19. October 2008

Die andere Insel im Wattenmeer

von Markus Stahmann

Mit jeder Seemeile, die der Versorger Sara Maatje VII zurücklegt, wird sie immer größer, bis sich schließlich die bis zu 70 Meter hohen Aufbauten bei der Ankunft über einem auftürmen. Seit 1985 befindet sich die künstliche Insel aus Beton und Stahl im Gebiet der Mittelplate, einer Sandbank im südlichen schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Seit 1986 wird von der gleichnamigen künstlichen Insel Mittelplate das größte Ölfeld Deutschlands erschlossen.

Steigt man die steile Schiffstreppe hoch, überragt der 70 Meter hohe Bohrturm die Insel. Von hier aus werden Bohrungen in 2000 bis 3000 Metern Tiefe vorangetrieben – dort lagert das “Schwarze Gold” in mehreren Sandsteinschichten. Doch von Mittelplate werden keineswegs nur vertikale Bohrungen in die Träger gebracht – alle Bohrungen verlaufen horizontal durch die ölführenden Schichten. So lässt sich das Ölfeld in einem Radius von sechs Kilometern um die Insel herum erschließen. Dadurch steigen die Endlängen der Bohrungen schnell auf über 4000 bis 5000 Meter an.

Seismische Messungen

Doch wie kam es, dass man beschloss eine einzigartige künstliche Insel auf dem Wattboden zu errichten? Die Chronik des Projektes Mittelplate geht hier schon auf die 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Erste seismische Messungen ließen Hoffnungen auf eine Lagerstätte im schleswig-holsteinischen Wattenmeer zu. Eine Probebohrung konnte die Vermutungen zwar bestätigen, doch war damals die weitere Erschließung unwirtschaftlich. Erst die Ölschocks in den 70er Jahren ließen die Bedeutung von heimischen Quellen steigen und es wurde mehr Geld in die Erschließung von heimischen Lagerstätten investiert.

Pilotphase

So dauerte es bis ins Jahr 1980, bis eine Probebohrung im Gebiet der Mittelplate ölfündig war. Weitere Bohrungen bestätigten den Fund – die Bedingungen der Lagerstätte galten weiterhin als schwierig. Trotzdem entschloss sich das damalige Konsortium aus Deutsche Texaco und Wintershall eine Bohr- und Förderinsel in diesem Gebiet zu bauen.
1986 war diese nach etwas mehr als einjähriger Bauzeit fertiggestellt und begann mit dem Niederbringen (bergmännisch: abteufen) von drei Produktionsbohrungen. Im Oktober 1987 begann die Testförderung und gleichzeitig die Pilotphase.

Hohes Niveau halten

In dieser Zeit entwickelte sich das Ölfeld prächtig und man konnte von Jahr zu Jahr die Förderung steigern: Mittelplate förderte wirtschaftlich Öl. In den Folgejahren wurden weitere Investitionen getätigt: Weitere spezielle Ölbargen wurden gebaut, um die die Förderung auf einem hohen Niveau zu halten. Bis zum Jahr 2005 wurde das Öl von der Bohr- und Förderinsel nämlich nicht mit einer Pipeline, sondern mit sehr sicheren Spezialschiffen an Land zu den Raffinerien transportiert. Die Prognosen über die Größe der Lagerstätte wurden über die Jahre von 75 Mio. Tonnen bis über 100 Mio. Tonnen nach oben korrigiert.

Dieksand bringt…

Im Jahr 1996 begann man mit einem weiteren Meilenstein des Mittelplate-Projekts. Die erste Aufschlussbohrung “Dieksand 1″ wurde vom Land aus abgeteuft. Sie sollte die Formationen erkunden, um weitere Horizontalbohrungen von Land aus durchführen zu können.

… Produktion von Land

Die Entwicklung der Bohrtechnik lässt es nämlich heute zu, dass Bohrungen sehr weit und stark abgelenkt werden können. So wurden mit der “Dieksand 2″ und den folgenden fünf Produktionsbohrungen Bohrungen niedergebracht, die es bislang in Deutschland nicht gegeben hat: Von Land aus werden Bohrungen über eine Horizontalstrecke von sieben Kilometer in die Lagerstätte getrieben. Mit Endteufen von bis zu knapp 9300 Metern zählen diese “Extendend-Reach-Bohrungen” zu den weltweit am stärksten abgelenkten Bohrungen. Durch diesen Fortschritt konnte im Juni 2000 auch die Produktion von Land aus beginnen. Nun wurde Mittelplate also On- und Offshore erschlossen.

