30. August 2008

Wikipedia: Wenn man Blogger abschreibt

Die Relevanzkriterien der Wikipedia, aber nicht nur diese, sondern beispielsweise auch die konservative Prägung deutscher Journalisten und Literaten, haben für Blogger wenig übrig. Diese Entscheidungen sind mit Sicherheit nachvollziehbar, gibt es doch unheimlich viele Blogs, die mit den persönlichen Gedanken und Ideen von Hinz und Kunz bemalt sind. Ideen-Graffitti könnte man es nennen. Patchwork ebenfalls.

Vor Jahren habe ich meine Gedanken nicht dynmaisiert in Form von Blogs in die Onlinewelt gebracht, sondern schön von Hand Webseiten erstellt und mit HTML und Javascript ausgestattet, damit sie zumindest meinen Ansprüchen genügten. Natürlich könnte ich das heute immer noch tun, aber gerade das Verwenden eines CMS (oder Blogsystems) vereinfacht – vor allem aber beschleunigt es die Erstellung von (bebilderten) Texten.

Das führt heute, Jahre nachdem Blogs sich als Kommunikationsform ausgebildet haben, dazu, dass immer mehr und mehr Menschen – eben auch solche, die wenig Ahnung von der Computerei haben, den Versuch unternehmen ihre Gedanken für die Onlinewelt festzuhalten. Die Akademik entdeckt in Teilen das Bloggen für sich und es gibt besonders hochkarätige Wissenschaftler, die bereits eine ganze Weile bloggen oder zumindest bloggen lassen.

Meiner Meinung nach werden Wikipedia und andere, die den Blogs en bloc die Relevanz entziehen, sich selbst damit keine Freude bereiten. Google hat vor einiger Zeit Knol aus der Taufe gehoben. Damit verfolgt man ein anderes Konzept als das der Wikipedia, eher eines, das einem Almanach gleichkommt. Ob Knol erfolgreich sein wird, hängt auch davon ab, wie stark die Wikipedia sein kann.

Im deutschsprachigen Bereich macht sich Stagnation breit. Man ist an einem Punkt angelangt, an dem viel Frust ensteht, weil es mehr um Rechthaberei, denn um Produktion von Wissen geht. Die Wikipedia kann daran scheitern, dass sie dem Menschen ein Recht einräumt, dass ihn selbst immer schon in seinem gesellschaftlichen Leben, jedes einzelne Individuum vor allem, vor unüberbrückbare Hürden gestellt hat. Arbeitsverhältnisse wurden zwangsbeendet, Ehen geschieden, Beziehungen gecancelt und so fort. Alles nur, weil es am Ende darum ging, Recht zu behalten.

Doch natürlich ist dieses Moment ebenfalls eines, das Lebensqualität bedeuten kann. Wenn, ja wenn man öfter Recht behält, als gezeigt zu kriegen, dass man im Unrecht ist. Und vor allem dann, wenn man beratungsresistent und uneinsichtig ist, wenn man stoisch und naiv diskutieren kann, tagaus tagein. Mir geht es nicht allzu sehr um Blogger im Speziellen. Denn es gibt noch weitere Kommunikationsformen, die von Wikipedia und anderen gemieden werden.

Der Zahn der Zeit allerdings nagt an dem Relevanzbegriff. Immer deutlicher wird das zum Beispiel, wenn ein Phänomen mediales Echo erhält, von dem davor niemand gedacht hätte, dass es so kommt. Man merkt, dass es solche Phänomene gibt, die im Web groß werden, und erst viel zu spät, wenn sie ihren Zenit überschritten haben, von den “klassischen” Massenmedien wahrgenommen werden. Das ist okay, weil diese anders strukturiert sind. Doch gerade die Wikipedia als Kind des Web, hat in dieser Hinsicht versagt. Denn sie gebahrt sich in solchen Situationen als klassisches Massenmedium, das sie nicht ist.

Wer sich Löschdiskussionen in Wikipedia einmal angucken mag, wird als Akademiker aus dem Bereich der Sozialwissenschaften oder der Psychologie und anverwandten Disziplinen sehr sehr oft Symptome von Machtspielen, Eitelkeiten, etc. pp. erkennen. Das ist der Sache, der sich die Wikipedia verschrieben hat, aber nicht zuträglich. Es ist jedoch nur eine logische Konsequenz der inneren Strukturiertheit der Wikipedia. Sie ist ein großes Becken geworden. Ein Becken durchaus auch – natürlich nicht ausschließlich – für solche Leute, die Spaß daran hätten, ihre Nachbarn zu bespitzeln, und Spaß daran hätten, die Polizei zu rufen, weil jemand auf einem Parkplatz steht, auf dem er nicht stehen darf, gleichwie der Parkplatz jemandem gehört, der vielleicht gar nichts dagegen gehabt hätte. Für solche Leute eben, die sich in Dinge einmischen, die sie eigentlich nichts angehen.

Belege? Ich selbst habe hin und wieder die Wikipedia aufgerufen um mich zu informieren. Auch in wissenschaftlichen Angelegenheiten. Wann immer ich allerdings fehlerhafte Informationen fand, habe ich sie “versucht” zu korrigieren. Es ist unheimlich skuril. Ich bin ein Nachtmensch, und habe hin und wieder um 2 oder 3 Uhr in der Früh Zugriffe auf die Wikipedia getätigt. Mitten in der Nacht wurde ich dann darüber informiert, keine 2, 3 Minuten nach meiner Veränderung des Beitrags, dass dieser von dem zuständigen Moderator wieder verschlimmbessert wurde, zum Teil eben in den Urzustand zurück gesetzt, in dem aber beispielsweise das Geburtsjahr eines Schriftstellers falsch abgedruckt war. Durch solche skurilen Augenblicke gewinnt man das Gefühl, dass es Leute in der Wikipedia gibt, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als über ihre Schätze zu wachen, und sobald nur jemand es wagt, ihn anzufassen, ihn mundtot zu machen. Das ist schade, enorm schädlich und überhaupt nicht mit dem Gedanken vereinbar, dass das Wissen in der Wikipedia “allen” und nicht “jedem Einzelnen” gehört.

Ich könnte mich im Kreis drehen, weil Sprache als Phänomen genauso strukturiert ist, sie hat diesen Doppelcharakter. Sie gehört jedem selbst und doch uns allen, und das führt dazu, dass manche sich als Wichtigtuer und Sprachschützer auftun, und anderen alles egal ist und die kommunikativen Aspekte total außer Acht gelassen werden. Und ich tippe, und tippe und tippe – einen Ausweg aus dem Schlamassel finde ich trotzdem nicht. Alles was ich für meinen Teil tun kann, mich heraushalten aus dem abstrusen Treiben. Ich blogge lieber meine Inhalte und bin überzeugt, dass es immer mal wieder jemanden gibt, für den das eine oder andere Wort von mir Relevanz hat, so wie umgekehrt natürlich auch. Aber meine Zeit ist mir zu kostbar, um mich mit solchen wikipedianischen (und manchmal weltfremden) Pedanten auseinander zu setzen.

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Kategorie Media · Autor Alexander Trust · Keine Kommentare


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