20. August 2008

Die Wissbegierde von sozial Schwachen

Heute Abend lief ich zum Bahnhof, ein paar Seitenstraßen von meinem neuen Wohnort entfernt. Ich benötige keine fünf Minuten mehr, ehe ich am Hauptbahnhof ankomme. Letzte Woche ging ich exakt denselben Weg schon ein Mal. Heute Abend dann ging ich ihn zum zweiten Mal.

Zum zweiten Mal um diese Uhrzeit holte ich meine Freundin von der Bahn ab. Auf dem Weg dorthin komme ich an einem Schaufenster vorbei, in dem eine Aachener Tageszeitung, nämlich die AZ, ihre jeweils aktuelle Ausgabe, zumindest den Mantel und Lokalteil aushängt, sodass Vorbeigehende die Artikel auf den druckgeschwärzten Seiten lesen können.

Leicht feuchte Luft, die nicht reif genug ist, dass sie vom Regen geschwängert genannt werden kann. Der Mond wird durch Wolken verhangen. Letzte Woche das gleiche Bild wie diese Woche, nur mit anderen Protagonisten. Heute war es ein Mann im Traingsanzug, der seine PLUS-Tüte fest umschlungen hielt und dem manch lauer Windzug die silbergrauen Haare von der Pläte fegten. Wer kämmt sich auch die Haare über die Glatze? Eitle Menschen vielleicht, wenig selbstbewusst wahrscheinlich.

Doch der Mann, der dort vor dem Schaukasten stand und sehr begierig die Nachrichten aufsog, er gehört einer Randgruppe an. Wir würden ihn wohl wegen seiner verwahrlosten äußeren Erscheinung als sozial schwach charakterisieren, ihn, wenn wir es nicht gut mit ihm meinten, den Stempel Prekariat aufdrücken. Ob’s wirklich so ist, kann ich nicht sagen. Ich meine es aber schon.

Und der Kollege von letzter Woche? Ein ähnlicher Typ, ein sozial Schwacher eben. Anders gekleidet, mit schmutziger Jeans und Alkoholfahne, weitaus weniger gepflegt als der Alte heute. Und doch haben beide etwas gemeinsam. Sie haben den Willen, sich zu informieren nicht abgelegt. Ich finde es bewundernswert, dass in diesen beiden, wie auch in vielen anderen, die zwar von der Gesellschaft keine Chance mehr kriegen (sei es selbst oder fremd verschuldet), aber trotzdem nicht aufgesteckt haben, sich zu informieren.

Es zeigt, dass die Leute sich interessieren. Es zeigt mir, dass sie eine Chance verdient hätten. Vor Monaten lungerte ein Streuner in Jeansweste am Campus herum. Ich unterhielt mich mit ihm, weil ich schlecht nein sagen kann. Ich hab das Gespräch und die Eindrücke nicht bereut. Man merkte, dass es dem Mann an vielem mangelt – auch der Gelegenheit, sich und seine Anziehsachen regelmäßig zu waschen. Trotzdem hat er mit mir in verschiedenen Sprachen kommunizieren können und mir von seinen Erlebnissen in und mit der Welt berichtet.

Solche Menschen verdienen auf ihre Art meinen Respekt. Ganz anders ein Typ, dem meine Freundin und ich auf dem Rückweg begegneten. Ebenfalls alkoholisiert, aber vor allem psychisch nicht mit sich im Reinen. Von einer Rasierklinge gröhlte er die Gäste in einem Restaurant an, die eigentlich den Platz vor dem Laden nutzten, um dort gemütlich in den Abendstunden die Abendatmosphäre zu genießen. Stattdessen erwartete sie eine Tirade, getränkt von Melancholie und aus dem egoistischen Impuls heraus, die Welt und alle um sich herum für die eigenen Verfehlungen verantwortlich zu machen.

Dieser Mensch suchte einen Sündenbock, und war zu feige, sich selbst in die Verantwortung zu nehmen. Solche verdienen meinen Respekt nicht, mit keiner Silbe, zu keiner Zeit. Dinge wie diese sind mir auch schon woanders untergekommen, nur habe ich bis dahin nicht oft ein Wort darüber verloren. Heute, vor dem Schlafengehen, eigentlich schon, als ich auf dem Weg zum Bahnhof war, dachte ich bei mir, musst du ein paar Zeilen notieren, und die Würdigung der einen notieren. Da wusste ich noch nicht, dass mir auch einer der anderen begegnen würde, und nun ebenfalls eine Rolle, ein Gastspiel haben durfte. Gute Nacht.

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