Wie zu Hause

In den folgenden Jahren wurden weiterhin die Einrichtungen auf der Bohr- und Förderinsel teilweise erneuert und modernisiert, also an den Stand der aktuellen Technik angepasst. So bekamen zum Beispiel die Arbeiter ein moderneres und bequemeres Wohnquartier.

Hier haben sie diverse Möglichkeiten ihre Freizeit in den Freizeiträumen mit Fernsehen, Billiardtisch oder Sitzecke zu verbringen. Wer etwas Sport machen möchte, zieht sich in den Fitnessraum zurück und kann dort seine Übungen durchführen, anschließend kann man in der Sauna zum Beispiel entspannen.
Für das leibliche Wohl der Mitarbeiter sorgt das Team der Küche, so hat man die Auswahl zwischen verschiedenen Menüs, die von dem Ei, über die Suppe bis hin zum klassischen Nackensteak mit Pommes variieren. Nachtisch und Getränke kann sich jeder selbst zusammenstellen – nur alkoholische Getränke sind auf der gesamten Insel verboten.

Rückzug mittelfristig

Die letzten großen Modernisierungsarbeiten wurden im Jahr 2005 durchgeführt. Eine Pipeline soll dafür sorgen, dass mehr Öl produziert wird und somit die Lagerstätte schneller ausgefördert werden kann. Man wird sich so voruassichtlich etwa zehn Jahre früher aus dem Wattenmeer zurückziehen, als wenn die Schubverbände das Öl weiterhin abtransportieren würden. Außerdem entfallen so im Jahr durchschnittlich 2000 Schiffsbewegungen.

Neue Bohrer

Eine weitere Maßnahme war der Austausch der Bohranlage. Das alte Gerät musste nach über 20 Jahren Dienst einer neuen, moderneren Anlage weichen: mit ihr lassen sich noch tiefere und vor allen Dingen weitere, also in einem größeren Radius, Bohrungen abteufen. So kann das Ölfeld von der Insel aus optimaler erschlossen werden. Das Gerät, das auf den Namen “T-150″ hört, zählt zu den modernsten und schwersten Bohranlagen Europas. Mit ihm sind Bohrungen in einem Umkreis von bis zu zwölf Kilometer um die Insel herum möglich; natürlich in großen Teilen in Horizontalstrecken.

Sicherheit wird großgeschrieben

Besonders erwähnenswert ist, dass für Mittelplate hohe Sicherheitsstandards und -auflagen bestehen. Diesen ist man von Seiten der Projektleitung nachgekommen, und so sind die Anlagen und Maschinen zum Beispiel schallgeschützt, um die Umwelt nicht zu beeinträchtigen. Alle Betriebs- und Prozessabläufe sind mehrfach gesichert.

Die Mittelplate-Bohrungen sind außerdem die ersten Ölbohrungen in Deutschland, die mit einem Untertagesicherheitsventil ausgestattet sind, so wie es sonst nur bei Gasbohrungen gemacht wird. Bei Schwankungen des Drucks fahren diese Sicherheitsventile in 50 Meter Tiefe das Bohrloch automatisch zu, sodass kein Öl mehr auf die Anlage kommt. Außerdem ist die Insel durch ihre Wannenkonstruktion so ausgelegt, dass auf der Insel mehr Öl aufgefangen werden könnte, als jemals auf ihr vorhanden sein wird. Abwässer, Regen- sowie Spritzwasser werden nur dann wieder in die Nordsee zurückgepumpt, wenn sie wirklich auf das millionstel Teilchen ölfrei sind. Ansonsten werden alle anfallenden Abfälle fachgerecht an Land transportiert und entsorgt.

Innovation und Natur

Die Bohr- und Förderinsel steht für jede Menge Innovationen. Viele Anlagen wurden speziell für den einmaligen Standort im Wattenmeer angefertigt und sind so konstruiert, dass sie die Natur nicht beeinträchtigen. Verschiedene Studien und Untersuchungen weisen außerdem nach, dass durch die Aktivitäten auf der Insel keine Beeinträchtigungen für die Flora und Fauna des Wattenmeeres bestehen.
In über 20 Jahren hat das Projekt Mittelplate bewiesen, dass sich im Einklang mit der Natur in einem Nationalpark sicher und umweltschonend Erdöl fördern lässt. Weltweite Anerkennung und Vorbildcharakter, sowie unfallfreie Erdölförderung sprechen für sich.

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