Steht auf ihr faulen Hunde
Hessens Ministerpräsident Roland Koch wird wieder populistisch. Er fordert von den Deutschen, mehr zu arbeiten. Während ich ihn in manchen Punkten absolut nicht verstehen kann, und auch nie seine Meinung diesbezüglich teilen würde, finde ich doch, kann man sich mit einer Forderung nach mehr Arbeit im Land durchaus in die Nesseln setzen.
Wir lassen machen
Was Roland Koch dieser Tage wieder zu Protokoll gegeben hat ist zwar nicht populär, vor allem nicht bei Leuten, die in der Woche 40 und mehr Stunden arbeiten – und doch hat er irgendwo nicht ganz Unrecht. Zigarettenpause hier, Tratschen zwischen den Regalen dort. Das Phänomen Arbeit hat den Primat in der Gesellschaft zwar noch nicht verloren, bzw. ist wohl eher wieder dabei ihn zurück zu gewinnen, doch gesellschaftlich hat der Wohlstand der vergangenen Jahre eine Stimmung des Laissez Faire bei uns Deutschen bewirkt.
Primat der Arbeit
Mit Primat ist gemeint, das Arbeit einen besonders wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Stellenwert hat. Der Begriff entspringt der Sozialwissenschaft. Die Arbeitsgesellschaft, in der Arbeit das Leben einer Person ausmachte, Identität stiftete, hat sich laut sozialwissenschaftlichen Gesellschaftsstudien überlebt. Es gibt alternative Möglichkeiten der Identitätsfindung. Man ist nicht mehr nur “was”, weil man Arzt ist oder Bäcker. Die vollständige Ablösung ist diskutabel, und doch hat der Wohlstand dazu geführt, dass wir Arbeit auf die leichte Schulter genommen haben. Öfter mal die Beine hochlegen, manchmal etwas zu spät kommen, nicht ganz so genau sein. Bei der Inventur schlampen, zusätzlich zur Mittagspause auch noch 30 Minuten für 6 bis 8 Kippen während der Arbeitszeit, usw. usf.
Plackerei nur noch in der Generation Praktikum?
Die Gewissenhaftigkeit ist auf der Strecke geblieben. Natürlich gibt es auch eine grundsätzliche Verschiebung in der Zusammensetzung der arbeitenden Bevölkerung. Wir sind mehr und mehr zum Dienstleistungsstaat geworden, und trotzdem kann man als Papiertiger und Telefonierer getrost mal in die Hände spucken. Über die Jahre habe ich verschiedene Berufsstände kennen gelernt und es gibt immer welche, die etwas engagierter bei der Sache sind als andere. Der Grundtonus ist jedoch entspannter, wenn man nicht grad als Generation Praktikum der Esel ist, auf dessen Rücken 60 Stunden in der Woche abgearbeitet werden sollen. Am besten natürlich für wenig Geld, damit der Rest die Welt regiert.
Malochen war mal in
Unsere Rentner wissen, wie sie geplackt haben und wie sie Deutschland wieder aufgebaut haben, und auch andere Leute, solche mit Migrantenhintergrund kommen hierhin und sind fleißig, zumindest solche, die ernsthaft versuchen, sich eine Existenz aufzubauen. Denn sie wissen: Von nichts kommt auch nichts. Und wenn man dann manchen Postler hinter dem Schlater beobachtet, manchen Menschen, wie er oder sie Regale einräumen – kann man in der gleichen Zeit die Arbeit desjenigen und noch mehr erledigen. Nicht unbedingt die Meister, aber manche Handwerker werden pro Stunde bezahlt. Entsprechend dehnen Sie ihre Arbeitszeit künstlich aus.
Das Gleiche für weniger
Es gibt nämlich genügend freischaffende Handwerker, die keine Arbeitsverträge mit 35 oder 40 Stunden die Woche haben. Es gibt Leute, die kriegen innerhalb von 1er Woche einen Flur gestrichen und tapeziert, mit 2 oder 3 Mann. Es gibt auch solche Betriebe, die das an 2 oder 3 Tagen schaffen. An einem wird tapeziert, am nächsten trocknen die Tapeten und am übernächsten wird gestrichen. Der Dumme ist in den Augen vieler natürlich derjenige, der für die gleiche Arbeit dann am Ende weniger Geld kriegt, weil er nur 3 Tage, anstatt 5 oder 7 dafür gearbeitet hat. Trotzdem wundern sich viele, warum manches so teuer geworden ist. Ich sage, es hängt auch damit zusammen, dass wir mehr lari fari und wenig effizient arbeiten.
1 und 1 macht 3
An meiner Hochschule werden Stellen ausgeschrieben für Jobs, damit Leute Arbeit erledigen können, die die bereits angestellten 2 oder 3 nicht bewältigt kriegen. Wenn Müller, Meyer und Manzke allerdings ehrlich zu sich selbst wären, würden sie feststellen, dass die zusätzliche Stelle nur nötig ist, weil sie selbst zu faul sind. Ich sage zu faul, weil ich es meine. Und ich kenne auch wieder einen Kumpel von mir, der sich partout gegen dieses Argument von mir wendet, weil er der Meinung ist, dass Arbeit kein Muss ist. Bzw. eine andere Einstellung gegenüber dem Leben hat.
Fehlt der Ehrgeiz?!
Ich verspüre einen gewissen Ehrgeiz etwas erreichen zu wollen und möchte dafür reinhauen. Diese Mentalität des Reinhauens geht ihm ab. Er ist dafür gelassener im Leben. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Trotzdem denke ich, könnten sich alle mal an die Nase fassen, und sich fragen, ob sie nicht auch Spaß daran finden könnten “mehr” zu leisten. Die Produktivität unserer Arbeitenden Bevölkerung, und das ist wahrscheinlich das größte Problem, ist wenig ergiebig.
Bezahlung an Produktivität koppeln
Wenn das mal nicht ein politischer Blogbeitrag gewesen ist, der zudem noch ins richtige Leben hinein reicht. Beispiele, meine Freunde, lassen sich übrigens viele finden, aus allen Bereichen der Arbeit. Es gibt manche Menschen dort draußen, die sind bei der Gestaltung ihrer Freizeit engagierter, als andere bei der Arbeit. – Ich finde eine an die Produktivität gekoppelte Bezahlung, zumindest in Teilen, gar nicht so schlecht. Das hilft auch dem Beamtenapparat gewaltig auf die Sprünge. Die großflächige Privatisierung der Arbeitsvermittlung hat auch dazu geführt, dass mehr Jobs und Leute zusammen finden, und ich spreche gar nicht von solchen, die schlecht bezahlt werden, sondern von den anderen.
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Tags Arbeit, Arbeitsgesellschaft, CDU, Dienstleistungsgesellschaft, Effektivität, Primat, Produktivität, Roland-Koch, Soziologie
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