns ist ein Mensch aus dem richtigen Leben. Ob wir Handwerker sind, Hobbyspezialisten oder (angehende) Akademiker. Jeder von uns teilt den anderen mit, was er weiß, oder – was er denkt. Diese Gedanken sind nicht weniger Wert, nur weil sie nicht die Worte eines Journalisten sind. In Amerika scheint man das akzeptieren zu können. In Deutschland geht das noch nicht.
Selbstzüglichkeit zum Trotz
Ich sage noch, denn ich glaube fest, dass auch hierzulande sich eine Bloggerkultur einrichten wird, die Dinge bewegen kann, wenn, ja wenn wir unser Ding tun, und sei es auch noch so selbstbezüglich – nicht wahr, Herr Alphonso? – Doch gerade das ist doch, was in USA, so wird im Artikel ein US-Topblogger zitiert, gerne gelesen wird. Wir haben hier von jedem etwas gehabt, haben uns oft schon mit der Bildungspolitik auseinandergesetzt, mit dem Web und seinen Produkten und Köpfen. Mit ganz Banalem und ziemlich Ernstem.
Wenig Resonanz
Aussagen, die ich zum Bildungssystem in Deutschland gemacht habe, weil ich mich während meines Soziologiestudiums damit auseinandersetzte, oder andere Inhalte meines Studiums, die ich mit der Blogleserschaft teilte – jeder kann sie nachlesen, und wann immer sich Möglichkeiten bieten, werde ich nicht müde, Dinge zu wiederholen, damit sie sich einprägen. Doch gerade diese Beiträge waren es, die am wenigsten Resonanz erfahren haben. Es schlummern in der Blogosphäre mit Sicherheit einige Gedankenperlen, die die entsprechenden Blogger niedergeschrieben haben, von denen aber nur wenige Notiz genommen haben.
Zu wenig Substanz
Es gibt auch Jungblogger in Deutschland, doch die meisten sind mit Technik-Kram beschäftigt (gerne lass ich mich da korrigieren, und “Kram” möchte ich nicht negativ gewertet wissen, ich mag nämlich den gleichen Technik-Kram). Die politischen Aussagen in der Blogosphäre kommen von Leuten, die alle nicht mehr als Nachwuchs bezeichnet werden können. Wenn wir perspektivisch gucken möchten, um uns die Blogosphäre in einem Jahrzehnt zu denken, wird es eng. Hier wären wir aber wieder beim Bildungssystem auf der einen Seite und bei der gesellschaftlichen Verfassung auf der anderen. Denn wir geben uns damit zufrieden, dass der Nachwuchs trotz gymnasialer Laufbahn nicht richtig Schreiben und Rechnen kann. Und wir erzeugen kein politisches Interesse.
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Tags Bildung, Bildungssystem, Blogger, Blogosphäre, Kultur, Politik
Kategorie Media, Politics · Autor Alexander Trust · 2 Kommentare

July 23, 2008 · 9:16 pm
>> Kommt Zeit, kommt Rat
>> Jeder von uns teilt den anderen mit, was er weiß, oder – was er denkt.
>> Diese Gedanken sind nicht weniger Wert, nur weil sie nicht die Worte
>> eines Journalisten sind. In Amerika scheint man das akzeptieren zu können
Ich weiß nicht ob das wirklich so ist mit dem Wert eines Gedanken. Vor einigen Jahren habe ich mal einen Spruch gelesen, der sich folgendermaßen wiedergeben lässt: “Wer weise ist lernt auch aus Dummheit”. Nun das würde schonmal ein wenig Wert in manche Artikel reinzaubern, andererseits hat sich der Begriff “Dilettant” nicht ohne Grund entwickelt.
Die kommunistisch anmutende Idee der Wertgleichheit in Bezug auf Gedanken ist nett, aber mehr auch nicht.
July 23, 2008 · 9:29 pm
Es ist auch nicht so, als wollte ich gänzliche Hierarchie aus der Sache herausnehmen. Aber unsere mediale Aufmerksamkeit wurde zu sehr durch den Journalismus gelenkt, der selbst aber nur wenig kritisiert wurde. Man kann das Argument jederzeit gelten lassen, wenn man von oben nach unten spricht. Bzw. man kann sagen, dass ein Mal gut, nicht unbedingt immer gut ist. Journalismus hat sich entwickelt und ausgebildet in der Zeit der Industrialisierung. Heutzutage zeigen uns aber auch Journalisten selbst, dass wir diese Institution lieber in Frage stellen sollten, weil sie ihren Auftrag nicht erfüllt, und zum Teil eben wegen der Umstände nicht mehr erfüllen kann.
Ich persönlich finde nicht, dass das Wort eines Journalisten, Projessors, Juristen, Mediziners per se mehr wert sein sollte, als von jemandem, der sich genauso auskennt aber eben nicht zum Ritter geschlagen wurde. Es gibt Leute, die erwerben Zertifikate (für Geld), es gibt andere, die haben das Wissen (nur eben nicht verbrieft), und letztere werden davon abgehalten, an die Zertifikate zu gelangen.
Wenn wir das Web als Element der Demokratisierung erfahren wollen, müssen wir ihm und seinen Teilnehmern auch mehr Kompetenzen einräumen. Warum soll jemand mit seinem Knowhow nicht wahrgenommen werden, nur weil er übers Web kommt?